Mittwoch, 29. April 2020

XL - (28.April)


2020/04/28 21:41

Mit dem Pomera auf dem Bett.

Abendessen: Rote Paprikaschoten, gefüllt mit Feta und Ei. Gekochte Linsen. Griechische Backofenkartoffeln.

Um 17 Uhr wieder an den Strand gefahren. Auf dem Basketballplatz, an dem ich auf dem Weg dorthin vorbei komme, sind eigentlich immer junge Leute. Am Strand saßen Frauen in einem Badetuchkreis.

Gehe ins Wasser, der Sonne entgegen. Das Wasser ist nur am Anfang kalt und nach einer Weile angenehm frisch. Muss mich daran hindern, weiter und weiter hinauszuschwimmen. Sitze hinterher wieder eine Weile auf dem Mäuerchen, lese B.Traven und freue mich jetzt schon auf den Moment, wo ich das Buch ausgelesen habe. Es ist mir im Moment zu harter Tobak. Es gibt keinen Lichtblick. Im Grunde ist es, unter anderen Vorzeichen, aber nur eine Zustandsbeschreibung der Welt, so wie sie heute auch ist.

Ich schicke inzwischen, bevor ich das Haus verlasse, eine SMS an die griechische Regierung oder wen es auch interessieren mag, mit Information dazu, was ich gerade vorhabe. Meine Strandbesuche fallen unter die Kategorie „physical activity (excluding any collective sporting activity)”.

Hamish humpelt immer noch. Gestern war seine rechte Vordertatze ganz blutig - das fehlte noch, dass er auch die zweite Vordertatze nicht mehr benützen kann. Ich rieb sie mit einer Olivenöl-Teebaumöl-Mischung ein, die ich auch für meine Haut verwende, weil ich momentan nichts anderes habe. Jeden Tag mache ich außerdem einmal den Versuch, Cleo Tropfen in das Auge zu träufeln, aber sie ist immer schneller, schlauer, wendiger, stärker als ich.

Ein guter Tag. Saß auf dem Bett und arbeitete mich noch einmal durch den A-Text, änderte Kleinigkeiten. Habe ihn inzwischen an P geschickt, zu einem ersten Durchlesen. Und dann?

Der "Kindheit"-Kurs fängt am Freitag an. Acht Teilnehmerinnen. Ich habe schon eine grobe Planung gemacht. Morgen einen Einleitungstext formulieren, den Kurs ins Netz stellen. Den Haiku-Reader zusammenstellen und am Donnerstag verschicken. Für Freitag habe ich ein Zoom-Meeting zum Abschluss des "Schreiben im Jetzt"-Kurses angeboten. Dann bin ich zwei Kurse losgeworden und hab einen weiteren am Hals. Am Samstag Tanzworkshop. Muss ich mir wieder Gedanken machen, wie ich Geld reinbringen kann.

Jeder Arbeitsschritt dauert übrigens viel länger als ich vorher gedacht habe. Wahrscheinlich verdiene ich in der Stunde etwa 6 Euro (netto), weil ich die Preise so tief angesetzt habe und mich dann nicht gegen fordernde Teilnehmerinnen zur Wehr setze, die eine Spezialbehandlung einfordern, mich mit Mails überschütten, Fragen stellen, die auf der Kursplattform bereits beantwortet wurden etc.

Inzwischen habe ich die Heizung fast ganz ausgeschaltet und nur wegen meiner Morgendusche noch eine halbe Stunde beibehalten, weil die Sonne in der Früh das Wasser in dem Sonnenkollektor auf dem Dach noch nicht genügend erhitzt hat.

In fast allen europäischen Ländern stehen im Moment Corona-Lockerungen an. Wie die Pläne in Griechenland sind, weiß ich nicht. Die Schweden rühmen sich immer noch ihrer laxen Strategie, auch P schickt mir Artikel, die davon handeln. Ich sehe nur die Todeszahlen in der internationalen Statistik, da schneidet Schweden im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl nicht gut ab, vor allem im Vergleich zu den skandinavischen Nachbarländern. Vielleicht nimmt man das aber auch einfach in Kauf. Es sind ja "nur" die Alten, die sterben. Liegt darin ein Zynismus?

In unserer Familie spielt sich im Moment eine Tragödie ab, die nur indirekt mit Corona zu tun hat: Ein schwerstkranker Verwandter, wochenlang ohne Besuch im Krankenhaus, teilweise auf der Intensivstation, fast ohne Hoffnung, dann scheinbar doch auf dem Weg zur Gesundung, so dass er zur Rehabilitation wechseln konnte. In einer Woche sollte er nach Hause kommen. Nun hat er eine neue Diagnose mit einer terminalen Prognose. Und vorgestern ist auch seine Frau nach einem Kreislaufkollaps und einer Nacht auf dem Fußboden ihrer Wohnung ins Krankenhaus eingeliefert worden (natürlich ist kein Besuch erlaubt). Sie weiß im Moment noch nicht, wie es um ihren Mann steht - das ist auch der Tochter erst gestern mitgeteilt worden. Sein letzter Wunsch: zum Sterben nach Hause kommen und seine Frau noch einmal sehen. Die Tochter ist kurz vorm Durchdrehen, da seit dem Sturz klar ist, dass auch ihre Mutter offensichtlich alleine nicht mehr zurechtkommt. Es bricht einem das Herz.

Per Olof Enquist ist gestorben. 86-jährig.  "Mein schwedischer Lieblingsautor" schreibt ein deutscher Freund auf Facebook. Ich habe kein einziges Buch von Enquist gelesen, habe sofort ein schlechtes Gewissen deshalb. Woher kommt es?

Jetzt heile Katzenwelt am Abend: Cleo liegt neben mir, nachdem Caesarion, den sie zuvor eifersüchtig beäugt hat, hinausgegangen ist. Punxy hat es sich auf Cleos Diwan bequem gemacht. Ich werde nur noch das Katzenklo saubermachen und dann auch ins Bett gehen.



XXXIX - (27.April)


2020/04/27 20:28

Eine andere Einstellung zu meinen Aufzeichnungen finden. Ich hechele nur den "Ereignissen" hinterher, in einem ereignislosen Leben.

Erwachte aus einem Traum heute morgen, nachdem ich wieder eingeschlafen war, obwohl draußen schon die Sonne hell schien. Agnes war mit dem knallroten Anorak von P weggelaufen. Er war irgendwie auf ihr gelandet, wie ein Schildkrötenpanzer. Ich lief hinterher, einen Abhang hinunter, aber als ich ankam, sagte eine Frau, die dort in einer Gruppe mit anderen Frauen stand, sie habe den Anorak schon an einen Jungen gegeben, der ihn haben wollte, weil er (der Anorak) ja besitzerlos war. Sie hatte aber Verständnis für meine Situation. Ich weiß nicht, wie und warum, aber ich schlief neben ihr ein, so wie ich auch in meinem Bett einschlief, von der Müdigkeit überwältigt, und hoffte auf irgendeine Lösung des Problems, vielleicht darauf, dass der Junge wieder zurückkäme. Der Anorak kommt aus Finnland, erzählte ich ihr noch, als tue das etwas zur Sache. 

Beschloss am Wochenende, das Bibliotheksbuch, das inzwischen schon über einen Monat verspätet ist (die Bibliothek erlässt mir die Gebühren aber) mit der Post zurückzuschicken. Gedichte von Mary Oliver. Ging also zum ersten Mal seit vier Wochen den Weg hoch ins Dorf. Als ich die Postfiliale betrat, kam ich mir vor wie das Ereignis des Tages, so herzlich empfangen wurde ich. Ich kaufte einen Briefumschlag (fakelós), steckte das Buch (biblío) hinein und bezahlte dann horrende 14 Euro für den Versand. Wie lange es dauern wird? Vier bis fünf Tage, sagte die Frau hinter der Glasscheibe. Ich glaubte erst, sie sei dabei, "Wochen" zu sagen. Der Brief von P ist immer noch nicht angekommen, ich habe keine Ahnung, wie viele Wochen er jetzt schon unterwegs ist.

Das Traurige an der Buch-Geschichte ist, dass ich die Gedichte nicht (oder kaum) gelesen habe. Sie hätten eine innere Ruhe erfordert, die ich nicht gehabt habe. Jedes Mal, wenn mein Blick darauf fiel, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Deshalb scheint mir das Geld für das Porto dann doch eine gute Investition in meinen Seelenfrieden zu sein. Eine Quittung bekam ich natürlich nicht, vergaß auch, danach zu fragen.

Seit gestern gehe ich jeden Tag einmal im Meer baden. Es ist gut, einen weiteren festen Termin zu haben: Fünf Uhr nachmittags. Stelle das Fahrrad neben dem Hotel Delphinia ab und laufe dann durch den Park zum Strand. Ein noch aus dem letzten Jahr wohlbekanntes Ritual. Ziehe mich um und balanciere über die Steine ins frische Wasser hinein. Gestern wie auch heute waren ein paar junge Leute da, die nebeneinander auf ihren Badehandtüchern lagen. Ich blieb hinterher ein wenig auf einem Mäuerchen sitzen und las in dem Roman "Die Carreta" von B.Traven. Eigentlich weniger ein Roman als eine soziale Kampfschrift. Man wird wirklich vom Ekel gegen die westliche Zivilisation erfasst, die auf Ungerechtigkeit, Brutalität, Verlogenheit, Heuchelei gebaut ist.

Gestern widmete ich viele Stunden der Aufnahme und hinterher dem entnervenden Hochladen von Tänzen für den neuen Workshop. Zwischendurch geisterte ich auf dem leeren Seminargelände herum, in Fenster spähend, Türen zu den leerstehenden Zimmern öffnend. Ich betrat den Romawagen, in dem P und ich wohnten, als wir zum ersten Mal gemeinsam hier waren. Die Tür stand weit offen, wegen Arbeiten im Badezimmer, sonst hätte ich mich nicht getraut, hineinzugehen. Es gibt ein Foto von mir, mit dem Akkordeon (und einer Schildmütze, die ich schmerzlich vermisse) auf der Treppe sitzend. Prüfend machte ich ein paar Schritte im Labyrinth, hatte aber keine Geduld, es ganz abzugehen, und kehrte wieder um. Ging dann die Treppe hinunter zum Erdtempel, der auch offen war. Der große Bergkristall, der sonst immer in der Mitte stand, ist noch in ein Geschirrtuch eingewickelt und liegt in einer Kiste auf der Bank. Die Dachöffnung ist mit einer großen Plastikscheibe bedeckt.

Wenn ich das Haus putze, muss ich immer an Thoreaus Beschreibung denken, wie er in seiner Hütte in Walden einmal in der Woche alles vor die Tür stellte und dann das Haus ausfegte. Ungefähr so mache ich es auch und trage alle Möbelstücke, eins nach dem anderen, auf die Terrasse. Außer dem allgemeinen Hausputz suche ich mir außerdem jede Woche  ein paar Stellen im Haus für gründlichere Prozeduren aus. Dieses Mal bürstete ich die Fugen zwischen den Fliesen mit Bikarbonat, putzte die Fenster mit Essig-Spülmittel-Wasser, staubte das Regal ab, das über dem Bett entlangläuft. Die Bücher, die Teller, die Bilder, die ganze lebendige, vielfältige Geschichte, die dieser Ort für uns inzwischen angesammelt hat.

Heute Morgen, als ich aufwachte, war ich mir plötzlich ganz klar des Augenblicks bewusst, hörte das Singen der Vögel mit einer nie dagewesenen Klarheit. Es wurde so deutlich, dass ich sonst jeden Augenblick mit Ungeduld erlebe, als eine Projektion auf die Zukunft (oder die Vergangenheit).

XXXVIII - (25.April)


2020/04/25 20:04

Die Lehrerin des Aquarellkurses: eine junge Frau japanischer Abstammung, die in Argentinien lebt. Etwas an ihrem Gesicht fasziniert mich: Es ist auf den ersten Blick völlig unbeweglich, drückt aber viele Emotionen aus, oft sogar gleichzeitig, z.B. Traurigkeit und kindliche Freude. Die Übungen sind einfach, das ist auch für mich tröstlich und besänftigend. 

Heute ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass ich Angst vor dem Moment habe, wo die Ausgangsbeschränkungen wieder aufgehoben werden: zurück ins normale Leben. Ich schaute heute interesshalber nach, ab welchem Datum Flüge nach Kopenhagen gehen, aber es ergriff mich gleich der Widerstand. Ich möchte nie mehr weg von hier, nie mehr in ein Flugzeug steigen, nie mehr in einer Abflughalle stehen. Ich möchte nie wieder zurück in das Leben, das ich in Malmö zurückgelassen habe. Ich habe Angst davor, dass meine Zeit hier einfach aufgesogen wird vom Alltag, von meinen (oft schlechten) Gewohnheiten. Ich möchte immer hier sitzen, an diesem Tisch, mit dem Blick auf die Berge und auf den Sonnenuntergang, und am Morgen mit einer Tasse Kaffee auf dem Bett griechische Phrasen plappern, vor dem Haus Tänze üben, mit dem Fahrrad zu Theodosos einkaufen fahren. Ja, warum eigentlich nicht.

Giannis kam heute um neun mit Auto und Abhänger rückwärts den Abhang hochgefahren.  Nach zwei Stunden konzentriertem Beschneiden des Baums wollte er 20 Euro von mir haben. Er sah fast schuldbewusst aus, als er das sagte. Ich gab ihm 30. Fragte, ob er sich vorstellen könnte, sich um den Garten zu kümmern, wenn wir nicht hier sind. Er sagte zu, was P, deren Idee das Ganze war, sehr beglückte. Vangelis kam später an und verlangte für Rasenmähen, Zusammenrechen und Wegfahren 65 Euro. Das kam mir dann wiederum unverhältnismäßig viel vor. Andererseits hat er auch den Schlauch der Bewässerungsanlage geflickt, dafür Reserveteile besorgt. Die Mähmaschine ist gemietet und läuft mit Benzin, da fallen natürlich auch Kosten an. P schlug vor, ich sollte mir von Dino, dem Steuerberater, eine Steuernummer geben lassen, um an ihr Bankkonto zu kommen. Warum schreibe ich das alles? Weil meine Datei "Braindump" heißt. Notizen ohne Wert.

Als Giannis fertig war mit dem Beschneiden, fragte ich ihn, wie es um den Olivenbaum bestellt sei. Ach, sagte er, der wird noch viele Besitzer sehen in seinem Leben. Er gebe ihm noch 600 Jahre. Hingegen konstatierte er den endgültigen Tod der Terpentinpistazie vom Nachbargrundstück. Die muss gefällt werden.

Jedenfalls bin ich deshalb gestern nach dem Aufstehen zum Olivenbaum gegangen und habe ihn umarmt, meine Wange gegen seine Rinde gedrückt. Ich sollte es jeden Tag tun, dachte ich da noch, aber heute hatte ich es natürlich schon wieder vergessen.

XXXVII - (24.April)


2020/04/24 23:25

Gestern mit Georgios Auto zum Tierarzt Adamantios, der am Morgen am Telefon kurz angebunden war und jetzt umso freundlicher ist. Caesarion wird für gesund erklärt. Er erzählt, der Virus habe seinen geplanten Umzug nach Athen erstmal aufgeschoben. Aber warum? rufe ich hinter meinem Mundschutz. Warum Athen? Weil ich eine Veränderung in meinem Leben brauche. Aber ich habe doch angefangen, dich zu mögen! Das ist natürlich kein Argument, deshalb behalte ich es auch für mich. Die Freude über Caesarions Gesundung währt nur kurz, weil ich am Abend wieder Blut im Katzensand sehe.

Versuche, meine Tagesroutine jetzt streng einzuhalten. Spätestens um acht aus dem Bett, dann Frühstück und Griechisch, Sitzen und Yoga unter dem Dach. Hinterher unabhängig vom Wetter vier Stunden arbeiten, mit Zeitplan. Danach habe ich frei. Spaziergang, Bad im Meer, Lebensmittel einkaufen (so wie heute). Gegen Abend etwas Arbeit im Garten und hinterher ein Bild. Mich bei den Bildern nicht ablenken lassen von der Angst, dass sie denjenigen, dessen Fotooriginal ich abmale, enttäuschen könnten.

Steuererklärung eingeschickt. Tänze geübt. Nachmittags zum Einkaufen gefahren. Weil Theodosos zu hatte, war ich im kleinen Laden am Dorfeingang. Die junge Frau beruhigte mich, als ich anfing, mich wortreich wegen des Tragens des Mundschutzes zu rechtfertigen: "It's ok."

Hamish humpelt immer noch. Heute Reviermarkierung gegenüber dem anderen roten Kater, dem Kater mit dem traurigen Gesicht. Sie standen sich wie Spiegelbilder gegenüber und stellten die Rückenhaare auf. Hamish gewann, der Kater mit dem traurigen Gesicht trollte sich.

Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn Geld auf meinem Konto ankommt. Ich meine, man würde schnell entdecken, dass ich es nicht wirklich verdient habe. Andererseits kann ich nie genug bekommen.


XXXVI - (22.April)


2020/04/22 18:50

Gestern und vorgestern nichts geschrieben.

Einen angebrochenen A1-Block mit 190g Zeichenpapier von U bekommen, der bei ihr herumlag, in dem mindestens noch zehn Bögen sind. Ein Bogen lässt sich in 16 A5-Stücke zerteilen. Das heißt, dass ich ein halbes Jahr lang jeden Tag ein Bild malen könnte.

Machte meine Steuererklärung. Als ich den Empfehlungen folgte, die für Freiberufler momentan wegen Corona gelten, kam ich zu dem Ergebnis, dass ich so viel Geld zurückbekomme, dass ich meine Schonzeit um zwei Monate verlängern kann. War so schockiert und aufgekratzt von dem Ergebnis, dass ich mich gar nicht traute, die Steuererklärung abzusenden. Irgendwo vermutete ich einen Haken, ein Aber. Es ist natürlich kein geschenktes Geld, denn innerhalb von fünf Jahren muss man es zurückzahlen. Andererseits gehe ich auch kein Risiko ein. Wenn mir Geld übrig bleibt, kann ich es zur Tilgung meiner Wohnungsschulden verwenden.

Um meine Gedanken zu beruhigen, fuhr ich zum Meer, mein erster Ausflug nach fünf Tagen. Lief durch den menschenleeren Park der Delphinia Hotelanlage, streunte zwischen den Bungalows herum, die jetzt geschlossen sind, die Fenster mit Zeitungspapier verklebt, folgte auf dem menschenleeren Strand der Wasserlinie, bis ich zu den Felsen kam, die das Ende des Strands markieren. schaute mich dort ein wenig um, gelangte dann durch ein Loch im Zaun auf eine große Wiese mit Terpentinpistazienbäumen. Ich spazierte dort ziellos herum, bückte mich, um an der Kamille zu riechen, die dort in großen Mengen wächst, gelangte an einen Zaun, der auch bei genauestem Inspizieren kein Loch oder eine Möglichkeit zum Drüberklettern anbot und ging dann wieder am Strand entlang zurück. Hoch zum Fahrrad. Diese ziellosen Spaziergänge machen mir sehr viel Spaß. Ich habe keinen Ehrgeiz, ein Pensum zu absolvieren, ich schaue nicht auf die Uhr, mache keine Fotos. Tatsächlich lasse ich das Handy zu Hause, weil ich sonst die Finger nicht davon lassen kann. Hinterher kam ich gut gelaunt nach Hause zurück. Vangelis hatte in der Zwischenzeit das Gras vor dem Haus gemäht.

Ein Kurs über japanische Aquarellmaleri auf einer Internetplattform. Das wohlige Gefühl, jemandem dabei zuzuschauen, wie sie einen Pinsel in Farbe taucht und dann eine Kontur auf dem Papier ausmalt. Hinterher muss ich mein neu gewonnenes Wissen ausprobieren, mit dem Ergebnis, dass ich nicht merke, wie die Zeit vergeht und erst nach Eins ins Bett komme.

Die beste Zeit des Tages ist das Frühstück. Wahrscheinlich habe ich schon davon geschrieben. Ich setze Kaffee auf, schneide Scheiben von meinem selbstgebackenen Brot ab, schalte den Computer ein. Während ich Milchkaffee trinke und Honigbrote esse, gehe ich durch ein paar Abschnitte meiner Griechischlektionen.  Allerdings wird das, was ich da lerne, nie im Alltag auf die Probe gestellt.

Das schwierige Autothema - meine Schwester bittet mich, mit unserer Mutter darüber zu reden, dass sie das Autofahren jetzt sein lassen soll. Sonst ist sie die "Böse". Ich rufe meine Mutter an. Berufe mich auf unseren Vater. Er hat doch auch ungefähr im gleichen Alter aufgehört zu fahren - allerdings hatte er eine Frau, die daran gewöhnt war, hinter dem Steuer zu sitzen. Sie scheint es zu akzeptieren. Aber morgen kann alles schon wieder ganz anders aussehen.

Heute Vormittag Meditieren unter dem Dach und hinterher eine Runde geleitetes Yoga. Es ist angenehm, einfach den Anweisungen von jemand anderem zu folgen, ohne mir selber Gedanken machen zu müssen. Den ganzen Tag muss ich mir selber Anweisungen geben und ihnen dann auch folgen. Das ist oft eine zähe Angelegenheit. Manchmal bin ich von einem vagen Gefühl der Unruhe und Unzufriedenheit erfüllt. Dann fange ich mich wieder. Stillhalten, einfach wahrnehmen, was ist.

Video-Gespräch mit A, der unverschämt gut aussieht. Sitzt mit seiner Sonnenbrille unter dem Apfelbaum auf dem Hinterhof, die Haare frisch abrasiert. Dagegen komme ich mir verwahrlost vor, mit meiner Notbrille, meiner herausgewachsenen Frisur und meiner provisorischen Prothese. Wir konstatieren, dass wir beide im Moment keine große Motivation haben, am Text weiterzuarbeiten. Er erzählt von der Corona-Situation in Malmö. Eigentlich kein großer Unterschied zu vorher, behauptet er. Die Leute sitzen in Cafés als wäre nichts. Er kennt auch niemanden, der den Virus hat. Die Leute, die sie aus der urologischen Abteilung zur Covid-19-Station überweisen, weil sie Fieber haben oder husten, kommen in der Regel mit einem negativen Testergebnis zurück.

Wir vereinbaren, dass ich ihm Fragen schicke und er sie dann mündlich beantwortet.

Fast zwei Stunden am Meer, in der späten Nachmittagssonne, mit Alex Garland "The Beach". Die Stimmung des Buchs springt auf mich über. Dieses vage Unbehagen, aber auch die Lust daran, dem Unheil zu folgen.




XXXV - (19. April)


2020/04/19 23:45

Wie ist es wieder so spät geworden? Neben mir liegen die Reste des Tages. Habe Stunden damit verbracht, Palmwedel zu Untersetzern zu flechten, auf dem Terrassenboden sitzend. Man macht sich das oft nicht klar, dass hinter allem, was wir benützen, womit wir uns umgeben, die Arbeit eines Menschen steckt. Z.B. die von Hand applizierten Kissen, die P in Indien gekauft hat, die ich jetzt jeden Abend vom Bett entferne, wenn ich mich schlafen lege.

Habe Caesarion seine letzte Pille eingeworfen. Seine Augen sehen besser aus, und sein Urin riecht auch weniger scharf, bilde ich mir ein. Das neue Futter ist inzwischen auch akzeptiert worden. Der Schorf auf seiner Nase ist abgefallen. Vielleicht beruhte er auf Vitaminmangel und der Vitaminsaft, die ich ihm jeden Morgen aufs Bein geschmiert habe, damit er ihn abschleckt, hat etwas bewirkt?

Zum Osteressen bei U und I. Gefülltes Lamm, Salat, gekochter Blumenkohl und Broccoli. Dazu ein guter Rotwein, der von einem Deutschen in Eressos angebaut wird. Ich hatte zwei Palmblattuntersetzer mitgebracht, über die sie sich freuten. U ist vor drei Tagen gestürzt und hat sich das rechte Handgelenk gebrochen. Da wohne ich nur dreißig Meter entfernt und habe davon nichts mitbekommen.

Versuchte, im Internet neues Papier zu bestellen, aber ein Laden für Künstlerbedarf in Athen akzeptierte die Bestellung nicht - ich kam nicht weiter, gab schließlich auf. Versuchte es dann gegen meine Prinzipien bei Amazon, aber zum Glück war die Homepage grade in dem Augenblick überbelastet. Werde jetzt doch P bitten, dass sie mir etwas Papier, das bei mir herumliegt, mit der Post schickt, allerdings dauert es momentan etwas vier Wochen, bis Post hier ankommt. Die neue Telefonkarte, die P mir geschickt hat, ist immer noch nicht angekommen.

Malte mein heutiges #otherpeopleshomes auf eine Ikea-Tüte. Ich kann deutlich bei mir feststellen, dass ich je nach Vorlage in unterschiedliche Stimmungen gelange, mehr oder weniger inspiriert bin, mich mehr oder weniger engagiere. Heute war so ein Tag, wo ich mich irritiert fühlte, weil mir jemand ein Bild mit so vielen Details geschickt hatte, die ich unmöglich rüberbringen kann. Es wurde also nur ein Durcheinander.

(Zwei Tage später konstatiere ich, dass dieses Bild die meisten Herzchen meiner Serie bekommen hat - mir völlig unbegreiflich.)



Samstag, 18. April 2020

XXXIV - 18.April


2020/04/18 10:28

Es soll ein heißes Ostern werden. Schon am Morgen ist es in der Sonne warm. Gestern Abend war die Luft geschwängert von Weihrauch, als hätte man das ganze Dorf eingeräuchert. Ich hörte den Popen über den Kirchenlautsprecher singen, dann war griechische Tanzmusik zu hören. Derweilen war ich hier in meiner kleinen Blase und versuchte, meinen Tolino wieder mal zum Leben zu erwecken. Es gehörte zwar nicht zum Szenario meiner Super-GAUs, tut aber trotzdem weh, dass er nicht reibungslos funktioniert. Auf dem Tisch stapeln sich inzwischen schon Bücher, die ich in Seminarhaus gehamstert habe. Es ist jetzt vielleicht endlich auch mal Zeit, Xenophons Persian Expedition zu lesen. Ich würde nur gerne wissen, wie der Krimi ausgeht (Ben Aaronovitch: A Whisper Under Baker Street), nachdem ich mich schon mit der Hauptperson in der Londoner Untergrundkloake gesuhlt habe.

Die letzten Tage waren etwas zerhackt und unkonzentriert. Aber jetzt habe ich wieder eine Aufgabe gefunden: ein kleines eingemauertes Rundell zu einem geschützten Sitzplatz umzuwandeln. Ich sägte Palmwedel ab, die den Zugang versperrten und stach mich mindestens fünf Mal an den scharfen Stacheln, zweimal davon in den Kopf. Ich verstehe jetzt auch, dass man auf die Idee kommen konnte, Palmwedel als Dachbedeckung zu benützen. Die Konsistenz ist hart, sie bleiben in Form und die „Blätter“ bestehen aus einem zähen Material, das auch beim Trocknen nicht aus der Form gerät. Leider habe ich im Moment keine Verwendung dafür (oder vielleicht doch?). Ich fing an, das Unkraut in dem Rundell zu jäten, lasse aber ein paar Sukkulenten stehen, die sich im Sand verbreiten können. Eigentlich war dieser Platz dafür gedacht, hier evt ein Campingzelt aufzustellen, ist aber dazu nie genutzt worden. P informierte mich hinterher darüber, dass der Platz uns nur zu einem Drittel gehört. Aber niemand kann etwas dagegen haben, wenn ich manchmal da sitze und eine Tasse Kaffee trinke oder ein Buch lese.

Radelte am Donnerstag (vorgestern!? gefühlt vor einer Woche) nach Petra. Inzwischen fürchte ich mich gar nicht mehr vor der Strecke mit den starken Steigungen. Sogar im Gegenwind auf dem Rückweg schaffte ich es, die Steigung hoch zu radeln, ohne absteigen zu müssen. Wichtig ist nur, dass die Bremsen wirklich funktionieren, für die rasanten Bergab-Fahrten. Kaufte im Tiershop neues Spezialfutter für Caesarion und versuchte, einige Fragen zu klären. Keiner der Tierärzte war da, aber die Assistentin konnte mir helfen. Radelte in Hochstimmung zurück. Diese Ausflüge tun mir gut. Danach Einkaufen bei Theodosos, diesmal schon nach sieben Tagen, wegen der Osterfeiertage. Alles gut, sagte er lachend, immer noch ohne Mundschutz. Ich unterhielt mich mit einem älteren schwedischen Paar, die irgendwo hier in der Nähe ein Haus haben und eigentlich ganz planmäßig hier sind. Interessant, dass ich bei Schweden extrem selten (statistisch: nie) ein spontanes Gefühl der Nähe empfinde. Bei Griechen kann das im Bruchteil einer Sekunde entstehen. Ich saß gestern auf einem Mäuerchen, wo ich Wifi-Empfang hatte, und checkte Mails etc. Ein ziemlich ramponiertes Auto kam vorbei, hielt an, die Fahrerin fragte nach dem Weg zu Us Wohnhaus. Ich deutete den Abhang hoch. Ah, ok, danke. Kurze Zeit kam das ramponierte Auto wieder zurück. Ich signalisierte, dass ich etwas fragen wollte, und sie hielt neben mir an. Ja, sie sei die Besitzerin vom Restaurant Tropicana. Ja, man könne telefonisch Essen bestellen. Wir kamen drauf, dass wir auf Instagram verbunden sind. Ah! Sie erinnerte sich an meine Zeichnungen vom letzten Jahr. Gleich wollte sie die Hand zum Fenster rausstrecken, besann sich dann eines Besseren. Später mal, sagte ich, können wir das tun. Es war so ein Fall von sofortiger Sympathie, so ein Funken, der überspringt, von Augenwinkel zu Augenwinkel. Du bist eigentlich Griechin, sagte P zu mir am Telefon. Das habe sie sich schon länger gedacht.

Katzenkrankenschwester außerdem. Muss jetzt Hamish und Caesarions Medizineinnahme timen. Der Erstere ist wie ein pelziges Baby. Er frisst alles, was man vor ihn hinstellt. Mampf. Außerdem hat D eine besonders leckere Futterauswahl für ihn vorbeigebracht, damit er auch wirklich zweimal am Tag kommt. Cleo zischt manchmal beleidigt ab, wenn Hamish seinen Lachs in pikanter Soße in sich hineinschlabbert, vermischt mit Antibiotika, weshalb ich jede andere Katze daran hindern muss, an seine Futterschale zu kommen. Er humpelt noch immer, aber ich rieche täglich an der Tatze und schaue ihn gründlich an, und nichts scheint infiziert zu sein. Caesarion macht keinen besonders guten Eindruck, wird immer dünner. Das Spezialfutter schmeckt ihm nicht. Die Tabletteneinnahme ist außerdem immer ein Riesenkampf. Ich muss ihn auf meinen Schoß hieven, mit einem harten Griff im Nacken, und die Tablette in ihn hineinzwingen. Manchmal spuckt er sie hinterher doch wieder aus, und wir müssen wieder von vorne anfangen. Zermürbend für uns beide. Heute ist der letzte Tag, aber ich bin nicht sicher, ob es nicht eine Verlängerung geben wird. Muss Myrsini am Dienstag anrufen.

Auf WhatsApp schicken wir inzwischen Selfies mit Mundschutz hin und her. Meine Geschwister ganz modisch elegant (obwohl mein Bruder findet, dass sein Mundschutz eher einem Wirsingblatt gleichsieht). Ich natürlich mit DIY-Modell. R und S, die heute heiraten (wollten, aber wegen Corona wurde die Trauung abgesagt), haben sich ihre Mundschutze mit weißen Spitzen verschönert. Meine Mutter schaut unglücklich über den Rand des Mundschutzes, den meine Schwester ihr gebracht hat.

Mit meinen #otherpeopleshomes-Zeichnungen gerate ich regelmäßig in eine Krise. Es ist mir aber bisher noch immer gelungen, mich irgendwie hindurchzuarbeiten. Jedes Bild kommt mir zunächst unmöglich vor, aber das Ergebnis gefällt mir dann doch irgendwie. Das letzte Bild hat sich von allen anderen unterschieden, vor allem, weil zwei Katzen drauf waren. Eine Herausforderung. Erst machte ich einige Versuche mit Blindzeichnungen, dann einen konventionellen Versuch, scheiterte aber an unzähligen Details und zerriss ihn (das kommt nicht oft vor). Schließlich pantschte ich einfach Farbe auf ein Papier, ließ es trocknen, und arbeitete dann die Grundzüge des Motivs mit Negativkonturen raus, mit Hilfe von weißer Gouache, inspiriert von einer Landschaftsmalerin, die Tutorials auf Instagram macht. Die meisten Details ignorierte ich einfach, aber nicht alle, zum Beispiel in einem Bild an der Wand die Silhouette eines Manns mit Hut, von dessen Zigarette eine Rauchwolke aufsteigt (Kinoreklame für „China Town). Oder eine Krawatte, die an der Jalousie hängt. Ich habe jetzt schon eine Warteschlange für die nächsten Bilder. Bis Nummer 30 mache ich weiter, dann widme ich mich wieder dem, was ich hier vor der Nase habe. Ich werde jedenfalls mutiger und habe immer mehr Selbstvertrauen. Lerne eine Menge, mit jedem Bild, das ich male.


Lesbos 13/12 2021

Am Morgen wachte ich zum Plätschern des Regens auf. Machte mir Kaffee, schmierte mir Brote, packte eine Portion gesalzene Oliven in den Ruck...