Dienstag, 21. Juli 2020

5. Juli -

2020/07/05 10:06



Morgens:



Das Tor zum Strand ist zugesperrt, wahrscheinlich wegen der lauten Strandparty in der vorletzten Nacht, aber ich kenne inzwischen die Schleichwege, nehme eine andere Einfahrt, von der ein Weg direkt zum Hotel hochführt, biege zum dem terrassierten Teil des Grundstücks ab, über den man zum Strandweg kommt. Ich weiß jetzt auch, dass solche Eskapaden toleriert werden, habe keine Angst, dass man mich fortschickt, obwohl nicht weit von mir ein Hotelangestellter mit irgendetwas beschäftigt ist.



Erst glaube ich, dass der Strand ganz menschenleer ist. Dann sehe ich zwei junge Frauen, die im Schatten der Strandmauer in ihren Schlafsäcken daliegen und schlafen.



Als ich aus dem Wasser komme, macht sich ein deutsches Touristenpaar gerade fertig für das erste Morgenbad auf Lesbos. Sie erinnern mich an meine Eltern: die Badetasche, die schlanke Figur und knappe Badehose des Mannes, die Bademütze der Frau, ihr Badeanzug, ihre Sorgfältigkeit. Als sie ins Wasser gehen, kommentieren sie die Wassertemperatur. Dann schlagen sie verschiedene Richtungen ein, genießen die Freiheit des Meers, die Weite des Himmels, legen sich auf den Rücken und lassen sich treiben. Noch als ich schon fertig zum Gehen bin, sind sie im Wasser.



Ich überlegte, den jungen Frauen ein Frühstück oder wenigstens eine Tasse Kaffee anzubieten, falls sie aufwachen sollten, solange ich da wäre. Ich könnte die Espressokanne und den Gaskocher holen, dachte ich. Aber sie schliefen tief und fest.



Worüber schreiben, wenn nichts passiert? Das ist die Herausforderung der kommenden Wochen.



Da ich jetzt (wegen Corona-Bestimmungen) den Wifi-Anschluss des Seminargeländes nicht mehr benützen und auch mein Trinkwasser nicht mehr von dort holen kann und außerdem von allen Seiten eingekreist bin von deutschen Nachbarn, muss ich mich und mein Leben hier neu verorten.



Heute Nacht wachte ich auf und ging zur Spüle, um einen Schluck Wasser zu trinken. Ich habe mein Trinkwasser in ausgediente Glasflaschen gefüllt. Also schraubte ich eine dieser Flaschen auf, setzte an und nahm einen tiefen Schluck, nur um festzustellen, dass es Ouzo war (ich hatte gestern versucht, mit Ouzo die Klebereste eines Kreppbands vom Kühlschrank wegzumachen, und die Flasche stehen lassen). Spülte meinen Mund mit Wasser aus. Schlief aber hinterher gut.



22:39



Die Nachbarn schalten jetzt ihre Klimaanlagen an. Die Hunde bellen im Dunkeln. Ich wässerte den Garten. Um zum Pumpenhäuschen zu gehen, muss ich jetzt eine große Runde machen, den Abhang hinunter und dann den Sandweg hoch, weil ich nicht mehr an den anderen Apartments vorbei gehen kann.


Heute die erste Runde Lack auf den Kühlschrank. Trage die Kochplatte nach draußen und mache mein Mittagessen da: Zucchinifrittata mit altbackenem Brot, Zwiebeln und Ei. Geriebener Ladotiri. Hinterher Mittagsschlaf, Abspülen. Dann nähe ich einen Rock aus dem weißen indischen Hüfttuch, für das ich nie eine richtige Verwendung gefunden habe. Bei dieser Hitze sind leichte Röcke am angenehmsten. Ich mache das Modell "Fischerhose", eine Art Wickelrock mit einem Band.


Zwischendurch immer wieder ein großes Apfelschorle mit Eiswürfeln. Lese "Brooklyn" von Colm Toibín.


Als ich zum Strand hinunterfuhr, kam plötzlich die Erinnerung an die Angst und Verzweiflung hoch, in der vor zehn Jahren feststeckte, als ich meine erste Woche hier allein verbrachte. Um sie zu lindern, ging ich in den Nächten mehrmals zum Müllcontainer, um Sachen wegzuwerfen. Ich schwamm weit ins Meer hinaus, ging im Regen nach Eftalou und wieder zurück. Damals gab es noch Wifi-Cafés. Selbst wenn ich eine Mail bekommen hatte, dann konnte sie meine Angst nicht lindern. Diese Unersättlichkeit. Die Angst vor der Nicht-Existenz, vor der völligen Auslöschung, falls mir diese Liebe wieder entzogen würde, was sich da schon andeutete. Ich war nicht einmal eine ganze Woche hier, aber die Zeit erschien mir endlos, unerträglich. Ich war über die Türkei angereist gekommen, verbrachte ein paar Tage in Istanbul, und flog dann auch von dort wieder zurück nach Kopenhagen.



Der heutige Tag war einerseits schwierig, aber auch ruhig und produktiv. Als ich kurz vor Sonnenuntergang am Delfinia-Strand auf dem Mäuerchen saß und meine Füße abtrocknete, blickte aufs Meer. Plötzlich sah ich etwas, war mir aber nicht sicher, ob ich mich nicht getäuscht hatte. Dann tauchte es wieder auf: Es war eine Delphinflosse. Ich stieß einen Laut des Erstaunens, der Freude aus. Eine Frau, die sich ein paar Meter von mir entfernt gerade die Haare abtrocknete, schaute mich fragend an. Delphine, sagte ich und deutete aufs Meer. Oh, sagte sie und schaute in die Richtung meines Fingers. Komisch, dass es nur einer ist, sagte sie. Kurz danach tauchte eine zweite Flosse neben der ersten auf. Sie waren sicher hundert Meter von uns entfernt, und trotzdem starrten wir wie gebannt auf die kleinen Silhouetten der Delphinflossen vor dem Licht der untergehenden Sonne. Dass Gefühl, als würde mein Herz ganz groß und hätte fast keinen Platz in meiner Brust. Nach ein paar Minuten verschwanden sie. Ich konnte mit dem Lächeln nicht aufhören, als ich nach Hause radelte.



Abendessen: sauer eingelegte Fischchen, Oliven, Fetakäse, Salatgurke mit Salz und etwas Brot mit Olivenöl. Dazu Wasser.



4. Juli -


2020/07/04 22:23


Abends in der Wärme.


Samstag.


Putztag. Nach schwieriger Nacht, einigen wachen Stunden, in denen ich das Licht eingeschaltet hatte. Alle Fenster mit Mückennetzen waren weit offen. Immer wieder strampelte ich das Laken von mir. Schwer im Magen das Essen, das ich gestern spät bei Mary gegessen habe, an ihrem Eröffnungstag: Aubergine in Tomatensoße mit viel Knoblauch und viel Öl und ein Tzatziki. Saß auf dem Balkon, machte eine Skizze von der Aussicht in der Abenddämmerung. Am Nachbartisch der Keramiker mit seiner Frau und ein befreundetes Paar. Ich verstand, dass sie über die Hotelgeschichte sprachen. Zwar begriff ich, was sie im Detail sagten, aber es war deutlich, dass sie sich rührend einig waren. So viel Falsches kommt in die Welt, weil wir uns nur mit Gleichgesinnten umgeben wollen. Als der Keramiker mich sah, konnte ich an seinem Gesichtsausdruck erkennen, dass es ihm unangenehm war, dass ich am Tag zuvor seine Auseinandersetzung mit Giorgos bezeugt hatte. Ich grüßte ihn und lächelte. Ich brauche schließlich nicht auch noch dazu beizutragen, dass die Gräben im Dorf sich vertiefen.


Wie es mir gehe, fragte Mary. Hm, heute nicht so gut, antwortete ich. Nicht? sagte sie (sie hatte ihre Nasen-Mund-Maske nach unten geschoben). Du siehst aber gut aus. Seit du operiert worden bist (sie meinte die Schilddrüsenoperation), siehst du viel besser aus. Du bist ein bisschen runder geworden im Gesicht, aber es steht dir gut. Wir warfen uns Luftküsse zu, als ich ging. Die wunderbare Mary.


Heute das volle Programm: Griechisch, Meditation, Yoga. Dann Großputz im Haus. Wieder mit der Zahnbürste der Dusche zu Leibe gerückt. Den Herd abgeschrubbt. Die Türen der Küchenschränke eingeschäumt und abgewischt. Das Zimmer geputzt, die Terrasse. Dann den Kühlschrank grundiert. Eine Aquarellskizze gemacht. Habe beschlossen, im kommenden Monat nur Live-Bilder vor Ort zu malen. Keine Fotos. Gestern: der Olivenbaum vor dem Haus. Heute einer der Feigenbäume. Beide mit Blindtechnik und auf das Papier gespritzter Farbe. Auf Distanz zu Instagram gehen.


Friseurtermin bei Rania. Keine Spur von Maske oder Abstandhalten. In dem kleinen Lokal saßen die Dorffrauen dicht beieinander, tauschten sich aus. Niemand trug eine Maske. Plötzlich war ich sehr müde. Ich hatte auch keine Maske auf. Der Virus ist ein Problem, sagte Rania. Ja. Ich weiß. Damit war das Gespräch beendet. Sie hat ihre Preise gesenkt, weil die Leute weniger Geld haben. Ich gab ihr den alten Preis. 15 Euro. In seinem Café nebenan saß ihr Sohn. Er sah resigniert aus. Keine Kunden. Wie seit Wochen. Bei Mary sah ich zwei Kunden auf dem Balkon. Heute trug Mary nicht nur Maske, sondern auch einen Schutz auf dem Haar. Sie ist die Einzige im Dorf, die sich an0 die Regeln hält. Ich rechne ihr das hoch an.





Freitag, 3. Juli 2020

3. Juli -

2020/07/03 09:45

Eigentlich wollte ich gestern noch schreiben, aber es war zu heiß. Jetzt mit dem Pomera auf dem Bett, der Kaffee auf dem Hocker neben mir. Habe zwei Riesenbrote mit Butter und Aprikosenmarmelade vertilgt (Giorgos würde die Augenbrauen hochziehen - Butter ist bei ihm verpönt). Heute habe ich meine erste kleine Tomate entdeckt. Die "Goldwasser"-Düngung (Urin-Wasser 1:10) hat auch den Salatpflanzen geholfen. Sie sind in die Höhe geschossen, tiefgrün und kräftig.

Giorgos kam gestern mit einer Tüte an, in der Zucchini, eine Aubergine und eine Gurke waren. Weißt du, was Zucchini sind? Natürlich! Alle Eigenanbauer essen zurzeit Zucchini. Eleftheria saß auf der Bank vor dem Friseursalon und aß Zucchinibratlinge aus einer Aluminiumfolie. Sie hat ihre Massagepraxis wieder geöffnet. Die heiße Quelle wird gerade repariert, soll aber im Sommer noch geöffnet werden.

Giorgos bestellte sich einen kleinen Kaffee und ließ sich auf den Stuhl mir gegenüber fallen. Es folgte ein lebhaftes Gespräch mit den Cafébesitzern, das er immer wieder unterbrach, um sich bei mir zu entschuldigen. Jemand kam an den Tisch und bat um Tabak für eine Zigarette. Halt Abstand! rief Giorgos und streckte den Arm aus, während er ihm seinen Tabakbeutel reichte. Hinterher sagte er mir, dass der Mann, der aussah wie ein altgewordener griechischer Hippie, gerade aus Marokko zurückgekehrt war, über Spanien und Italien.

Dann begann er, mir zu übersetzen, worüber er mit den Cafébesitzern gesprochen hatte. In der Nacht sind Leute aus dem Dorf zu einem Hotel in Eftalou gefahren, das Asylanten aufnehmen will, Flüchtlinge, deren Asylantrag bereits bewilligt ist und die jetzt nirgendwo einen Platz zum Wohnen haben. Der Hotelbesitzer bekommt natürlich Geld, ziemlich viel sogar, und das ist wohl u.a. eine Tatsache, die die Dorfbewohner aufgebracht hat. Es ist zu lautstarken Protesten gekommen - die Autoreifen des Hotelbesitzers wurden aufgeschlitzt. Die Argumente: Flüchtlinge schrecken Touristen ab. Wir haben kein Geld zum Leben, und den Flüchtlingen wird es hinten reingeschoben. Verständlich, aber die Wut ist trotzdem fehlgerichtet. Natürlich gibt es auch eine große Gruppe, die misstrauisch gegenüber allen Muslimen ist. Das alte Thema. Der gleiche Neid. Der gleiche Fremdenhass. Und letztlich geht es um Geld. Auch der Hotelbesitzer, der jetzt angefeindet wird, war früher gegen Flüchtlinge. Jetzt, wo er Geld damit machen kann, ist er zum anderen Lager übergewechselt.

Giorgos ist erschöpft, hat die Borniertheit der Dorfbewohner satt. Am liebsten ist er bei sich zu Hause, in seinem Garten, seiner Werkstatt, mit seinen Katzen. Mangelnde Bildung, sagt er. Alle, die aus dem Dorf weggehen, um zu studieren, kommen nicht zurück. Es ist so viel Gemeinheit, so viel Bosheit hier. Immer wieder geht es um Geld, um Konkurrenz. Er hat keine Freunde mehr hier. Letzte Woche hat jemand die Hausfassade von Jenifers Tochter mit dreckigen Wörtern vollgeschmiert, weil sie sich in der Flüchtlingsfrage engagiert. Giorgos hat diese Aktion auf Facebook kritisiert, aber kein Mensch hat einen Kommentar hinterlassen. Die, die keine Faschisten sind, haben Angst vor den Faschisten. Außer Mary. Sie hat gute Gedanken. Und sie spricht sie aus. 

Ich bestelle eine Ikone bei ihm: Den heiligen Franziskus. P und ich haben gestern vorsichtshalber gegoogelt und haben die Information gefunden, dass der Hl. Franziskus in der orthodoxen Kirche als vom Teufel besessen gilt. Ich frage Giorgos, ob ihm das etwas ausmacht. Er schaut mich mit großen Augen an. Glaubst du denn, dass ich so engstirnig bin? Hast du außerdem vergessen, dass ich in San Francisco gelebt habe, viele Jahre? Ich habe es nicht vergessen. San Francis. Wir schauen einige Bildbeispiele auf meinem Handy an. Ich kann es machen, sagt er. Er muss erst das Holz bestellen. Wir einigen uns auf einen Preis. Alle sollen zufrieden sein, sagt er. Du, ich, P.

Er fährt zu seinem Laden, den er für die Saison herrichten muss, obwohl er keine Lust hat. Ich gehe auch hoch, will im Keramikladen ein paar Becher und Paletten für Wasserfarben bestellen. Mary ist in ihrem Lokal, als ich daran vorbeigehe. Sie sitzt an einem Tisch, einen Block vor  sich, und spricht ins Telefon. Sie winkt mich rein. Möchtest du eine Orangenlimonade? Wir setzen uns auf den Balkon. Sie macht morgen auf. Es gibt so vieles, was sie jetzt einkaufen muss. Das kostet, selbst wenn sie keine großen Mengen bestellt. Sie sieht trotzdem gut gelaunt aus. Barfuß, mit riesigen Schlabbershorts, T-Shirt und einem Tuch, das das verschwitzte Haar aus dem Gesicht hält. Ich frage, ob sie weiß, was  in der Nacht passiert ist. Sie hat es noch nicht gehört. Eine Freundin hatte sich wegen den vielen Autos und Motorrädern gewundert, die gleichzeitig nach Eftalou fuhren. Eine Hochzeit, hatten sie vermutet. Giorgos hatte das Gleiche gedacht.

Was ich ihr dann erzähle, macht sie fertig. Das ist Faschismus. Sie sagt das Gleiche wie Giorgos. Sie hat keine Freunde hier im Dorf. Die Dorfbewohner kommen nicht in ihr Restaurant, nur die Ausländer. Dann sagt sie mir, dass Ignatios, bei dem ich in den letzten Jahren oft gegessen habe, ein übler Faschist ist. Du kannst bei ihm essen, sagt sie, aber du musst wissen, was er für ein Mensch ist. Seine Frau, naja, sie ist nicht so schlimm, aber sie sagt auch nicht so viel. Mary hat manchmal Angst, dass man ihren Laden demolieren oderihrem Hund etwas antun könnte. Sie ist deutlich gegenüber den Leuten. Sie wiederholt, was sie schon am Anfang meines Aufenthalts gesagt hat. Sie sagt den Dorfbewohnern, dass sie drei Alternativen haben: Entweder ihr kauft euch eine Kalaschnikow und mäht alle Flüchtlinge nieder, oder ihr hebt Lesbos aus dem Meer und setzt es an einem anderen Ende von Griechenland wieder runter. Oder ihr arrangiert euch mit der Situation, auf eine menschliche Weise.

Der Keramikladen ist noch nicht richtig geöffnet, aber die Tür steht offen. Ich rede mit der Frau des Keramikers. Die zwei sind große Katzenfreunde. P hat sie über die Jahre oft unterstützt und Sachen bei ihnen bestellt. Sie müssen erst alles in Ordnung bringen, sagt sie. Dann bin ich willkommen. Ich fühle mich als große Wohltäterin. Gehe weiter zu Giorgos' Laden. Eine Gruppe von Männern steht davor. Darunter auch der Keramiker. Laute Stimmen. Ich sehe an den Augen des Keramikers, dass er wütend auf Giorgos ist, als er auf ihn einredet. Und Giorgos hält dagegen, mit seinem tiefen Bass. Ich verstehe, dass es um Islam geht. Jemand sagt "Pakistan". Es ist leicht, sich die Argumente dahinter auszudenken. Die Gruppe zerstreut sich. Ich gehe mit Giorgos in seinen Laden.

Irgendwie ist es, als würde mir der Boden heute unter den Füssen weggezogen. Der Keramiker hat also auch Angst, dass die Anwesenheit von Menschen, die einer anderen Kultur angehören, hier alles kaputtmachen wird. Kann ich jetzt noch in seinen Laden gehen? Kann ich jetzt noch Becher bei ihm bestellen? Das Dorf scheint mir plötzlich vergiftet, hasserfüllt, auch wenn der Hass sich nicht gegen mich richtet. Mary sagte, sie versucht den Dorfbewohner klarzumachen, dass die Touristen, die nach Molyvos kommen, keine bornierten Idioten sind, sondern denkende, weltoffene Menschen. Dass der Faschismus dem Tourismus mehr schadet als die Flüchtlinge. Ah, es ist alles so falsch, so verkehrt.

Giorgos zeigt mir seine neuen Sachen. Mit einer kindlichen Begeisterung lässt er sich über die kleinen Holzesel aus, die er diesen Winter gemacht hat. Er hat blauweiß gestreifte Stoffbeutel über ihren Rücken gehängt, gefüllt mit Oregano. Einige große, detailreiche Häuser. Wieviel kann ich dafür nehmen? 250 Euro? Auf jeden Fall! Boote in allen Größen, manche dreidimensional. Alles aus Müll gemacht, sagt er, "rubbish". Er hat auch noch einige der kleineren Boote, die er aus dem Material der Flüchtlingsboote und Rettungswesten hergestellt hat, mit der Aufschrift "Hope". Auch wegen ihnen ist er angefeindet worden. Ich bin links, sagt er, kein Kommunist, aber links, weil ich der Ansicht bin, dass die linke Politik in der Regel menschlicher ist.

Als ich mich zum Gehen anschicke, fragt er, was ich zu Mittag essen werde. Keine Ahnung, sage ich. Er hat eine Idee. Wir können auf einen Ouzo nach Petra fahren. In zwanzig Minuten vor dem Schulhaus? Er will sein Auto holen. Ok.

Schließlich kommt doch mit dem Motorrad an. Geht das? Natürlich. Wir brausen über die Küstenstraße. Er stellt das Motorrad ab, wir setzen uns wieder an einen der Tische bei Katarina, essen Mezedes (ich esse doppelt so viel wie er) und trinken ein kleines Fläschchen Ouzo. Reden über Gott und die Welt. Er bekommt eine Mitteilung von seiner türkischen Freundin und scrollt auf seinem Telefon. Ah, sie hat ein paar Kilo zugenommen! sagt er. Die Türken lieben Süßigkeiten und Butter! Wegen den Corona-Beschränkungen haben sie sich seit Monaten nicht sehen können. Er erzählt auch, dass Erdogan die Hagia Sofia in eine Moschee verwandeln will. Wir erinnern uns beide unabhängig voneinander an das ehrfürchtige Erlebnis beim Betreten dieses Kirchenbaus. Als ich dort war, lag die Furcht vor Bombenanschlägen in der Luft. In welchen Zeiten leben wir eigentlich? Und wie wird es in ein paar Jahren sein? Gestern fühlte ich mich nicht besonders hoffnungsvoll.

Wir gehen noch zu einer Lottostelle und kaufen uns jeder ein Los. Leider kein Hauptgewinn. Brausen nach Molyvos. Er bringt mich zu meinem Fahrrad, das vor dem Schulhaus steht, und sagt: Fahr nicht zu schnell! Wir sehen uns!



2. Juli -

2020/07/02 10:18

Dieser ganze Juli liegt leer und unbeschrieben vor mir. Es gibt eigentlich keinen Grund dafür, weiterhin hier zu sein, außer, dass es auch keinen Grund dafür gäbe, in Schweden zu sein. Was soll ich also tun? Irgendwo gibt es ja immer noch den Gedanken, dass all das sich "rentieren" soll. Es soll etwas "dabei herauskommen". Hirnrissig eigentlich. Wann hat dieses Denken sich in unsere Leben eingeschlichen? Ich habe meine Tagesroutinen (Schreiben, Malen, Meditieren, Yoga, Griechisch, Gartenarbeit).

Die Nachbarn sind angekommen, in guter Gesundheit und Urlaubsstimmung. I wollte mich gestern umarmen. "Wir sind gesund", sagte sie. "Lieber nicht, sicherheitshalber", sagte ich und wich etwas zurück. Wie kann sie das sagen, nachdem sie gerade aus dem Flugzeug gestiegen ist? Heute kommt der erste Charterflug aus Holland, sagte mir die Frau im Gyros-Imbiss, wo ich gestern mein erstes (und einziges) Gyros im Pita gekauft habe. Ich sehe ein, dass ich jetzt meine eigenen Corona-Regeln aufstellen muss. Dass ich wieder vorsichtiger sein muss, wenn ich Lebensmittel einkaufen gehe. Dass ich mir die Hände wieder öfter waschen muss, mich gegen den Sog der Normalität wehren muss. Dass ich geschlossene Räume meiden muss. Ich möchte meine Heimreise jetzt nicht gefährden. Ich möchte auch meine Gesundheit nicht gefährden und damit die Gesundheit der anderen. Immer noch verstehen Leute nicht, dass man mit der Maske nicht in erster Linie sich selber schützt, sondern die anderen. Ungefähr zwei Tage nach dem Lockdown waren Masken im Dorf yu sehen, jetzt sieht man keine mehr.

Begegnungen:

Jenifer, Illustratorin, Malerin, etwa Mitte siebzig, die vor ihrem Mann in Australien mit zwei Töchtern nach Griechenland zu "Onkel und Tante" geflüchtet ist und in Athen einen griechischen Fischer kennengelernt hat, mit dem sie im Lauf der Zeit drei weitere Töchter hatte. Inzwischen lebt sie schon seit vierzig Jahren in Molyvos. "Ich bin hier hängen geblieben", sagt sie. Mit dem Fischer war sie ein paar Jahre in Sansibar, hat dort viel gemalt, Ausstellungen gemacht, auch Bilder verkauft (u.a. an den schwedischen König), während er den Bewohnern der Insel die Technik des Lichtfischens beibringen sollte, was er auch mit Erfolg getan hat. Leider sind sie zu früh wieder nach Molyvos zurückgekehrt. Auch auf den griechischen Mann, der seit ein paar Jahren tot ist, ist sie nicht gut zu sprechen. "He was an idiot." Es ging um irgendeine Familienangelegenheit. Sie fühlte sich mit fünf Kindern in einem winzigen Haus im Hafen eingesperrt, während seine Schwester (ihrer Version zufolge) dank seinem Geld in einem geräumigen Haus wohnte. Das Haus, in dem sie jetzt lebt, ist an einer Anhöhe gelegen, der Weg dorthin ist steil in der Hitze, die Aussicht über das Meer atemberaubend. "Jeden Abend dieser Sonnenuntergang", sagt sie und verdreht die Augen. Ob ich vielleicht einen Hund haben möchte. Sie hat drei. Einer davon ist ihr zugelaufen, und seit einem Jahr versucht sie vergeblich, ein neues Zuhause für ihn zu finden. Das Haus hat sie "selber gebaut". Die Griechen konnten nicht verstehen, dass sie eine raue Steinwand im Inneren des Hauses haben wollte. Das Dach ist hoch, und an den Wänden hängen ihre eigenen Bilder. Auf dem Sofatisch Kataloge von Van Gogh und Hockney. Sie stellt grüne Oliven auf den Tisch, die sie auf Vorrat "bei Lidl" in Mytilini kauft, wir trinken Wein mit Sodawasser und Eis. Ich bin heißhungrig und stopfe mir eine Olive nach der anderen in den Mund - aber wie kann man diese nichtssagenden Lidl-Oliven kaufen, wenn man auf Lesbos wohnt? Ich hole meinen Behälter mit den dicken grünen Oliven, die ich in Petra gekauft habe und stelle sie auf den Tisch, zum Vergleich. Sie findet sie zu bitter. Wir gehen in ihr Atelier. Sonnenuntergänge, Fischerboote im Meer, ihre Töchter. Vor ein paar Tagen hat sie einen Baum an ihre Wand im Wohnzimmer gemalt und mehrere Bäume auf den Wandschrank im Schlafzimmer. Was für eine Technik? Kohle und Haarspray. Wir blättern den Hockney-Katalog durch. Ich kriege eine große Lust auf Farbe.

Einige Monate hatte sie ein irakisches Flüchtlingspaar im Haus. Sie habe da erst verstanden, dass viele Geschichten der Bibel im Koran fast identisch auch vorkommen. Ihre Tochter Melinda ist die Gründerin der NGO "starfish", die sich seit 2015 für die Flüchtlinge auf Lesbos engagiert. Im September 2015 war ihr Restaurant "The Captain's Table" im Hafen der zentrale Treffpunkt für die Volontäre aus aller Welt.

Alles strahlt zusammen. Mein "Tadzio von Lesbos", wie ich sie im Geheimen nenne, ist Jenifers Enkelin. Sie tritt im Herbst einen Studienplatz für Fotografie in Edinburgh an. Ich saß vor einigen Wochen mit ihrer Großmutter und ihrer Mutter (Melinda) auf dem Balkon einer Bar, und sie schaute kurz vorbei und grüßte höflich und wohlerzogen, so wie man die Bekannten der Mutter und Großmutter halt so grüßt. Als ich sie am nächsten Tag am Meer sah, hatte sie unsere Begegnung offensichtlich schon wieder vergessen.

Abends, auf meinem Weg vom Meer nach Hause, fuhr ich mit dem Fahrrad an Giannis vorbei, der gerade mit seinem Moped in Richtung Dorf unterwegs war, kleinen weißen (coiffierten) Hund seiner Frau auf dem Arm. Wir hielten beide an und kehrten um. Er holte ein paar Aprikosen aus der Plastiktüte, die an seinem Lenker hing und gab sie mir. Kannst du mal kommen und dir den Garten anschauen? Er ist in Deutschland aufgewachsen, wir reden Deutsch. Ich komme mal vorbei. Vormittags. Du bist vormittags zu Hause? Oft, aber nicht immer. Ok. So vereinbart man in Griechenland einen Termin.


30. Juni -

2020/06/30 07:01

Spät ins Bett und früh wieder raus. Die wunderbaren Morgenstunden, das Vogelgezwitscher, das Guckuu der Tauben. Diesen letzten Monat auf der Insel möchte ich auskosten. Vorgestern hatte ich einen totalen Einbruch oder Absturz. Las stundenlang in der New York Times, scrollte endlos auf Instagram, getrieben von diesem Jucken, dieser dumpfen Rastlosigkeit. Was gibt es Neues? Wieder irgendwelche Hiobsbotschaften von der Trump-Front. Wieder höhere Corona-Zahlen. Noch ein haarsträubender Twitter-Eintrag. Noch mehr willentliche Bosheit, Dummheit, Ignoranz. Und wieder die schier unerträgliche Wartezeit bis zur nächsten US-Wahl. 

Ich habe momentan vier verschiedene Bücher daliegen, die ich gleichzeitig lese.

Außerdem die Lettre, die ich wie jedes Mal auf meine Reise mitgenommen und dann doch nicht (kaum) gelesen habe. Gestern las ich noch einmal den Einführungsartikel von Marcus Quent, einem jungen Philosophen (Obacht: Neid!), der vom Altern handelt (dem körperlichen und dem unkörperlichen, und sie fallen zeitmäßig nicht zusammen). Sein Gedankengang ist initiiert von der Lektüre von Celines "Reise ans Ende der Nacht" und geschult an der kritischen Theorie Adornos. Wunderbare Sätze: "Der Wille zur Konservierung eines makellosen Körpers ist das sichere Zeichen für den Eintritt des unkörperlichen Alterns. Jugend ist keine Eigenschaft des Körpers, sondern Ausdruck einer unterschiedslosen Liebe.". Und was ist das für eine Liebe? "Auch dort, wo die Welt unerträglich ist, wo sich Verachtung ausbreitet und uns in ihren Kreislauf hineinzieht, müssen wir die Welt lieben, die ganze, ohne Unterschied." Diese Liebe, so schreibt Quent, ist keine Verdrängung oder Verleugnung des Negativen, sondern ein affirmatives Mittel des Widerstands. So wunderbar und elegant führt er die kritische Theorie und die Essenz des Buddhismus zusammen. Wir dürfen, ja, wir MÜSSEN sogar, lieben. Die ganze Welt. Darüber hinaus gibt es nichts. Natürlich ist das ja auch die Essenz des Christentums, allerdings in der Geschichte oft missachtet.


29. Juni -

2020/06/29 23:26

Heute überschlugen sich Wellen, schäumten an den Strand. Aber wenn man über die ersten hinweggekommen war, war das Wasser nur wenig bewegt. Der Delphinia-Besitzer grüßte mich freudig, als ich mit dem Fahrrad ankam. Erst dachte ich, es sei vielleicht verboten, den Weg am Meer entlang zu radeln. Wie geht's? Gut, und dir? Gut. Die üblichen Begrüßungsfloskeln.

Unkraut jäten um die Akazie herum. Steige auf die Leiter, um tote Äste abzusägen. Knipse kleine Terpentinpistazien ab, grabe Schafgarbe aus und Quecke. Ein Apfelbäumchen hat sich selber gesät. Mit meinen Werkzeugen gehe ich ans Werk. Wühle in der Erde, werfe Steine zur Seite. Alles ist von Ameisen untergraben. Ich glaube, dass sie die Akazie zum Absterben bringen, weil die Baumwurzeln dann ins Leere wachsen. Machte ein paar Bilder von der Schafgarbe im Gegenlicht. Schnitt verblühte Akanthus-Stängel ab, zerteilte sie, gleich in den Sack hinein.

Videogespräch mit A. Die kleinen Katzen wuseln auf dem Sofa um ihn herum. Er hatte mir am Freitag eine Nachricht geschickt. Er habe "ziemlich gute Neuigkeiten". "Jetzt machst du mich neugierig", schrieb ich. "Das war beabsichtigt", antwortete er. Am nächsten Morgen schrieb ich "Ich bin jetzt auf drei Alternativen gekommen". "Jetzt machst du mich neugierig.", schrieb er. "Das war beabsichtigt", antwortete ich. Heute wollte er erst meine drei Alternativen hören. Er hörte sie sich an, ohne mit der Wimper zu zucken. "Es ist eine von deinen drei Alternativen", sagte er: Er hat sich eine Wohnung gekauft und zieht von L weg. Er hatte alles schon durchgezogen und abgeschlossen, bevor er L überhaupt von seinen Plänen erzählte, der den Sommer in seinem Haus auf dem Land verbringt. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er eine eigene Wohnung. In Damaskus hatte er zwar eine Wohnung für sich und seine "zukünftige Familie" gekauft und sie renoviert, aber er verließ das Land, bevor er in die Verlegenheit gekommen wäre, sich eine Frau zu suchen. Die Wohnung war nur eine Hinhaltetaktik seiner Familie gegenüber. Er wusste schon damals, dass er nie heiraten wollte, jedenfalls keine Frau.


28. Juni -

2020/06/28 21:51

Das Neueste: Ich lege Gläser ins Gefrierfach, damit sie eiskalt sind, wenn ich sie mit Apfelschorle (oder heute: mit Bier) fülle. Ich habe drei Eiswürfelformen im Gefrierfach. Ich träufle Zitronensaft in das Wasser in der Eiswürfelform. Wenn noch Eiswürfel im Glas übrig sind, wenn ich (gierig, durstig) ausgetrunken habe, lege ich das Glas mit den Eiswürfeln ins Eisfach. Abends spüle ich die Stufen vor der Terrasse mit Brunnenwasser, das schnell verdunstet, aber trotzdem ein kurzes Gefühl von Frische entstehen lässt.

Vor den Mücken fliehe ich am Abend schnell ins Innere des Hauses, obwohl ich lieber draußen sitzen würde. Ich habe eine geschwollene und schmerzende Stelle unter dem linken Auge. Heute habe ich sie mit einer leichten Kortisonsalbe eingerieben. Manchmal stelle ich mir vor, das unter meiner Haut ein Insekt brütet, das beim Auskriechen die Haut zum Platzen bringt.

Auf dem Herd köcheln jetzt eine Auberginen-Tomatensoße und Spaghetti. Eigentlich bin ich von Chips, Pistazien und Bier schon satt. Nach einem Tag, an dem ich kiloweise Unkraut gestochen und abgeschnitten habe, teilweise in der sengenden Sonne.

Auf dem Weg zum Meer fuhr ich an meinem "Stalker" vorbei. Ich versuchte, ihn so natürlich wie möglich zu grüßen, bekam aber wieder nur einen starren Blick als Antwort.

Im Bett die Heuschrecke (Zikade?), die noch nicht weiß, dass Punxy nichts lieber tut als mit der Tatze nach diesem hüpfenden Spielzeug zu schlagen. Wenn ich kann, fange ich sie in meinen hohlen Händen und trage sie nach draußen.

Ich habe das Meer abends oft für mich alleine. Heute kam ein kleines hellblaues Fischerboot ans Ufer. Eine Griechin im Bikini watete ins Wasser und kletterte dann an Bord. Was ist die Geschichte dahinter?

Ich weiß noch, dass heute Sonntag ist, und wenn ich mich anstrenge, komme ich auch auf das Datum. Habe wieder nur ein Drittel von den Dingen gemacht, die ich mir vorgenommen hatte.

Lesbos 13/12 2021

Am Morgen wachte ich zum Plätschern des Regens auf. Machte mir Kaffee, schmierte mir Brote, packte eine Portion gesalzene Oliven in den Ruck...