Mittwoch, 4. Dezember 2013

Und wieder einmal schlaflos

Im Schlaflostunnel. Kleine Zipfel von Schlaf, die ich erst erhasche, wenn sie schon wieder vorbei sind.

Und plötzlich taucht ein Titel auf: "Die Schwebe". Es kommt mir vor, als könne er eine Zeitlang halten. Voller Tatendrang schwimme ich am Vormittag erst 1000 Meter, kaufe dann 50 Blatt feinstes Papier, die ich im Regen nach Hause balanciere. Ich denke an Beckett, Handke, Auster, Pamuk. Ich gebe hiermit zu, dass ich an sie denke. Die Handschreiber, die mir einfallen.

Am Morgen nehme ich den falschen Ausgang aus dem U-Bahnhof, nach 3 Stunden Schlaf kann ich lenks und richts nicht mehr auseinanderhalten ("lenks" schrieb sich selbst, die Fortsetzung ergab sich dann so). Ich kehre vor den Wachmännern mit den gelben Leuchtjacken wieder um, fahre die Rolltreppe wieder hinab unter die Erde und vergnüge mich eine Weile lang mit dem Gedanken, dass sie glauben, ich hätte etwas zu verbergen.

Ganz unverständlich ist mir, dass ich hin und wieder von dem Drang ergriffen werde, völlig daneben zu greifen im Lebensmittelladen. Würste, Thunfisch, Krabben. Bloß vor der Mayonnaise kann ich noch rechtzeitig halt machen.


Dienstag, 3. Dezember 2013

Diese Kritzelbücher

Überall in der Wohnung stoße ich auf Kritzelbücher. Bücher, in denen ich vielleicht zwanzig Seiten gefüllt habe, bis ich meiner selber überdrüssig war. Wegwerfen konnte ich sie dann doch nicht, erklärte sie aber für unwert.

Zeugnisse meiner inneren Verdrehungen.

Ich träumte, träumte heute nacht...

Es war, als hörte ich mich selber atmen, im Schlaf.

Mehrmals wachte ich auf, glaubte, dass ich noch auf der Insel war, lauschte in die Stille hinein. Es war der Fuchs, der atmete, im Dunkeln, draußen vor der Tür.

Dann sah ich ein, dass ich in meinem Bett lag.

Montag, 2. Dezember 2013

Inselmenschen I

1. Die drei Schuljungen, die ich im Auto von Kalloní nach Petra mitnehme. Ich frage sie nach einer Weile, was sie für Lieblingsfächer haben. Der Junge mit der Zahnspange, der neben mir sitzt, sagt: "Geographie. Geschichte. Mathematik." Einer der beiden Jungen auf der Rückbank sagt: "Sport." Der dritte, der am wenigsten redet, weil sein Englisch am schlechtesten ist und der später meinen Autofahrstil mit einer überraschenden Vokabel "drifty" nennt, was ich für ein Kompliment halte, sagt: "Autos reparieren." Ich versuche herauszufinden, ob das ein Schulfach ist, komme aber nicht zu einer eindeutigen Antwort.

2. Der Nachbar Giannis, der mir sagt, dass er den ganzen November lang mit seiner Frau Eleni Oliven erntet. Er schlägt die Oliven mit langen Stöcken von den Ästen, dann werden sie aufgesammelt, sortiert. Das werden 10 000 Liter feinsten Olivenöls. Wir arbeiten jeden Tag so lange wir Lust haben, sagt er. Manchmal bis um zwei, manchmal bis um drei. Und so lange der Körper mitmacht.

3. Peter oder Panagotis, den ich in einem Café in Agiasos treffe, wo er mich auf englisch anspricht, sich an meinen Tisch setzt, mir von seinem Leben erzählt. Innerhalb zwanzig Minuten erfahre ich, dass er in New York, wo er 22 Jahre gelebt hat, 350 Dollar am Tag verdiente, dass er hier zwar keine Arbeit, aber Eigentum hat, dass er zwei Kinder hat, die in Amerika leben und beide "doctors" sind, dass er vom Beruf her eigentlich Koch ist, aber in New York mit "Construction" gearbeitet hat. Dass er seit vier Jahren von seiner amerikanischen Frau geschieden ist, dass ihn das aber nicht mehr juckt. Dass in diesem kleinen Bergdorf die meisten Bewohner Arschlöcher sind, bis auf die wenigen Freunde, von denen er in der kurzen Zeit zwei vorstellt. Der eine davon ein Gemüsehändler, der mich mit dem Pickup in den Ort mitnimmt, in dem mein Mietauto steht. Peter schreibt mir seine Telefonnummer auf und sagt, wenn ich einmal seine ganze Geschichte hören will, soll ich ihn anrufen.

4. Die junge Frau in Marys Café, die vor vier Jahren von Athen nach Molyvos gezogen ist. Es ist im Winter besser hier als im Sommer, sagt sie. Sie sagt, im Sommer dürfen die Touristen die Insel lieben. Im Winter darf ich sie selber lieben.

5. Eine Frau, die ich in Mandamados in einem Café treffe, wo sie an einem Tisch am Computer sitzt, weshalb ich sie für einen Gast halte. Ich wollte eigentlich etwas zu essen haben, aber sie sagte, sie machten erst abends auf. In dem kurzen Gespräch, das sich daraufhin entspinnt, erfahre ich, dass sie eigentlich aus Kanada ist, aber seit zehn Jahren auf der Insel lebt. Es gefällt mir, sagt sie, dass meine Kinder in einem Dorf aufwachsen, und es gibt überhaupt vieles, was mir an dem Leben hier gefällt. Trotzdem, sagt sie, kann ich nie aufhören, darüber nachzudenken, ob es besser wäre, zurück nach Kanada zu ziehen. Es ist mein ewiges Dilemma. Ich habe eigentlich immer Heimweh. Als das Wort gefallen ist, "homesick", ist es, als sei sie selber davon überrascht, als habe sie bisher nicht gewagt, es so deutlich zu denken.

Neu anfangen

Ich habe mir heute überlegt, ob ich diesen Blog einfach abschließen soll, ihn ins Nichts auslaufen lassen soll und mit einem neuen Blog beginnen.

Wie sollte ich den neuen Blog nennen? Ich dachte an Titel, die ich gleich als albern verwarf, die ich aber jetzt vergessen habe. "Schlamm", denke ich jetzt, aber ich weiß nicht, wie ich auf dieses Wort komme.

Ich möchte, dass mein Blog näher an meinem Leben ist, näher an mir dran. An meinen ständigen Augenschmerzen zum Beispiel. An dem ständigen Zucken meines linken Auges. Ein unmerkliches Zucken, das ein Außenstehender wahrscheinlich nicht wahrnehmen würde.

Ich raschelte im Flugzeug mit den riesigen Zeitungsseiten, las die "Zeit" von vorne nach hinten, klappte sie um, blätterte sie nochmal durch (wie gesagt, ständig mit meinen Schmerzen kämpfend, dem ständigen Druck auf meinen Schläfen), schwelgte in meiner Zeitungsleserei.

Ich nahm heute Abschied von der Insel. Flog von einer Welt in eine andere, mit Zwischenlandung. Schaue mir die Bilder an, die ich gemacht habe, wie Zeugnisse eines Traums.

Ich kritzelte im Flugzeug in mein rotes Buch.

Neugierig auf das, was ich geschrieben habe, finde ich Sätze wie:

"Ich machte mir ein Fresspaket zurecht, warf es aber dann in den Müllcontainer, ganz einfach, weil ich am Athener Flugplatz nicht so armselig auf irgendeiner Treppe sitzen will und meine gekochten Eier essen."

"Gestern abend hatte ich Gesellschaft von dem philosophischen und etwas melancholischen Kater Claudius. Als ich später noch einmal auf die Terrasse ging, sah ich den Fuchs. Alle fürchten den Fuchs. Er stand ganz still im Dunkeln. Drehte den Kopf nach hinten. Blickte mich an."

"Um 4 Uhr wachte ich auf und sah Afro auf der Türmatte liegen, eingerollt. Ich ließ sie herein, sie sprang aufs Bett, rollte sich zusammen, schnurrte. Danach gab es für mich nicht mehr so viel Schlaf, bis um 1/2 sechs der Wecker klingelte, auch wenn ich zweimal bemerkte, dass ich offensichtlich geträumt hatte."

Der dunkelhäutige Schaffner im Zug von Kopenhagen nach Malmö hatte seine Wollmütze tief in die Stirn gezogen. Jede Fahrkarte, die er zu sehen bekam, kommentierte er enthusiastisch mit "Super!". Als ich ausstieg, wünschte er allen Aussteigenden einen schönen Abend.

Mittwoch, 27. November 2013

torcello

Torcello


(diesen kurzen text fand ich auf meiner festplatte)



"ich glaubte damals mehr an mich selber als ich es heute tue

an den abenden saß ich in meinem pensionszimmer und schrieb

an den tagen wanderte ich auf schmalen pfaden über den sumpf

manchmal tauchte aus dem nichts ein hund auf und ging mir mir

an den tagen sammelte ich bilder, abends schrieb ich sie nieder

ich war mutig und gleichzeitig scheu, fürchtete die menschen

ging begegnungen aus dem weg, suchte sie manchmal auf

ließ mich ansprechen, folgte fremden, in die nacht, in die umarmung

ich wusste, zu welchen stunden die schiffe in die stadt fuhren

und dass aus einem bestimmten haus abends opernmusik drang

zwei weißhaarige menschen lebten dort, ganz in schwarz gekleidet

wenn sie das haus verließen, hielten sie einander fest an der hand


gerne hätte ich gewusst, ob es möglich war zu leben ohne zu lügen

oder ob es besser war, das leben zu vermeiden, so gut es ging"

Lesefrucht

"I couldn't bear to spend my life talking to people. It seemed wasteful."

(Susanne Jones: The Earthquake Bird)


Montag, 25. November 2013

und der versuch

und der versuch, immer wieder hier zu sein, als wäre es das erste mal  -  jedes mal das erste mal hier sein  - den weg das erste mal gehen  -  den himmel das erste mal sehen  -  das erste mal ins wasser gehen, über die steine balancieren  -   ich weiß nicht, wohin, ich weiß nur, das ich dieses gefühl bewahren muss  -  dass es nie ein ankommen gibt  -  einfach weiter schreiben  - 

Lesbos 13/12 2021

Am Morgen wachte ich zum Plätschern des Regens auf. Machte mir Kaffee, schmierte mir Brote, packte eine Portion gesalzene Oliven in den Ruck...