Freitag, 13. März 2020

Alltag auf Lesbos VI (11.März)


11/03/2020

Der Tag fühlt sich an wie eine Ewigkeit.

Die WHO hat eine Pandemie ausgerufen. Angela Merkel geht davon aus, dass 60-70% der deutschen Bevölkerung  sich mit Covid19 infizieren wird.

Auf dem Handy kommt ein blinkender High Risk Alert von der griechischen Regierung: High-Risk-Personen sollen so weit wie möglich zu  Hause bleiben. Ich habe heute einen neuen Flug gebucht - für in drei Wochen. In dieser Zeit bin ich zwar hier relativ sicher. Aber wie sieht die Welt bis dahin aus? Konzerte und Opernaufführungen werden abgesagt. Fußballspiele finden in leeren Stadions statt. Operationen werden verschoben. Menschen werden aufgefordert, möglichst zu Hause zu bleiben. 

Theodosos dreht sich zur Wand um und hustet, als ich im Supermarkt an der Kasse stehe. Vorher habe ich den Apotheker hustend sein Schild ins Geschäft tragen sehen. Die griechischen Schulen sind ab heute für zwei Wochen geschlossen. Indien schließt seine Grenzen. Dänemark schließt den Reichstag. Vielleicht gibt es bald Engpässe bei der Lebensmittelversorgung? Vielleicht sollte ich trotz allem auch ein wenig bunkern?

Am Vormittag wieder Probleme damit,in die Gänge zu kommen. Stehe zwar früh auf, bin aber dann doch erst wieder gegen zehn in meinem "Meditationsraum". Zum Mittagessen gebratene Champignons und Spiegeleier, dazu Salat mit Fetakäse und Brot mit Olivenöl. Fahre dann ins Dorf zum Einkaufen und setze mich im einer stillen Ecke hin, um ein Bild von einem leerstehenden Haus zu malen. Dieser Prozess des Zeichnens und Malens lässt mich den Augenblick intensiv erleben. Ich blättere im Zeichenbuch zurück. Was ich gestern gezeichnet habe, scheint schon wieder lange her zu sein.

Ach, alles scheint im Moment unsicher. Was, wenn der Virus sich nicht aufhalten, nicht bekämpfen lässt? Wie wird die Welt dann in einem Jahr aussehen? Noch glauben wir an eine wundersame Wende. Und dass wir nicht davon betroffen sein werden und niemand in unserer Nähe. Noch kenne ich niemanden mit dem Virus. Wann wird der erste Name auftauchen? Oder sogar der erste Todesfall? Ist alles wirklich nur unbegründete Panik?

Und alles kommt vom mangelnden Mitgefühl, von der Gier der Menschen, ihrer Dummheit. Wie wir Tiere behandeln, misshandeln, benützen, missachten - ob es jetzt in China angefangen hat oder woanders, spielt vielleicht keine wirklich große Rolle.

Ich muss es jetzt meinen Geschwistern überlassen, eine Entscheidung zu treffen hinsichtlich der Frage, ob es klug ist, am Wochenende einen Familienausflug an den Achensee zu machen. Es lässt sich von hier nicht beurteilen.

Alltag auf Lesbos V (10.März)


Heute lief das Gehirn heiß. Da AM jetzt wegen Coronavirus und Flüchtlingsituation nicht nach Lesbos kommt, könnte ich länger bleiben. P und ich denken verschiedene Lösungen durch. Es darf nicht zu teuer sein. Ist es denn sinnvoll? Ist es sicher?

Die ersten Personen in Molyvos sind in Quarantäne: eine Gruppe, die aus Palästina zurückgekommen ist. Ein bestätigter covid19-Fall in Plomarion, eine Frau, die in Italien war. Ich fahre nur ins Dorf, um Lebensmittel zu kaufen, und sitze hinterher im Garten in der Sonne. Esse gebratene Champignons mit Petersilie, Spiegeleier, gekochten Broccoli, Salat. Dazu Baguette und etwas Retsina mit Sodawasser. Hinterher schlafe ich auf der Sonnenliege, eingewickelt in eine Decke. Noch später mache ich eine Skizze von der Aussicht von der Terrasse, auf der Treppe sitzend. Julia wuselt um mich rum, sucht fast aggressiv nach Nähe. Es befriedigt mich momentan, bei den Skizzen an den Details zu arbeiten. Es ist eine ruhige, meditative Arbeit.

Arbeitete morgens am Buch - es macht Fortschritte. Ich habe jetzt unter dem Dach meinen Yoga-, Meditations- und Computerraum. Auch mein Telefon lege ich dort ab, muss also immer die Leiter hochklettern, wenn ich etwas nachschauen will. Es muss doch möglich sein, meine Abhängigkeit zu überwinden.

Gestern ein magischer Nachmittagsspaziergang im Dorf. Ich begegnete niemandem. Vielleicht hatten alle sich wegen der Ankunft des Virus verbarrikadiert. Nur die  Katzen waren unterwegs. Ich hatte meinen Fotoapparat dabei und machte einige Bilder. Wenn die Menschen nicht da sind, sieht man, dass das Dorf eigentlich den Katzen gehört. Die Stille, in der sie sich aufhalten, sprang plötzlich auf mich über. Ich setzte mich auf eine Steinstufe und machte eine Skizze von der Aussicht und von einer Katze, die neben mir auf einer Steinmauer saß. Sie rührte mich an, denn sie hatte im Unterkiefer keine Zähne, was ihr ein melancholisches Aussehen gab.

Ich arbeitete gestern bis nach Mitternacht, nahm mir aber vor,dass das nicht der Normalzustand werden darf.

War heute in der Abenddämmerung bei U und I, um den Rest von unserem Olivenöl abzuholen. Begleitete zunächst U zu einer Sicherungssäule mit mehreren Stromzählern und Sicherungen ein paar Grundstücke weiter, um nachzusehen, warum der Strom in ihrem Haus ausgefallen war. Beim letzten Stromzähler, den wir prüften, fanden wir tatsächlich einen ausgelösten Sicherungsschalter und legten ihn wieder um. Dann pumpte ich Öl aus dem Kanister in leere Sodaflaschen, die ich zu dem Zweck gesammelt hatte, zu den pausenlosen kritischen Kommentaren von I, die schlechter Laune war. Es kam mir fast so vor, als würde sie mir das Öl nicht gönnen. Nach einer Weile riss sie sich sichtlich zusammen, wir verabschiedeten uns lachend. Ich war trotzdem froh, von dort wegzukommen. Die Stimmung war gespannt, auch wenn das Feuer gemütlich im Kamin prasselte.

Ich las heute weiter in dem zweiten von meinen chinesischen Krimis ("Rote Ratten"). Bin beim Lesen nicht besonders engagiert, aber doch irgendwie gut unterhalten.

Nach dem Abendessen (Brot mit Olivenöl, Ladotiri, Broccoli und Oliven) saß ich dann unter dem Dach und übte Griechisch. Ich bin neugierig, ob ich jemals in der Lage sein werde, es anzuwenden.

22:15. Rede mit meiner Mutter am Telefon, die ohne Murren jetzt den Rollator benützt. Sie ist auch sehr zufrieden mit dem Essen, das ihr jetzt jeden Tag von "Essen auf Rädern" vorbeigebracht wird. Es kommt zwischen elf und halbzwölf, und dann ist sie auch schon "sehr hungrig", so dass sie sich gleich hinsetzt und direkt aus der Aluminiumpackung isst. Hinterher wirft sie die Verpackung weg. Sie erzählt mir, dass mein Bruder ihr ein riesiges Schild an den Küchenschrank geklebt hat: "Tabletten nicht vergessen". Auch dass sie jetzt Hilfe zum Duschen und Haarewaschen bekommt, findet sie praktisch. Dass sie am Wochenende zu einem Familientreffen am Achensee fahren soll, belastet sie mehr. Sie möchte lieber zu Hause bleiben. Ich sage ihr, dass es gut ist, hin und wieder seine gewohnte Routine zu verlassen und auch, unter Menschen zu kommen. Sie stimmt mir zu.

Fertig für heute. Es ist 22:34. Zähneputzen. Bett.

Montag, 9. März 2020

Alltag auf Lesbos IV (8./9.März)


Gestern nichts geschrieben, weil ich so müde war nach der Wanderung. Wachte in der Nacht mehrmals auf, aus einer dunklen Tiefe. Ein Traum: Ich beschloss, in ein Wohnprojekt einzuziehen. Eine fremde Stadt. Irgendwo auf Reisen.

Ich lasse jetzt die Gardinen immer offen, um näher an der Umgebung - Sternennacht, aufgehende Sonne, Vogelgesang, Wind, Regen, was auch immer - zu sein.

Montag. Neue Morgenroutine: Tablette essen, Nachrichten lesen, Aufstehen, Duschen, Frühstück mit griechischen Vokabeln. Tagebuch-Blog auf dem Bett, mit Kaffee. Meditieren unter dem Dach und Yoga auf der Terrasse. Dann Schreibtisch.

Caesarion signalisiert, dass er raus will, indem er sanft mit der Tatze an den Schlüssel schlägt, als wäre der eine Glocke. Was er natürlich auch ist. Die Dienerin erhebt sich sofort.

Ai Weiwei stellte einen schlechten Witz auf Instagram: "Corona virus is like pasta. The Chinese invented it, but the Italians will spread it all over the world." Der Aufschrei vorprogrammiert. "Geh zurück zu deinen Insekten und rohen Mäusen." "Stop eating dogs." Jemand schreibt. "Die Italiener haben die Nudeln erfunden!"

Die Bundesregierung signalisiert, dass sie 1000-1500 Flüchtlingskinder aufnehmen wird. Erdogan hat von 143000 Flüchtlingen gesprochen, die er über die Grenze entlassen  habe. Es sind von europäischer Seite etwa 20000 Ankünfte gezählt worden. Lese Artikel in der Süddeutschen, die mich über das informieren, was ein paar Kilometer von hier entfernt passiert. 

Gestern habe ich mich auf eine Wanderung begeben, die bewährte Runde von der Schafswiese beim Wasserreservoir über die Kapelle und das Tal der Windmühlen nach Vafios, und dann bergab über den Wald zurück. 

Außer dem Schafbauern mit der Wollmütze bei der Schafswiese, wo ich mein Fahrrad abstellte, bin ich keinem einzigen Menschen begegnet, nicht einmal in Vafios, wo mir nur frenetisch bellende Hunde entgegen kamen. Bleiche Schafsknochen auf dem Weg. Das einsam junge Pferd stand wieder angeleint am Rand des Wegs, das Maultier auf seiner Wiese, schön und unwirklich, mit großen pelzigen Ohren, die sich in alle Richtungen drehten. Es kam zögernd näher und streckte seinen Kopf über den Stacheldraht, als ich mit ihm redete. Ich streichelte seine weiche Schnauze mit meinem Handrücken, aber es erhoffte sich offensichtlich etwas Leckeres zum Fressen, und wir erschraken beide, als es versuchte, meine Hand zu schnappen und ich sie schnell zurückzog.

Auf meinem Weg durch den Wald, wo ich mich letztes Mal verfranst habe, redete ich mir selber zu, ruhig zu bleiben und die Markierungen nicht aus den Augen zu verlieren. Tatsächlich entdeckte ich die Abzweigung, an der ich das letzte Mal einfach vorbeigelaufen bin. Alles verlief also ohne Zwischenfälle

Ich machte drei Skizzen, eine bei der Kapelle, eine von Vafios und eine im Wald. Bei der Kapelle war es so windig, dass alle meine Sachen wegwehten.

Wahnsinnig müde und hungrig, als ich nach Hause kam. Leerte fast eine ganze Tüte mit Haselnüssen, während ich darauf wartete, dass mein Essen fertig wurde. Machte Fava aus grünen Erbsen, gebratene Aubergine, ofengebackene Kartoffel und trank dazu Retsina mit Sodawasser. Etwas Griechischlernen am Computer, dann ins Bett und noch ein bisschen chinesischer Krimi.

Agnes ist hier. Agnes, magisches Wesen. In all den Jahren ist es mir nicht gelungen, ihr näher zu kommen als bis auf einen halben Meter. Selbst, wenn ich mehr Futter in ihre Schale gebe, verteidigt sie sich mit einem Tatzenschlag. Ich begreife immer noch nicht, wie es mir vor ca. sieben Jahren gelungen ist, sie einzufangen, damit wir sie kastrieren lassen konnten. Wir lockten sie erst irgendwie ins Haus, wo sie sofort totale Panik kriegte und buchstäblich die Wände hochkletterte. Sie verfing sich dann zwischen Fenster und Mückennetz, und ich konnte mit meiner behandschuhten Hand zupacken und sie in den Käfig steckten. Die Tierärztin Myrsini kam mit dem Auto vorbei und nahm sie zur Operation mit nach Mytilini. Zwei Tage später holten wir sie mit einem Mietauto ab. Myrsini erzählte uns, Agnes habe sich vorbildlich verhalten und sich sogar mit der Katze im Nachbarkäfig angefreundet. Sie ist wie eine feine kleine Dame. Sie sieht immer gut gepflegt aus, auch wenn man an den Kratzern auf ihrer Nase sehen kann, dass sie ein paar Mal eine gewischt bekommen hat. Im letzten Jahr hat sie Mut gefasst, am Abend ein paar vorsichtige Schritte ins Haus hineinzukommen, in Richtung Futterschalen, aber sobald man selber eine Bewegung macht, ist sie schon wieder draußen.

Die Sonne scheint.

Alltag auf Lesbos III (7.März)


Unzufrieden mit mir selber, weil ich mein Abendessen so nachlässig in mich hineingestopft habe. Ungesundes Zeug: Weißbrot, Salami, Butter. (Salami nur, weil P sie hier zurückgelassen hat) Auch Ladotiri - Ziegenhartkäse -, aber das macht diese nährstoff- und vitaminarme Ernährung auch nicht wett. Auch unzufrieden mit meinen Skizzen heute. Meine Ungeduld. Irgendwo stehe ich mir immer im Weg. Und finde keine Linie, keinen eigenen Stil.

In der Wohnung müsste ich auch mal durchgreifen, den Schrank ausräumen, alles neu sortieren. Ich habe mir beim Toasten des Weißbrots eine Brandblase am Daumen zugezogen, ohne es zu merken. Meine Backen glühen. Vielleicht habe ich heute etwas Sonne erwischt, als ich draußen saß und in dem chinesischen Krimi las.

(Der "kleine") Gianni kam, um sich die Heizung anzuschauen. Es zeigte sich, dass eine Sicherung in einer der Wohnungen ausgefallen war. Er musste mit seinem Moped zu Anna fahren, um den Schlüssel zu holen. Als wir den Schalter nach oben kippten, funktionierte wieder alles. Wie das geschehen konnte, ist ein Rätsel, vielleicht war es, als ich Wäsche wusch und Anna gleichzeitig staubsaugte, weil sie Barbaras Apartment für ihre Ankunft vorbereitete. Ich gab Gianni zehn Euro, die er lächelnd entgegennahm. Das Ganze hat nicht länger gedauert als eine halbe Stunde. Ich war froh um seine Hilfe und auch froh darüber, dass es nichts Komplizierteres war.

I erzählte, dass sie gestern bei ihrer Ankunft am Flüchtlingslager Moria vorbei gefahren sind. Menschenunwürdig ist es, wie die Leute dort hausen. In Deutschland stehen die Flüchtlingsheime leer und haben Bereitschaft angemeldet, Flüchtlinge (z.B. alleinreisende Kinder) aufzunehmen, aber es wird vom Bund nicht genehmigt. I meint, die Angst vor der AfD sei so groß, dass Berlin blockiert. Für das geschlossene Flüchtlingsheim, das man hier auf Lesbos bauen wollte, habe man einen Bauer kurzerhand enteignet. Das Land, das seit Generationen seiner Familie gehört hat, sei ihm ganz einfach ohne Entschädigung abgenommen worden, weil er es nicht genutzt hat. Wie kann das sein? Das kann doch nicht sein, sage ich. Doch,sagt I. Das sind rechtlose Zustände.

Das Wetter war seltsam heute und ich war rastlos und gleichzeitig wie gelähmt. Draussen ist es windig. Eine Katze miaut. Revierkämpfe. Afro war im Heizungskeller eingeschlossen, es muss gestern abend passiert sein, als ich mit der Taschenlampe mehrmals hin und her lief. Ich hörte sie miauen, als ich am Vormittag daran vorbeikam. Ich entschuldigte mich bei ihr, aber sie hatte mir schon verziehen und schwänzelte mir um die Beine, froh, endlich wieder im Freien zu sein.

Bekam von I ein Spinatpie, das ich mir zum Mittagessen aufwärmte. Dazu machte ich mir ein Omelette mit einer halben Tomate und aß einen Salat mit Oliven dazu. Ganz ungesund war meine Ernährung heute also doch nicht.

Lief durchs Dorf und war völlig überwältigt von der Schönheit dieses an den Berg geklebten Orts mit seinen steilen Treppen und verschlungenen Wegen. Jedes Haus ist individuell und trotzdem ist der Gesamteindruck harmonisch, einheitlich. Die Häuser vermitteln einen selbstverständlichen Stolz, dachte ich. Die Menschen, die sie bauten, wussten ganz einfach, dass sie es wert sind, so zu leben. Wieso akzeptieren wir Wohnungsmangel, schlechte Wohnverhältnisse? Alle Menschen sollten das Recht auf ein schönes und geräumiges Haus haben. Alles ist von Hand gebaut, verputzt, gezimmert, gemalt. Lebensbejahend, aber nicht protzig. Das ist wirklich etwas anderes als die engen und hässlichen Wohnungen in den Städten Europas, das Gefühl der Wertlosigkeit bei den Menschen, die in ihnen eingepfercht leben. Schlampigkeit im Bau. Minderwertige, gesundheitsschädliche Materialien. So falsch. 

Eine Frau begegnete mir, begleitet von einer Katze mit einem in die Luft gereckten Schwanz. Ich musste bei diesem Anblick lächeln. Die Frau sagte etwas. Wir grüßten uns. Ich rede mit der Katze, sagte sie entschuldigend. Das Normalste von der Welt für mich, aber das konnte ich nicht auf Griechisch sagen.

(Später)

Beschließe, den Tag heute zu beenden, ohne dass ich das getan habe, was ich eigentlich vorhatte (am Anas-Text weiterarbeiten). Es ist besser, morgen früher aufzustehen.    

(Noch später)

Stehe vor der Terrassentür, schaue durch die Glastür in die Dunkelheit und wiederhole die griechischen Phrasen von der Rosetta Stone CD. "Er hat ihr Blumen geschenkt. Sie schenkt ihm Blumen. Er hat letzte Woche eine Fahrkarte gekauft. Hast du ein Lexikon? Brauchst du Briefmarken? Die Kinder haben ihrem Vater eine Krawatte geschenkt.Gestern habe ich Fleisch und Gemüse gekauft. Heute koche ich. Er fährt morgen nach Paris. Hast du einen Briefumschlag? Ja, ich habe gestern einen gekauft." 

Der rothaarige Hamish macht eine Fressvisite auf der Terrasse und schaut mich durch die Tür an. Er sieht so knuddelig aus.

Setze mich mit einem Gedichtband von Mary Oliver aufs Bett, lese ein paar Gedichte und denke, eigentlich ist das doch das einzig Wichtige im Leben der Versuch, das Leben und die Welt und unser Leben in der Welt zu verstehen. Warum hat man dann ständig das Gefühl, man müßte etwas zustandebringen, warum flieht man ständig vor dem, was ist?  

Alltag auf Lesbos II (6.März)


Erster richtiger Tag hier. Schlafe, wache auf, schlafe, wache auf. Nach neun Stunden fühle ich mich ausgeruht. Wenn Caesarion rausgehen will, geht er zur Tür und schlägt gegen den Schlüssel, der im Schloss steckt. Wenn er wieder reinkommen will, steht er draußen und  miaut sehr vorsichtig. Ich bilde mir ein, dass eine der Katzen auf die Bettdecke gepinkelt hat und nehme das dann hinein in meinen Traum. 

Sitze jetzt im Café Platanaki. Am Nachbartisch sitzen Männer aus dem Dorf. Sie kennen mich, wir grüßen einander. Ich frage, wie warm das Wasser ist. "Warm", sagt der eine. Ich sehe einen Menschen im Meer schwimmen. Das glitzernde Meer. Die Berge in der Entfernung, im blauen Dunst, je weiter weg, desto blauer. Heute muss man sich in den Schatten setzen, weil es in der Sonne zu warm ist.

Habe die Terrasse gefegt und gewischt, einen schimmligen Joghurt weggeworfen. Eine Ladung Wäsche in die Maschine getan. Anna kommt, um Max zum Fressen zu holen. Nachdem sie ihn dort oben vor ein paar Wochen in den Käfig gesteckt hat und dann mit ihm zum Tierarzt gefahren ist, meidet er das Haus wie die Pest. Er muss zweimal am Tag Antibiotika essen, wegen seinem Bein. Es ist schon viel besser geworden. Vor einer Woche konnte er noch nicht auftreten, jetzt humpelt er nur noch. Was ist passiert? Wahrscheinlich hat ihn jemand geschlagen. Der dicke, gierige Max. Lange habe ich keine Gefühle mehr für ihn gehabt, jetzt tut er mir leid.

Anna will wissen, wie es mit dem Coronavirus in Schweden aussieht. In Südschweden gab es einen Fall, als ich gefahren bin, im Rest des Landes mehr. Ah, gut. Sie sagt, auf Lesbos bisher noch kein Fall. In Griechenland 30 oder 50 (habe es vergessen), in Athen und Thessaloniki. Wir reden über Vorsichtsmaßnahmen. Nicht umarmen. Die Hände waschen. Der Sommer ist endlich da! ruft sie. Kalokieri. Ich sitze auf einem Mäuerchen und esse  mein Frühstück: Haferbrei mit Orange, Rosinen, dickem Joghurt.

Als ich meine Schuhe anziehen will, spüre ich einen Stich - ich schüttele eine Wespe heraus, die offensichtlich diesen Angriff auf ihr Leben nicht überleben wird. Google sofort, drücke dann ein paar in eine Stoffserviette gewickelte Eiswürfel auf die Stichstelle. Träufle Essig drauf. Erinnere mich an die "essigsauren Wickel", die meine Mutter mir um meinen vom alljährlichen Bienenstich dick geschwollenen Fuß legte.

Googelte außerdem: schwarze Flecken auf Katzennasen, Weihrauch in der Schmerzbehandlung.

(Abends)

Nach zwei Gläsern Retsina mit Sodawasser und zwei mit Salami und Käse belegten Broten sowie einem kleinen Gurken-Tomaten-Salat mit Oliven sitze ich jetzt auf dem Bett. Cleo schnurrt neben mir. Es ist schon Viertel vor zwölf.

Lasse den Tag Revue passieren. Zweites Frühstück im Café Platanaki, wo ich eigentlich ein Video-Gespräch mit Anas führen wollte. Er war aber noch nicht aufgestanden, und ich hatte außerdem meine Kopfhörer vergessen. Eine Straßenkatze wollte ein wenig von meinem Spinatpie abhaben. Bei einem ihrer Ohren war die Spitze abgeschnitten, das Zeichen dafür, dass sie kastriert ist. Ich gab ihr die Reste des Pies, als ich fertig gegessen hatte und kraulte sie dann zwischen den Ohren, was sie schnurrend entgegennahm.

Kaufte bei Theodosos ein, der mich fragte, was ich von der Weltlage halte. Das Beste ist, sagte ich vage, wenn wir einen kühlen Kopf und ein warmes Herz bewahren.Ich stimme dir zu, sagte er. Ansonsten weiß ich nicht, was ich sagen soll, sagte ich. Und du? Er wisse es auch nicht. Peace of Mind, sagte er und tippte mein Gemüse in die Kasse. Jemand kaufte ein Brot. Theodosos fragte mich nach meiner Zahnoperation. P hatte ihm davon erzählt. Sie hat allen davon erzählt, lispelte ich und erzählte ihm von meiner provisorischen Prothese. Ich bleckte die Zähne. Er lachte. Es ist gut, dich zu sehen. Gleichfalls. 

Giorgos saß im Alten-Männer-Café hinter der Plastikplane. Er winkte mich hinein, bat mich, mich zu ihm an einen Männertisch zu setzen, an dem gerade über Flüchtlingssituation gesprochen wurde. Trink einen Kaffee! Ich gehorchte.

Er freut sich sichtlich, mich zu sehen. Ich mich auch. Wir sind uns das letzte Mal viel vertrauter geworden. Wie war es in Rom? Ganz einfach toll. Sie haben eine wunderbare Woche gehabt und ALLES gesehen, was es in Rom zu sehen gibt. Er erzählt von einer Treppe im Vatikan, über 500 Stufen, beschreibt, wie es sich anfühlte, da hochzusteigen, in einer Schlange von Touristen. Er wird lyrisch, es war phantastisch. Nur die sixtinischen Kapelle haben wir nicht gesehen, sagt er. Wir haben sie uns bewusst übrig gelassen, damit wir einen Grund haben, zurück nach Rom zu kommen. Inzwischen sind sie auch eine Woche in Athen gewesen, als Touristen. Und er war in der Türkei zu Besuch. 

Ich sage, ich habe "ein paar Probleme" gehabt in der letzten Zeit. So große Probleme wie Griechenland?, ruft er. Natürlich nicht. Alles verblasst, verglichen mit den Problemen der Griechen. Die neue Flüchtlingssituation. Er erzählt mir alles, was ich schon aus den Zeitungen weiß. Was schlägst du als Lösung vor?, frage ich ihn. Was ich vorschlage?, sagt er. Er weiß es nicht. Wir tauschen unsere Telefonnummern aus, weil sein Messenger nicht mehr funktioniert. Mein Telefon ist zu alt, sagt er, ich habe keinen Platz mehr. Seine Zähne hat er nicht machen lassen, weil ihm das Geld dafür fehlt. Er spitzt in meine Tüte mit dem Gemüse, als wir uns verabschieden. Was kochst du heute? Einen Salat, sage ich, Gemüse. Er lacht und schüttelt den Kopf gleichzeitig, ist nicht ganz zufrieden mit mir.

Wieder zuhause, spreche ich mit Anas, der gerade in Berlin ist. Er hat seine Mutter nach Ergänzungen der Familiengeschichte gefragt. Das Problem ist bloß, dass sie dem widersprechen, was er mir schon erzählt hat. Ich bin verwirrt, stelle ihm aber nach einer Weile keine Gegenfragen mehr, denke, wir müssen das später klären. Ich zeige ihm die Katzen, die hinter mir auf dem Bett liegen, laufe hinaus in den Garten, halte das Telefon so, dass er die Schafe auf dem Nachbargrundstück sieht. Ich bin neidisch, sagt er und erzählt, dass seine Katzen gestern so beleidigt deshalb waren, dass er weggefahren ist, dass sie nicht einmal die Katzenleckerlis fressen wollten, die er auf dem Küchenboden vor ihrer Nase ausstreute.

Lese in meinem Katzenkrimi, male ein Bild vom Akanthus. Meine Schwester schickt ein Bild von unserer Mutter beim Bäcker Brunner, vor einer Tasse Kaffee und einer Zwetschgentasche. Sie haben einen Spaziergang gemacht. Vor einer Woche konnte sie kaum vom Bett zum Klo gehen. Die Schmerztherapie mit Weihrauch und Kurkuma scheint anzuschlagen.  

Ich schreibe Giorgos eine Nachricht auf Whatsapp: "Now we are connected." Er antwortet kurz darauf: "Yes we are."

Mache einen Abendspaziergang mit dem Fotoapparat. Fotografiere Schafe, Olivenbäume, finde auf einem Müllhaufen einen aus selbstgezimmerten, morschen Hocker mit vielen Wurmlöchern, den ich gerne mitnehmen würde, aber ich lasse es dann und mache nur viele Fotos davon.

Bin zufrieden mit meinem Tag. Ich bin mit meinem Text weiter gekommen, fühle mich jetzt in meinem Element. Der Krimi, den ich lese, gefällt mir immer besser. Ich muss einfach nur weitermachen mit allem. Der einzige Wehmutstropfen: die Heizung ist ausgefallen, und ich verstehe trotz mehrmaligem Besuch im Keller nicht, was los ist.

Alltag auf Lesbos I (5.März)


05/03/2020

Flughafen Athen - versuchte, ausgestreckt auf einer der Sitzbänke zu schlafen. Der Coronavirus macht sich in meinen Gedanken bemerkbar. Ist es gefährlich, den (bekleideten) Arm über die Augen zu legen? Ich schnäuze mich in ein Papiertuch, mit dem ich nach dem Händewaschen die Klotür geöffnet hatte. Um Mitternacht schweigt die Musik, aber in regelmäßigen Abständen kommen Sicherheitshinweise über den Lautsprecher. 'Das Gepäck nicht unbeaufsichtigt lassen.' Als ich einmal mit dem Gepäck zum Klo marschieren will, fordert mich die Wächterin, die gerade vorbei kommt, auf, auch meinen Schlafsack und die Liegematte mitzunehmen. Wenigstens meine Schuhe lasse ich stehen - kleine, sinnlose Rebellion. 

Ein paar Sitzreihen von mir entfernt eine brasilianische Gruppe. Bis halb drei Uhr spielen sie ein Wortspiel - das ist nicht unsympathisch, macht es mir aber schwer, zu schlafen. Denke wieder an den hustenden Mann mit dem schmalen Schnauzer, der gestern im Zug neben mir gesessen hat. Soll ich auf Lesbos meine Bekannten umarmen, auf beide Wangen küssen? Vielleicht schleppe ich jetzt den Virus auf die Insel, ohne es zu wissen. Ab halb drei war an Schlaf nicht mehr zu denken - ich habe also etwa zweieinhalb Stunden geschlafen, und das nicht mal gut. 

Sitze jetzt, 5:30, in einem Café, in dem der Kaffee einen Phantasiepreis kostet und trotzdem eine dünne Plörre ist. Die übernächtigten Frauen hinter der Theke, die wahrscheinlich um drei aufstehen müssen, um rechtzeitig an ihrem Arbeitsplatz zu sein. Den ganzen Tag der Musik, den Lautsprecherdurchsagen, ausgesetzt. Überall sitzliegen Menschen herum, versuchen, ein wenig Schlaf zu erhaschen. Und die Wächterin, die die ganze Nacht herumlaufen muss. Was für Lebensgeschichten stecken dahinter?

Auch die Männerstimme, die jetzt gerade über den Lautsprecher Passagiere auffordert, zu ihrem Flug zu kommen, klingt müde.

Im Flugzeug gestern in einem Krimi von Qiu Xiaolong gelesen: Schakale in Shanghai. Später dann den Autoren gegoogelt, der seit Tian An Men in den USA lebt. Das erklärt die offen kritische Haltung der Erzählung gegenüber dem chinesischen Parteiapparat und einer Gesellschaft, die von Überwachung und Korruption geprägt ist. Er schreibt wie ein Insider, der einen Blick von außen hat. Seine Familie war in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von der Kulturrevolution betroffen. Habe den Autor durch Zufall entdeckt und wollte gern etwas "Leichtes" mit auf die Insel nehmen. Viele Einzelheiten zu China: das Essen, die Dichtung, Konfuzianismus, Totenrituale, Suzhou-Oper, das Nebeneinander einer von Geld getriebenen Moderne und einer Tradition, die in Kunst und philosophischen Ideen wurzelt. Die Grausamkeit und Scheinheiligkeit des kommunistischen Regimes.

Hauptperson der "dichtende Oberinspektor" Chen Cao, der am Anfang des Buchs von seinen bisherigen Funktionen entbunden worden ist und künftig dem Shanghaier Komitee zur Rechtsreform vorstehen soll, was einem "Wegloben" gleichkommt. .

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Jetzt zum Gate gewechselt. Mit der Zunge an meiner provisorischen Prothese herumtasten.

Weiß nicht, was ich schreiben soll. Ich könnte ganz einfach weiterschreiben, in diesem Nichts, in dieser Klarheit, in dieser Abwesenheit von irgendwas. Es nicht verstellen mit irgendwelchen Beobachtungen, Alltäglichkeiten. 

Dann doch wieder: Die alte Frau mit der Handtasche auf dem Schoß, neben sich einen Rollstuhl des Flughafens, nimmt ein Feuchtigkeitstuch aus einem Handtaschenfach und wischt sich damit die Hände ab. Stiert vor sich hin, mit einem leeren Gesichtsausdruck. Die Raum einnehmenden jungen Männer, das Selbstbewusstsein in ihren Bewegungen, ihrem Reden. Eine Frau mit einer schweren Tasche, die sich mit kleinen und vorsichtigen Schritten nähert und dann schwerfällig auf einem Sitz niederlässt, obwohl sie gar nicht alt aussieht. Alle, die hier sitzen, haben eine kurze Nacht hinter sich. Ein alter Mann und eine alte Frau mit der Selbstverständlichkeit eines alten Ehepaars. Alles Überflüssige ist abgeschliffen, man kann einander nichts mehr vormachen.

(Abends)

Erster Abend. Auf dem Bett, mit dem Pomera.  Punxy, Cleo und Cesarion schlafen friedlich, Cleo schnurrt. Kam mit dem Bus an, um die Mittagszeit. Verschlief die halbe Fahrt.

Ein nagendes Gefühl. Es erinnert mich daran, dass ich ein Problem lösen oder es loslassen muss, aber ich komme nicht darauf, um was es sich handelt.

In diesen Wochen (Tagen) keine Nachrichten, Politik, Updates zur Wahl in Amerika. Malen. Schreiben. Lesen. Wandern. Stille. Weite.

Traf heute Mary, die mit Risto unterwegs ist. Er ist so faul (und alt), dass er das Bein beim Pinkeln kaum hochhebt. Wir gehen zu ihrem Haus, sie zeigt mir, dass Risto zwei Betten hat. Wegen des Regens legt sie das eine im Haus vor die Tür, lässt die Tür aber offen. Dann fährt sie mit ihrem Moped in den Laden. Wegen der neuen Flüchtlingssituation kommen täglich Journalisten in ihr Lokal, zu Gesprächen, zum Arbeiten. Sie essen nichts, trinken nur, aber das macht nichts, sagt sie. 

Sie erzählt, dass die Lage fürchterlich ist. Der rechte Mob. Sie versucht den Flüchtlingsgegnern klarzumachen, dass es hier nicht um Politik geht, sondern um Menschen. Es ist ein humanes Problem. 'Wenn ihr das Problem beseitigen wollt, dann müsst ihr entweder Lesbos aus dem Mittelmeer heben und an einen anderen Ort verpflanzen, oder ihr kauft euch eine Kalaschnikow und mäht alle Flüchtlinge nieder', sagt sie ihnen. Im Moment, sagt sie, sind im Dorf die Leute, die so denken wie sie und Giorgos, an einer Hand abzuzählen. Für Erdogan geht es um Politik, aber für die Menschen, die hierher kommen, geht es um ihr Leben. Sie findet das Argument idiotisch, dass die Flüchtlinge den Tourismus kaputtmachen. Der Tourismus war schon vorher im Rückgang begriffen. 'Durch euer Verhalten rettet ihr den Tourismus auch nicht', sagt sie den Inselbewohnern.

Treffe Ch bei Ignatio. Ich esse kleine Fische, dicke Bohnen und einen Salat aus Weiß- und Blaukraut, mit selber eingelegten Oliven. Trinke ein Glas Weißwein, eine kleine Flasche Wasser. Es fängt an, draußen zu schütten. Ich lasse Ch reden. Werde in den Inseltratsch hineingezogen, aus der Ausländerperspektive, gegen meinen Willen. Ich esse nur die Hälfte von dem, was Ignatios mir aufgetischt hat und lasse mir einen Behälter bringen, in den ich den Rest hineinschichte (es wird mein Abendessen). Ch trinkt währenddessen ein zweites Glas Wein.

Zuhause schlafe ich sofort auf dem Bett ein, in der Gesellschaft der Katzen. Wache immer wieder auf, erstaunt darüber, dass ich hier bin. Telefongespräche. Update zu dem Zustand unserer Mutter. Am Telefon sagt sie zu mir: "I hat mittags zu mir gesagt, dass es mir heute besser geht." "Aber was findest du selbst?" - Sie kann sich schon nicht mehr an den Besuch bei der Heilpraktikerin erinnern - erst als ich ihr beschreibe, wo die Praxis liegt, kommt die Erinnerung zurück. Auch sie nach ihren neuen Medikamenten zu fragen ist frustrierend. Sie ist selber frustriert von dem, was sie ihr "Verwirrtsein" nennt.

Myrsini anrufen wegen den Flecken auf Caesarions Nase. Cleos Husten beobachten. Bibi zum Kastrieren bringen und sein Bein verarzten lassen.

Es ist, als wäre ich kürzlich erst hier gewesen. Alles beinah zu vertraut. Ich warte darauf, dass die Magie sich offenbaren wird, nach ein paar Tagen passiert das eigentlich immer, aus einer unerwarteten Richtung. Am Abend sitze ich am Tisch und male ein paar Motive aus der Erinnerung des Tages. Die abgefieselten Fische, die Kaffeetasse, die Häuser am Busbahnhof in Kalloní, der wolkenverhangene Himmel.

Ich treffe Anna, und sie sagt mir, dass sie die Katzen "gegessen" hat - sie meint "gefüttert". Ich bedanke mich bei ihr. P hat ihr bereits das Geld gegeben. Später, als ich mit dem Fahrrad ins Dorf fahre, kommt sie mir mit ihrem Mann auf einem Moped entgegen. Wir winken uns zu und lachen.

Habe das Haus schon ein wenig wohnlicher gemacht. Meinen Koffer ausgepackt und unter das Bett gestellt. Die Katzenfutterschalen von der Terrasse aufgesammelt und abgespült. Das Klo geputzt, mit Bikarbonat und Essig. Das Fahrrad an der Tankstelle aufgepumpt. 

Ein magischer Sonnenuntergang. Auf dem Nachbargrundstück grasen jetzt Schafe. Der Schäfer stand auf dem Weg, als ich mit meinem Koffer ankam. Er fragte mich auf Griechisch, wie es mir gehe und nickte zufrieden, als ich ihm auf Griechisch antwortete, mit den richtigen Floskeln.

Wir umarmen uns nicht, sagte Mary. Es ist wegen dem Virus.


Sonntag, 5. Januar 2020

Das neue Jahr. Ausmisten

Im neuen Jahr wollte ich ausmisten. Bücher vor allem, aber auch anderes. CDs. Elektronische Geräte. Möbel. Meine Gedanken. Das ganze Leben. Ich schreibe "wollte", dabei hat das neue Jahr gerade erst angefangen. Es ist noch nicht einmal fünf Tage alt, kommt mir aber schon älter vor.

Ich bin krank ins neue Jahr ("Jahrzehnt", sagen andere) gerutscht. Lag in den Stunden vor Mitternacht auf dem Bett und war nicht einmal in der Lage, die Augen aufzumachen, als P vor dem Fenster stand und das Feuerwerk betrachtete. Es sei ein ungewöhnlich langes und schönes Feuerwerk gewesen, sagte sie, und das ist seltsam, weil nämlich in diesem Jahr Anstrengungen getroffen wurden, das Silvester-Feuerwerk in der Stadt zu begrenzen. In anderen, wohlhabenderen Stadtvierteln ist das auch gelungen (jedenfalls haben andere uns das erzählt), aber nicht in dem Viertel, wo wir wohnen und wo die Leute wenig Geld haben. Das ist ein seltsamer Widerspruch, aber eigentlich ganz einleuchtend. 

P sagt, es ist nicht komisch, dass ich krank geworden bin. Es ist, als hätte das anstrengende Jahr 2019 beschlossen, sich nicht ohne Widerstand zu ergeben, als müsste es sich noch als Krankheit hinüberziehen in das neue Jahr. Als könne es sich auch nicht mit dieser Erkältung begnügen, die bei mir immer in Form eines Schnupfens auftritt, den P schon seit Jahren (Jahrzehnten) meinen "Springbrunnenschnupfen" nennt, was eigentlich der Fürchterlichkeit dieses Schnupfens überhaupt nicht gerecht wird. Es kam dann noch mehr dazu. Ich musste mit einer Kieferentzündung zur Zahnärztin, und mein Kater verweigerte das Futter und musste in die Tierklinik, aus der er gestern mehr tot als lebendig zurück kam, jedenfalls kam es mir so vor. Ich habe in den ersten vier Tagen dieses "neuen Jahres" bereits mehr geweint als sonst in einem ganzen Jahr. 

Dass ich Ausmisten wollte (und will), liegt daran, dass ich mich von meinen Büchern zunehmend gefangen fühle, unterdrückt. Als würden diese Bücher, die in meinem Bücherregal stehen und die eigentlich auch das Ergebnis eines ständigen Ausmistens sind, mich an irgendetwas hindern. Natürlich ist das Unsinn. Bücher hindern mich an nichts. Ich habe (aufgrund eines ständigen Ausmistens) nur Bücher in meinem Bücherregal, die ich gerne gelesen habe oder die ich gerne lesen würde. Aber genau das war das Problem: Bücher, die ich schon seit Jahren lesen will, stehen als stummer Vorwurf in meinem Bücherregal, und je mehr sie mich vorwurfsvoll anglotzen, desto mehr Widerstand entwickle ich dagegen, sie aus der Wand der Bücher herauszulösen und tatsächlich zu öffnen und zu lesen. Die ungelesenen Bücher sind auch ein Vorwand geworden, eine Art Pseudo-Identität. Sie zeigen die, die ich gerne sein würde: eine Frau, die belesen ist, gebildet, die vor schwerer Kost nicht zurückschreckt, die sich ohne Furcht durch die schwierigsten Bücher kämpft, gegen alle Widerstände und Verführungsversuche von Seiten der seichteren Unterhaltungsindustrie. Vielleicht bin ich diesem Jemand früher einmal näher gewesen als heute, vielleicht ist das Maß aber auch voll. Ich liebe es, Bücher zu kaufen, wenn ich auf Reisen bin. Ich kaufe Bücher im Internet, bestelle Bücher, nehme sie mit nach Hause, als eine Art Erweiterung meiner Person, meiner Identität, meines "Ich"-Seins. Aber weil ich schon so viele ungelesene Bücher zu Hause habe, sind auch die neuen Bücher schwach auf der Brust.

Es fiel mir auch in den letzten Tagen auf, dass ich einen großen Teil des Jahres 2019 mit dem Versuch verbracht habe, mich in die Gehirnwindungen eines größenwahnsinnigen (großspurigen, pompösen) Narzissten hineinzudenken, der im Moment die Weltgeschichte dazu bringt, sich um ihn zu drehen. Nicht weil es mir Vergnügen gemacht hat, sonderen weil ich hoffte, die Weltgeschichte würde ihn abschütteln, was sie aber bislang nicht getan hat. Warum auch. Er ist nur die Beule, die aufgebrochen ist und jetzt ihr eitriges Inneres offenlegt.



(Fortsetzung folgt)




  

Lesbos 13/12 2021

Am Morgen wachte ich zum Plätschern des Regens auf. Machte mir Kaffee, schmierte mir Brote, packte eine Portion gesalzene Oliven in den Ruck...