Samstag, 27. Juni 2015

Lesefrüchte (I can't stop writing what I read)

"As for me, I decided that from that moment on I would live for myself only, and as soon as we returned to Naples that was what I did, I imposed on myself an attitude of absolute detachment."

Elsa Ferrante, The Story of a New Name

this, more or less

"This, more or less. Her words were very beautiful, mine are only a summary. If she had confided it to me then, in the taxi, I would have suffered even more, because I would have recognized in her fulfillment the reverse of my emptiness." 

Elena Ferrante, The Story of a New Name

Mittwoch, 20. Mai 2015

Wieder einmal lesen

"Yes, I said. Eve can't, doesn't know how, doesn't have the material to be Eve outside of Adam. Her evil and her good are evil and good according to Adam. Eve is Adam as a woman. And the divine work was so successful that she herself, in herself, doesn't know what she is, she has pliable features, she doesn't possess her own language, she doesn't have a spirit or a logic of her own, she loses her shape easily. A terrible condition, Nino commented, and I nervously looked at him out of the corner of my eye to see if he was making fun of me. No, he wasn't."

- Elena Ferrante: Those Who Leave and Those Who Stay

Montag, 18. Mai 2015

in the morning

In the morning

When I look into the mirror

I see the lines in my face

and wonder about my life.

What makes it so difficult to know?

And when you know, to do?

I followed a strange path,

often fought against the small things

and gave in for the big.

How should one live?

When I was young, this was the question.

Now that I am older, I do not know the answer.

The many things my hands have done

are now gone, not made for eternity.

My words have not left a trace.

The years have passed, even for me,

why am I surprised?

In this simple hut I drink my morning coffee, I eat my breakfast.

Somewhere there is war, I know.

There is always war, somewhere.

I do not hear guns from where I sit,

I just hear the cars from the motorway,

the sound of the small everyday war,

a senseless struggle against time, against space.

Nowadays I see to my garden, I feed the cats, I listen to the birds.

You could call me names,

but I have seized to care.

I am the woman without name, I own not a thing.

I walk in worn shoes, I look at the sky.

Sonntag, 3. Mai 2015

Das Geländer

Ich kann nicht schreiben, ohne mich irgendwo festzuhalten, panisch greife ich nach dem Geländer, ich werde vielleicht fallen und zwar sehr, sehr tief!

Ein Buch gibt es, aus dem mir der Freund entgegen spricht. Plötzlich höre ich seine Stimme, plötzlich ergreift mich die Erkenntnis, dass ich sie nie wieder hören werde, nicht so, nicht so wie damals, vor Jahren, Jahrzehnten beinahe. Wir waren doch Freunde, wir hätten doch Freunde werden können, er lud mich ein in sein Haus im Wald, wir hätten doch noch öfter zusammen frühstücken, die Nachrichten am Radio anhören können!

Das ist jetzt dein Zuhause, hatte er doch gesagt! Du kannst kommen, wann du willst.

Er hielt es doch aus, wenn ich weinte, er streckte sich doch auf der Matratze neben mir aus, in voller Kleidung, er lehrte mich doch das Stillsein, Holzhacken, ich weiß doch noch genau, wie er einen Fuß vor den anderen setzt, wie er sich räuspert, ich habe doch sogar Freundschaft geschlossen mit seiner Frau, seinem Sohn! Nur seine Geliebte meide ich, mied ich, ich muss von allem im Imperfekt schreiben...

Ich habe nicht gewusst, wie sehr ich du mir fehlst, schrieb ich ihm.
Im Unterschied zu dir habe ich immer gewusst, wie sehr du mir fehlst, schrieb er zurück.

Ich las es IHR vor, wir saßen auf dem Boden in meiner Küche, als seine SMS kam, ich war bereits dabei, sie zu verlieren, ich hoffte, sie zurück gewinnen zu können, aber sie wandte sich leichthin ab.

Auch er weiß von dem eiskalten Blick, der das Herz zum Gefrieren bringt, ich habe es heute gelesen, in seinem Buch.

Ich floh vor dem Buch in die Kälte der Nacht.

Immer gibt es irgendeine Katze, die ich vermisse, ich rufe Namen in die Dunkelheit, ich hoffe auf gute Nachrichten.

Mittwoch, 22. April 2015

Die Kiste (4)

Das Schaukeln und Baumeln in den Zweigen hat eine positive Auswirkung auf mein inneres Gleichgewicht. Ich kratze mir den Rücken, den Kopf, das Schienbein, knabbere ein wenig an meinen Fingernägeln und gähne, dass es in den Kiefern knackt. Einmal am Tag ziehe ich das Seil hoch, um zu sehen, ob mir jemand etwas zu essen in den Korb gelegt hat. Das mache ich so an die dreizehn Jahre, dann wird mir ein wenig langweilig. Mein Haar ist inzwischen so lang, dass ich es mir als Schal um den Hals wickeln kann. Aber an Ideen mangelt es mir deshalb nicht. Zuerst denke ich an den Raum, der meistens leer ist, bis auf ein paar wackelige Stühle. Fleckige Filzdecken liegen herum. Dann erst kommen die Menschen, aber sie sind meistens schon tot oder jedenfalls fast. Einer (1) ist Kirchenmusiker. Er ist sehr blass und dünn und fängt leicht an zu weinen. Er liebt alles von Mozart, auch Mozartkugeln. Unglücklicherweise leidet er an körperlichen Zuckungen und Tourettes Syndrom, was dazu führt, dass er oft unpassende Worte in den Kirchenraum ruft. Ein anderer (2) hat vor ein paar Monaten seinen Posten als Verlagslektor verloren, den er sowieso nicht mochte, da er sich eigentlich für einen Schriftsteller hält. Er trägt in einem Schuhkarton Romananfänge der letzten zwanzig Jahre mit sich herum, an denen er nicht weitergeschrieben hat, die er aber auch nicht wegwerfen kann, weil er sie immer noch vielversprechend findet. Seine Frau hat ihn aus der gemeinsamen Wohnung geworfen. Er trägt einen grauen Regenmantel und weiß nicht, wo er die nächste Nacht verbringen soll. Der dritte (3), ein Mathematiker, ist verliebt in eine Frau, die über zwanzig Jahre jünger ist als er. Er hat sie auf einem Kongress in Südafrika kennengelernt. Sie ist Doktorandin, lebt in Stockholm und ist mit einem netten Mann verheiratet, den sie auch liebt und mit dem sie einen kleinen Sohn hat. Manchmal ruft der Mathematiker die Frau an und fragt sie, was sie gerade macht. "Nichts Besonderes, warum." Er fragt sie, wo sie gerade ist. Sie sagt "In der U-Bahn" oder "Im Büro" oder "Zu Hause". Die Frau des Mathematikers fragt ihn, ob er untreu ist, und er sagt nein, was auch stimmt. Er möchte aufhören, die junge Frau anzurufen, aber er schafft es nicht. Sie hat gesagt, dass sie ihn nicht liebt, aber sie sagt nie, dass er sie nicht mehr anrufen soll. Nummer vier (4) ist Ingenieur in einer Papierfabrik. Er hat Lungenkrebs, weiß es aber noch nicht. Seit ein paar Wochen leidet er unter zunehmendem Husten und Mattheit und hat sich vorgenommen einen Arzt anzurufen, schiebt den Anruf aber vor sich her. Er hat manchmal die Phantasie, eine Frau zu vergewaltigen und zu quälen, konnte diese Vorstellung aber bisher immer wieder zurückdrängen und lebt sie durch das nächtliche Betrachten von schlecht gemachten Filmen aus.

(Das ist nicht das Ende, aber ich weigere mich jetzt, weiterzuschreiben. Nur ich weiß, was geschieht.)

----- ENDE -----

Sonntag, 5. April 2015

Die Kiste (3)

"Manchmal zweifle ich überhaupt nicht, da ergibt eine Handbewegung die nächste und das Leben ist wie ein silbrig glänzender Fluss, der durch meine innere Landschaft zieht. Meinen Käfig hänge ich in die Äste einer Eiche und kletterte geschwind und behende hinauf und wieder hinab. Mit Leichtigkeit benutze ich sowohl Hände als auch Füße zum Klettern, Festhalten, Hochziehen. An einem der ersten Abende im neuen Zuhause häkle ich mir eine schafwollene Mütze, die mir nicht nur den Kopf wärmt, da ja wie bekannt durch diesen im Normalfall der größte Prozentsatz der Körperwärme entflieht."

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                                           (Fortsetzung folgt)

Lesbos 13/12 2021

Am Morgen wachte ich zum Plätschern des Regens auf. Machte mir Kaffee, schmierte mir Brote, packte eine Portion gesalzene Oliven in den Ruck...