In der Nacht war ich wach. Wörter tauchten auf, die mir irgendwie gut vorkamen, passend, zutreffend auf mein Leben.
Ich dachte: 'Ich müsste all diese Wörter auf blaue Zettel schreiben.'
Warum blaue Zettel? Es erschien mir selbstverständlich, dass diese Zettel blau sein müssten.
Natürlich habe ich die Wörter jetzt vergessen, weil ich sie nicht aufschrieb, sondern nur in ihnen herumlag, in meinen Wortkokons.
Ich legte mir die Hände aufs Herz, dann auf den Bauch, und spürte den Schlaf herankriechen. Diese jahrelange Erfahrung mit Schlaflosigkeit hat mich wirklich gelehrt, den Schlaf zu erkennen, wenn er sich vorsichtig vorwärtstastet.
Der Übergang von Wachsein zu Schlaf: Die Gedanken scheinen "wach", sind aber schon Schlafgedanken.
"Sometimes there's so much beauty in the world I feel like I can't take it, like my heart's going to cave in." (Ricky Fitt in "American Beauty")
Montag, 16. Dezember 2013
Dienstag, 10. Dezember 2013
Was ist los
10 Dinge, die heute gut waren:
(an einem Tag wie heute ist diese Übung eine wirkliche Herausforderung)
1. Der junge indische Medizinstudent mit dem Parka und den weißen AllStar-Schuhen auf der gesamten Bus- und Zugfahrt Lund-Malmö
2. Der Mailwechsel mit dem ebay-Verkäufer, bei dem ich ein fünfzig Jahre altes Fernglas zum Vögel-Schauen auf Lesvos ersteigert habe
3. Der Falafel im guten Brot auf dem Weg von der Hautklinik nach Hause
4. Der Mann in der Fahrradwerkstatt, der mich bat, mich vor eine an seine Tür gezeichnete Messlatte zu stellen, weil er neugierig war, wie groß ich bin
5. Die Tatsache, dass ich das Fahrrad heute zur Rundum-Reparatur in die Werkstatt gebracht habe
6. Dass ich die fürchterliche, grauslige Übersetzung, die ich viel zu übereilt angenommen habe, zu einem beruhigenden Punkt vorwärtsgetrieben habe
7. Eine Viertelstunde Akkordeonspielen, bei der meine Finger die Tasten von selber fanden
8. Dass Maria mein Foto mit der Aussicht von ihrem Café in Molyvos auf ihrer Facebook-Seite geteilt hat
9. Dass ich jetzt weiß, wie man aus zwei Konservendosen einen Holzgaskocher herstellt
10.(Bei diesem Punkt sitze ich lange herum, es fällt mir nichts ein, außer vielleicht der Tatsache, dass ich den Waschkeller für morgen gebucht habe, oder dass ich gleich ein Glas Rotwein trinken werde, aber das liegt ja noch in der Zukunft.)
(an einem Tag wie heute ist diese Übung eine wirkliche Herausforderung)
1. Der junge indische Medizinstudent mit dem Parka und den weißen AllStar-Schuhen auf der gesamten Bus- und Zugfahrt Lund-Malmö
2. Der Mailwechsel mit dem ebay-Verkäufer, bei dem ich ein fünfzig Jahre altes Fernglas zum Vögel-Schauen auf Lesvos ersteigert habe
3. Der Falafel im guten Brot auf dem Weg von der Hautklinik nach Hause
4. Der Mann in der Fahrradwerkstatt, der mich bat, mich vor eine an seine Tür gezeichnete Messlatte zu stellen, weil er neugierig war, wie groß ich bin
5. Die Tatsache, dass ich das Fahrrad heute zur Rundum-Reparatur in die Werkstatt gebracht habe
6. Dass ich die fürchterliche, grauslige Übersetzung, die ich viel zu übereilt angenommen habe, zu einem beruhigenden Punkt vorwärtsgetrieben habe
7. Eine Viertelstunde Akkordeonspielen, bei der meine Finger die Tasten von selber fanden
8. Dass Maria mein Foto mit der Aussicht von ihrem Café in Molyvos auf ihrer Facebook-Seite geteilt hat
9. Dass ich jetzt weiß, wie man aus zwei Konservendosen einen Holzgaskocher herstellt
10.(Bei diesem Punkt sitze ich lange herum, es fällt mir nichts ein, außer vielleicht der Tatsache, dass ich den Waschkeller für morgen gebucht habe, oder dass ich gleich ein Glas Rotwein trinken werde, aber das liegt ja noch in der Zukunft.)
Sonntag, 8. Dezember 2013
Die Menschen, die ich bewundere,...
...die mir als Vorbild dienen, sind solche, die für etwas brennen, was über ihr kleines Leben hinausgeht, auch über Aufträge oder Pflichten, über Ökonomie und Haushalt. Menschen, die genau hinschauen, kreativ sind (damit meine ich nicht kleinkrämerische, geschäftige "Kreativität"), wirklich schaffend. Und auch Menschen, die anderen vorbehaltlos begegnen, die offen sind, empfänglich, feinfühlig.
Donnerstag, 5. Dezember 2013
Die Augen
Die Augenschmerzen führen mich zu dem Entschluss, am Tag nur eine Stunde am Computer zu verbringen. Ich habe schon einmal so eine Phase durchgemacht, dann ist es lange Zeit besser gewesen. Ich bildete mir schon ein, dass ich die Beschwerden völlig überwunden hatte. Jetzt sind sie zurückgekommen, vielleicht schlimmer als vorher, jedenfalls unangenehm.
Inseltag [Nachlese: unplugged]
"In der Nacht wachte ich öfter auf. Ich schaute auf die Uhr. Es war ein Uhr, dann fünf Uhr. Ich legte mich wieder schlafen, träumte, dass ich in einem Wald spazieren ging. Plötzlich kam aus dem Dickicht eine Stimme. Ich solle still stehen bleiben. Ich blieb still stehen. Ein Mann kam hervor und deutete auf eine Gestalt ganz in der Nähe. Hinter mir. Es war ein Elch, der ruhig und majestätisch daherkam. Ich dachte, der Mann, der offensichtlich ein Jäger war, wolle ihn erschießen. Aber er tat es nicht. Er sagte: "Ich kann den Elch nicht erschießen, weil schon er zu nahe gekommen ist. Ich habe ihm bereits in die Augen gesehen". Ich betrachtete den Mann näher. Er sah so sympathisch aus, mit einem jugendlichen Gesicht und doch deutlichen Lachfältchen um die Augen, ernst und humorvoll zugleich. Er hatte Outdoor-Kleider an in Tarnfarben an und war allem Anschein nach Japaner, was mir in dem Zusammenhang irgendwie bemerkenswert vorkam.
S hatte mir, als sie auf einer unserer Wanderungen völler Enthusiasmus Schafsschädel aufgehoben, begutachtet, in ihren Rucksack gesteckt hatte, als "Geburtstagsgeschenk für meinen Sohn", erzählt, dass ihr Vater, wenn er eine Rindersuppe gemacht hatte, die Wirbelknochen mit bunter Farbe angemalt hatte, so dass sie aussahen wie kleine Tiere.
Ich wusste nicht, ob das eine gute oder eine schlechte Geschichte von ihrem Vater war.
"Hat dir das gefallen?" fragte ich.
"Es hat mir gefallen. Ich fand, mein Vater war besonders, weil er solche Dinge machte."
Ich öffnete am Morgen die Tür und war erfreut, dass Cleo hereinmarschierte. Den dicken Max, der immer sein rosa Mäulchen aufreißt, selbst wenn er erst einige Minuten vorher eine Riesenschale Futter verdrückt hat, schob ich zur Tür hinaus. Cleo war natürlich hungrig, aber sie sollte nichts fressen, weil ich sie ja zur Operation bringen wollte. Ich fühlte mich aufgeräumt, gut gelaunt, denn ich war die ganze Nacht unruhig gewesen, wie es denn heute Morgen gehen würde, ob ich die Operation wieder absagen müsste, ob ich sie rechtzeitig ins Auto bringen würde, ob es mir überhaupt gelingen würde, sie in den Käfig zu locken.
Ich trinke jetzt Kamillentee, weil ich Bauchschmerzen habe, weil der Tag mich erschöpft hat, weil ich mehrmals den Tränen nahe war, mehrmals unruhig, und weil die Unruhe immer noch nicht vorüber ist. Cleo lief mir frisch operiert weg. Diese kleine wilde Katze hielt es nicht aus, eingesperrt zu sein, selbst als sie von der Betäubung noch ganz wacklig auf den Beinen war, immer wieder umfiel. Sie entschwand durch die Tür, die ich nur einen kurzen Augenblick lang geöffnet hatte, um etwas von der Terrasse zu holen, und ich folgte ihr mit meinen Flipflops und in Socken durch den Dreck, versuchte schneller zu sein als sie, aber sie entkam mir, schlüpfte schließlich unter einem Zaun durch und war außer Reichweite.
Ich ging bedrückt zurück zum Haus, räumte alles weg, was ich für sie vorbereitet hatte, die Decke, die Schüssel mit dem Katzensand, die drei Schüsselchen mit verschiedenen Dingen zum Fressen, Thunfisch, dicker Joghurt, das teuerste Katzenfutter, das sie in der Tierklinik hatten.
Cleo war verschwunden, und ich ging ins Dorf, um ein Bier zu trinken, eine Zigarette zu rauchen und in mein Tagebuch zu schreiben. Am Morgen in Kalloní hatte ich einige Beobachtungen gemacht, die ich niederschreiben wollte. Zum Beispiel die Frau, die mit ihren Röntgenbildern in der Hand durch eine Gasse ging. Das Röntgenbild eines Hundekörpers an der Lichttafel der Tierarztpraxis. Die ungastlichen Käfige mit gefliesten Wänden. Wie Cleo versuchte, an der Wand hochzuklettern, aber zurück fiel, so dass ich sie packen konnte, mit den dicken Greifhandschuhen und sie, die zappelte, versuchte zu beißen, die Krallen in mich zu schlagen, mit festem Griff in die Tierarztpraxis zurückbrachte, wo ich sie in den Behandlungskäfig steckte.
Ich wollte auch von dem Café schreiben, in dem ich saß, als Cleo operiert wurde, trotz seiner gepolsterten Stühle ungemütlich, voller Zigarettenrauch, obwohl auch in griechischen Cafés das Rauchen verboten ist. An einem Tisch saß eine Frau mit einem zuckenden Kopf, die nichts bestellte, und auch eine offensichtlich trauernde Gesellschaft war da, schwarzgekleidete Frauen, die dicht zusammen saßen. Ich ging dreimal zur Toilette im ersten Stock, weil ich mir wegen Cleo solche Sorgen machte. Beim dritten Mal funktionierte die Spülung nicht, und ich musste fliehen.
Die Tierärztin hatte einen schwarzen Rollkragenpullover und schwarze Jeans an. Zwei Risikofaktoren gab es, erklärte sie mir. Der eine, dass die Katze möglicherweise an Speiseresten ersticken könnte, die während der Anästhesie in ihre Lunge wanderten. Der zweite, dass man sie überhaupt nicht operieren könnte, falls sie trächtig wäre. Wir haben so viele Hürden überwunden, denke ich jetzt, wir sind so weit gekommen. Sie war nicht trächtig, sie überlebte die Operation. Ich habe sie in mein Zimmer gebracht, sie aus dem Käfig gelassen. Ich wollte es ihr ermöglichen, dass sie langsam aus der Betäubung aufwacht. Aber sie hat es in dem geschlossenen Raum nicht ausgehalten, es hat sie nach draußen gezogen, und seitdem ist sie auch nicht wieder zurückgekommen.
Ich ging in mein Stammcafé, um ein Bier zu trinken und eine Zigarette zu rauchen. Ein Arbeiter an einem Nachbartisch, der eine Tasche dabei hatte, aus dem eine Wasserwaage herausragte, reichte mir seinen Tabak, Filter, ein Feuerzeug. Die Sonne schien beinahe warm, und ich setzte mich einen kurzen Augenblick auf den Balkon, auf einen Stuhl mit geflochtenem Sitz, ich rauchte, trank mein kaltes Mythos, ich versuchte die kühle Nachmittagsluft tief einzuatmen, mich von der Anspannung des Tages zu befreien.
Es kommen Frauen, stark geschminkt, mit gefärbten Haaren. Sie schließen die Balkontür, weil es kühl geworden ist. Sie rauchen, trinken Kaffee, lachen, reden. Als sie gehen, öffne ich die Tür, damit frische Luft hereinkommt.
Ich muss meine Geschichte jemandem erzählen, gehe zu der Frau an der Theke. Sie erzählt mir dann ihre Geschichte. Dass sie in Athen geboren ist. Dass sie als Kind im Sommer immer mehrere Monate in Molyvos verbracht hat. Dass sie immer hierher zurückkehren wollte. Dass ihre Athener Freunde sie auslachten, ihr prophezeitenn, dass sie es hier nicht aushalten würde. Vor vier Jahren sei sie gekommen, mit ihren Eltern, ihrer jetzt neunjährigen Tochter, mit denen sie in einem Haus wohnt. Sie sei ein völlig anderer Mensch geworden.
"In Athen habe ich putzen gehasst", sagte sie. "Hier liebe ich Putzen."
"Hier habe ich einen kleinen Garten, in dem ich Gemüse ziehe. In Athen hätte ich mir meine Hände nie schmutzig gemacht."
Meine Freunde in Athen können nicht begreifen, dass ich Oliven ernte. Oliven. Sie lacht.
Sie erzählt von ihrem Hund, den sie vor ein paar Monaten aus einem Tierheim in Mytilini geholt hat. Er war ein geschlagener, traumatisierte Hund, man hatte ihn unter einem Auto gefunden, zitternd, abgemagert, voller Angst. Er hat immer noch Angst vor Autos, vor der Farbe Schwarz, vor Männern. Sie zeigt mir ein Bild von ihrem Hund und ihrer Tochter zusammen.
"Ich mache jede Arbeit", sagt sie. "Es ist mir egal. Ich möchte arbeiten, um Geld zu verdienen, aber es ist mir egal, was ich arbeite."
Es fällt in ihrer Gegenwart das Verlangen von mir ab, irgendetwas Besonderes sein zu müssen."
Mittwoch, 4. Dezember 2013
Inselmenschen II
Petros, der alte Fischer aus Petra, der mich einlädt, Apfelsinen in seinem Garten zu pflücken, die er dann gegen eine Liebesstunde eintauschen möchte ("One Sex", nennt er es und betont, er habe schon einmal mit einer Ärztin Liebe gemacht). Der alte, plumpe Körper, die gierigen Hände, der hungrige Mund, und der resiginierte Blick, als ich gehe, mich verabschiede, das Tor hinter mir schließe, meine Plastiktüte mit den Apfelsinen in der Hand. "I love you", flüstert er durch die Gitterstäbe, ich beeile mich, schnell zu meinem Fahrrad zu kommen.
Traum vor dem Aufwachen
Ich war sehr klein, und die haarige Spinne, die vor mir an ihrem Faden baumelte, war sehr groß. Jemand rief meinen Namen. Erst beim zweiten Mal Rufen wachte ich auf.
Abonnieren
Posts (Atom)
Lesbos 13/12 2021
Am Morgen wachte ich zum Plätschern des Regens auf. Machte mir Kaffee, schmierte mir Brote, packte eine Portion gesalzene Oliven in den Ruck...
-
Wusste bis soeben nicht, dass Schubert diesen Spitznamen trug (wegen "seiner Hässlichkeit, seiner niedrigen Herkunft und seines Mangels...
-
1 I want to tell a story, but nothing happens. 2 I wrote a story, but it became all wrong. 3 Don't you ever get tired of your own ...
-
Die Herzbuckel rasen so vor sich hin. Das Haar wächst zu einem Schwanz und die Fingernägel zu Krallen. Ich suche nach einem Rezept für ...
