Freitag, 3. Juli 2020

19. Juni -

2020/06/19 13:49

Schreibe das, während ich im Dorf im Café Tropicana sitze, nach einem Schaf-im-Ofen und Tsatsiki. Das Licht fällt durch das Laub der Platane auf die Papiertischdecke mit den Fettflecken. Möchtest du den Rest mitnehmen? fragt Taxia, als sie abräumt. Gerne. Es ist ihr auch lieber, sagt sie, wenn sie das Essen nicht wegwerfen muss.

Auf der Post am Morgen die große Überraschung, der Triumph. Ist was für mich da? "JA", sagte die Postangestellte. Ich konnte meinen Ohren erst nicht trauen, ich hatte sie ja schon früher schon mal missverstanden. Ist wirklich etwas für mich gekommen? Aber ja! Ein kleiner gepolsterter Umschlag wird mir unter der Glasabsperrung zugeschoben. Ein paar Meter weiter treffe ich "meinen" Giorgos (unrasiert, in kurzen Hosen) vor seinem Laden, im Gespräch mit drei Männern aus dem Dorf. Er sieht zerknirscht aus - er meldet sich so selten (eine lange Erklärung folgt). Können wir jetzt einen Kaffee trinken? Jetzt nicht, ich bin auf dem Weg zum Essen. Morgen dann. Du schreibst mir, ich schreibe dir. Ist gut. Er möchte noch wissen, ob ich in Petra in dem Laden gewesen bin, in dem man Künstlerbedarf bekommt. Noch nicht, sage ich, ich hatte eine Hitzekrise? Hitzekrise? Er versteht nicht. Keine Lust, bei der Hitze mit dem Fahrrad zu fahren. Du hättest mein Auto haben können.

Feierlich packe ich die kleinen Farbtöpfchen aus. So klein? fragt Taxia. Diese fünf Töpfchen kosten 30 Euro. Sie erzählt, dass ihre Tochter auch malt, und ihr Mann, der mit Pferdeschwanz in der Küche vor dem Herd steht, mit dem Rücken zu mir. Ein muskulöser Rücken im Muscle Shirt. 

Heute Morgen rief ich Pavlos noch einmal an, den "Waschmaschinenmann". "Jetzt sind es 8 Grad im Kühlschrank." Gestern waren es noch 16. Er kam am späten Nachmittag und zog das Tablett unter dem Gefrierfach etwas vor, damit die Kälte nicht blockiert würde. Seine feste Überzeugung ist, dass ein Kühlschrank nicht kaputt sein kann, so lange das Gefrierfach funktioniert. Er hockte vor dem geschlossenen Kühlschrank, hatte den Sensor eines Digitalthermometers hineingelegt, ich saß auf dem Bett, und wir schauten wie gebannt auf die Thermometer-Anzeige, die langsam herunterkletterte. Währenddessen unterhielten wir uns, über den Virus, über seine Arbeit.

Die Katzen kamen die Leiter heruntergeklettert und verschwanden durch die Tür. Ich erzählte von meiner Sorge, was mit ihnen wird, wenn ich von hier wegfahre. Er lachte. "Keine Sorge. Katzen finden immer einen Ausweg. Im Gegensatz zu Hunden."

Im Blumenladen. Die Besitzerin hatte ein Zweiglein von einem Solanabusch abgezupft. Er wächst ganz in der Nähe, sagte sie. Fünfzig Meter von hier. Du kannst einen Ableger in etwas Wasser stellen und darauf hoffen, dass es Wurzeln entwickelt. Wenn es nicht klappt, kann sie versuchen es zu bestellen. Danke! Nichts zu danken! Ich kaufe ein Töpfchen Basilikum, um mich erkenntlich zu erweisen.


18. Juni -

2020/06/18 14:21

Zwei Abende hintereinander bin ich in voller Kleidung (Shorts und ärmellose Bluse) auf dem Bett eingeschlafen, bei brennendem Licht. In der ersten Nacht wachte ich um ein Uhr davon auf, dass ich ein wenig an den Zehen fror. In der zweiten Nacht wachte ich erst um drei auf, weil die Katzen vor der Tür standen und miauten.

Sah gestern ein (schon einige Monate altes) Interview mit dem Dalai Lama (85) auf Youtube. Wie hat sich sein Leben durch Covid 19 verändert? Überhaupt nicht. Er meditiert, vier Stunden am Tag, er schaut Nachrichten am Fernsehen an, etwa eine bis zwei Stunden, er liest. Meditieren ist gut, sagt er und empfiehlt, dass man mit wenigen Sekunden anfangen soll und allmählich die Zeit verlängern. Anderen helfen, sagt er, ist das Einzige, was uns glücklich macht. Und es gibt nur eine Schwäche: aufgeben. Selbst wenn man eins ums andere Mal auf die Nase fällt, soll man es noch einmal versuchen und dann noch einmal. Zu Trump befragt, sagt er schlicht, das Konzept des "America First" sei ein Zeichen dafür, dass seine Welt sehr klein sei.

In einem kleinen Film auf Instagram interviewt eine griechische Filmstudentin ihre Großmutter Eleni, die 91 Jahre alt ist und auf Lesvos lebt. Was würdest du an deinem Leben ändern, wenn du noch einmal jung wärst? Ich würde es mehr genießen, und ich würde anderen mehr helfen. Armen Menschen helfen ist das Einzige, was uns glücklich macht, sagt sie in einer interessanten Übereinstimmung mit dem Dalai Lama. "Und jemanden finden, den man liebt, der die Liebe wert ist, ein Leben lang. Er liebt dich, und du liebst ihn. Aber er muss es wert sein. Nicht so wie heute: man liebt jemanden, aber nach kurzer Zeit ist die Liebe schon wieder verblasst."

Ziellose Gartenarbeiten: Den Rosmarin schneiden, aber ich fühle mich wie eine schlechte Friseuse, es klaffen bald Löcher im Busch, und die Kante unten sieht fransig aus. Dann schabe ich mit einer Schaufel die dezimeterdicke Schlacke von Olivenabfall und trockenen Rosmarinnadeln unter dem Rosmarinbusch hervor. Das Gleiche mache ich auch auf dem unteren Teil der Terrasse. Fülle Müllsäcke mit diesem Abfall, der sich über die Jahre angesammelt hat.

Ein kurzer Besuch im Dorf. Post checken, Haare schneiden. Bei der Post kennen sie zwar meinen Namen, aber ein Brief ist noch nicht angekommen. Ranias Friseursalon ist geschlossen. Ihr Mann und ihre zwei erwachsenen Söhne sitzen in dem winzigen Café nebenan, das einem der Söhne gehört, und essen Spaghetti. Es sieht süß aus, weil sie in dem schmalen Café an zwei Tischen hintereinander sitzen müssen. Rania ist nach Athen gefahren, sagt ihr Mann, etwa in einer Woche kommt sie zurück. (Später erfahre ich von Effi, dass sie zu einer Nachsorgeuntersuchung dort ist.)

Ich komme am Katzen-Giorgos vorbei und kann die Schachtel mit dem Vogel nicht sehen. Er ist gerade damit beschäftigt, den Behälter für das Katzenfutter auszuwaschen. Wie geht es dem Vogel? Er lebt noch, sagt er, und deutet nach oben. Da sehe ich die Schachtel, die sich im Laub versteckt hatte. Wie schön! Er hofft, dass er ihn in einigen Wochen fliegen lassen kann. Bleibst du den ganzen Sommer hier? fragt er. Bis Ende Juli, höre ich mich sagen. Das Gleiche habe ich heute Morgen zu Frans gesagt, der sich neben mich aufs Mäuerchen gesetzt hat, als ich gerade die New York Times auf meinen iPad lud. Die Entscheidung ist also offensichtlich gefallen und wird im Telefongespräch mit P etwas später bestätigt. Ich buche heute Abend einen Flug von Athen. Die Strecke nach Athen fahre ich mit der Fähre. Vielleicht fahre ich gleich nach dem Kurs wieder zurück. Vielleicht aber auch nicht. Pia kommt im September und bleibt dann etwas länger. Ich habe angefangen, Rosmarin für Duftsäckchen zu sammeln und zu trocknen.

Ich muss versuchen, den ominösen "Fischer" ausfindig zu machen, der laut U die Katzen normalerweise füttert. Außerdem muss ich jemanden finden, der sich um Julia kümmern kann.

Du hast ja noch einen ganzen Monat, sagte Frans heute zu mir, der schon über vier Wochen auf einen Brief mit einer Unterschrift aus Holland wartet, den er braucht, um seinen Secondhand-Laden hier abwickeln zu können. Ja, sagte ich, sogar etwas länger. Und das allein ist länger, als ich früher jemals hier gewesen bin.

Die Frau, die meine Wohnung in Malmö mietet, kommt schon heute und möchte vielleicht länger bleiben.

Schon wieder war der Kühlschrank zu warm, und ich besorgte mir die Telefonnummer des "Waschmaschinen-Mannes" Pavlos, der auch Kühlschränke repariert. Gestern hatte er die Theorie, dass der Kühlschrank, der in die Küchenzeile eingebaut war, zu wenig Luft bekam, also riss er den Sockel heraus, so dass über dem Kühlschrank ein Raum für die Luftzirkulation entstand. Erst sah es aus, als würde es funktionieren, aber die Temperatur im Kühlschrank sank trotzdem über Nacht nicht unter 14 Grad. Also rief ich ihn heute Morgen noch einmal an und warte gerade auf ihn. Dass der Kühlschrank alt ist, schien ihn gestern nicht zu bekümmern. Ich hoffe noch, dass das Problem leicht zu beheben ist.

Im Blumenladen am Dorf-Eingang habe ich eine Pflanze bestellt, die P für eines der alten Rosenbeete haben möchte. Die Ladenbesitzerin sagte: ah, Solanum, das wächst hier überall, du kannst sicher eine der Frauen im Dorf fragen, ob du etwas haben kannst, aber ich kann es dir auch besorgen. Ja, gerne, sagte ich. Sie will es versuchen.


17. Juni -

2020/06/17 11:04

Entscheidungen stehen an. Ich habe gestern Flugtickets gegoogelt, auf dem Dach des Pumpenhäuschens sitzend, während Bibi neben mir saß und lautstark bekundete, dass er gestreichelt werden wollte. Eine Sache ist sicher: Der Zahn muss gemacht werden. Und zwar vor Oktober, da dann die alte Versicherungsperiode endet. Muss meine Zahnärztin anrufen, einen Zeitplan machen.

P befürchtet, dass keine von uns auf die Insel zurückkommen kann, wenn ich von hier wegfahre. Sie ist inzwischen bereit, den Workshop in Südschweden allein durchzuführen. Habe Angst, von hier wegzufahren, vereinnahmt zu werden von meinem schwedischen Leben. Möchte die Katzen nicht sich selber überlassen, bevor Touristen auf der Insel sind. Denke aber auch an praktische Dinge: Mein Aufenthaltsstatus in Schweden. Die Zahnbehandlung. Meine Gesundheitschecks. Ich lebe hier billig, weil ich außer Lebensmitteln nichts kaufe, aber ich kann auch einige Dinge nicht kaufen, die ich dringend bräuchte. Nach über vier Wochen sind die Aquarellfarben immer noch nicht angekommen. P hat jetzt meine Wohnung für eine Woche vermietet, an eine Frau aus Stockholm. Das bezahlt schon mal die halbe Junimiete.

Lese in der New York Times von einer Studie, die zu dem Schluss kommt, dass Toiletten beim Spülen den Virus in die Luft wirbeln können. Am besten vor dem Spülen den Deckel schließen. Schreibe es P. Sie findet es "überdramatisch". Sie liest gerade den Bericht von Pepys, geschrieben zu Pestzeiten im 17.Jahrhundert. Pepys ist auch nicht krank geworden. Ja, und?

Gestern eine Vision. Eigentlich bin ich eine Geschichtensammlerin. Ich habe keine eigenen Geschichten zu erzählen, aber die Geschichten der anderen interessieren mich. Mit P entwerfe ich ein Konzept. Die Insel per Bus erforschen. Bus ist hier das beste Fortbewegungsmittel, weil es einen zu Langsamkeit, zu Pausen, verdammt. In den Leerzeiten geschieht oft etwas, kommt es zu Begegnungen. Das Auto isoliert einen, macht einen hektisch. Kaum ist man wo angekommen, will man schon wieder weiter. Ich könnte aber auch ganz einfach in Molyvos anfangen. Geschichten ereignen sind, wenn sonst nichts passiert.

Das Dorf macht einen traurigeren Eindruck jetzt, wo viele Geschäfte (die ihr Angebot ganz eindeutig an Touristen richten) geöffnet haben. Wer soll all diesen Krimskrams kaufen? T-Shirts mit "lustigen" Aufdrucken (Made in China)? Badetücher. Schmuck. Sonnenhüte. Keramik mit der Aufschrift "Lesvos", Badeschuhe? Die Besitzer sitzen müde vor ihren geöffneten Läden im Schatten.

Es gibt am Kreuzungspunkt der zwei Hauptwege im Ort einen schönen Laden, der griechische Qualitätsprodukte verkauft (Lebensmittel, Kosmetik, Keramik). Der Besitzer, auch ein Giorgos, spricht etwas Schwedisch und natürlich Englisch. In den besucherarmen Monaten des Jahres sitzt er oft vor seinem Geschäft an einem kleinen improvisierten Tisch, raucht und unterhält sich mit anderen Dorfbewohnern. In den Wintermonaten, wenn der Laden geschlossen ist, kommt er mindestens einmal am Tag, um die streunenden Katzen zu füttern. Er stellt ihnen Wasser hin und füllt einen großen Plastikbehälter mit Trockenfutter.

Vor einigen Wochen sah ich ihn mit einer langen Stange aus Holz, an deren einen Spitze er einen gebogenen Nagel angebracht hatte, herumgehen. Er war damit beschäftigt, den Blauregen, der sich über die gesamte Einkaufspassage rankt und der in den Frühlingsmonaten ein magisches violett-blaues Licht verbreitet, an seinen Platz zu bringen. Neu ausgetriebene Ranken leitete er nach oben und verhakte sie in dem lebendigen "Dach".

Gestern, als ich an seinem inzwischen auch geöffneten Laden vorbei kam, sah ich, dass er eine Pappschachtel an einer Schnur nach oben unter das Blauregendach zog. Was ist das? fragte ich. Er ließ die Pappschachtel wieder herunter und klappte sie ganz auf, so dass ich ein Amseljunges sehen konnte, das dort zitternd kauerte. Es ist verletzt, sagte er. Abends nehme ich es mit nach Hause. Tagsüber ist es hier. Auf dem kleinen Tisch lagen ein paar Getreidekörner. Er hatte den Vogel wohl gerade gefüttert.

Ich dachte an das Amseljunge, das ich kurz vorher auf einem Nachbargrundstück gesehen hatte. Ich war mir nicht sicher gewesen, hatte aber den Eindruck gehabt, dass es verletzt war. Jetzt fühlte ich mich schlecht, weil ich mich nicht darum gekümmert hatte, weil ich sofort aufgegeben hatte. Als Kind nahmen wir manchmal ein verletztes Vogeljunges nach Hause und versuchten, sie aufzupäppeln. Aber wir schafften es nie. Wird er überleben? fragte ich. Ich glaube schon, sagte Giorgos. Er frisst jedenfalls.

Nichtstun macht uns hellhöriger, mitfühlender, dachte ich. Das Leben, dem angeblich alle hinterherrennen, ein urbanes Leben mit einem gut bezahlten Job, tollen Sachen und pausenlosen Vergnügungen, macht uns abgestumpft, selbstbezogen. Ein gerettetes Amseljunges bedeutet vielleicht eine gerettete Welt. Vielleicht.

Mitten in alldem kämpfe ich auch einen Kampf um den Kompost, der in der letzten Zeit angefangen hat, erbärmlich zu stinken. Ich habe ihn wochenlang nur mit Essensabfällen gefüttert, weil ich die Gartenabfälle in Säcken fülle und wegbringe. Das war ein Fehler. Irgendwann sah ich, dass die Wände der Komposttonne von dicken weißen Würmern (oder Maden?) bedeckt waren, zusätzlich zu den winzigen kleinen Würmern, von denen ich immer dachte, dass es "Kompostwürmer" sind. Nach ein wenig Googeln bin ich jetzt nicht mehr so sicher. Die kleinen weißen Dinger scheinen Fliegenmaden zu sein. Die großen Dinger auch, aber von dicken Fliegen. Ich lese, dass man die Maden herausklauben und an Vögel verfüttern soll, aber als ich versuche, mich ihnen zu nähern, lassen sie sich sofort in die Tonne fallen. Im Kampf gegen den Gestank habe ich nun den Kompost gewendet, und dadurch landeten die dicken weißen Maden ganz unten. Mal sehen, was jetzt passiert.

Auf Instagram sehe ich einen Film einer Frau, die winziges nacktes Mausbaby füttert, mit Hilfe eines winzigen Pinsels, den sie in Milch getaucht hat. Mein Cousin, der in Kanada lebt, erklärt auf seinem Instagram-Konto den Leuten, die Probleme mit seiner Jagdleidenschaft haben, dass er die Bären, die er schießt, komplett verwertet. Bärenwurst, Bärenfleisch, und was man sonst noch aus Bären so alles machen kann. Meine Meinung: Besser Jagd als Massentierhaltung. Aber den Triumph der Jäger, die ihre Opfer auf eine perverse Art sogar zu lieben scheinen, kann ich nicht nachvollziehen. Xenophanes war 400 v.Ch. der Ansicht, dass Jagd den Charakter schult, abgesehen davon, dass es der Gesundheit zuträglich sei.


15. Juni -

2020/06/15 07:10

Ich stellte den Wecker gestern wieder aus und hatte schon beschlossen, nach Petra zu radeln, wachte aber dann von selbst um fünf auf. Nach einigem Hin und Her und einem halbherzigen Versuch, wieder einzuschlafen, stand ich kurz vor sechs auf und ging in die Dusche. Kochte Kaffee. Aß Brot mit Tahini und Honig. Stellte mich ganz einfach auf "Arbeitsmodus" ein. Als würde ich zur Arbeit fahren, egal, ob ich genug geschlafen habe oder nicht. Die wunderbar warmgelbe Morgensonne. Caesarion lag auf der Sonnenliege. Ich ließ das Fahrrad den Abhang hinunterlaufen, dann fiel mir ein, dass ich meine Kreditkarte vergessen hatte. Also wieder umgekehrt, den Abhang hoch, Tür aufgeschlossen. Nein, ich hatte die Kreditkarte doch dabei. Also in voller Fahrt zur Bushaltestelle, wo ein verschlafener Busfahrer schon wartete. Es ist still im Bus, bis auf die penetrant gut gelaunten Stimmen von zwei Radiosprechern, die sich schier überschlagen und gegenseitig ins Wort fallen.

Heute ist kein Abstand mehr angesagt im Bus. Auch der Busfahrer trägt keinen Mundschutz mehr. Ich bin froh um meinen Ausländerstatus und darum, dass mein Mundschutz so farbenfroh ist. Der junge Mann in der Sitzreihe vor mir bekreuzigt sich, als wir an einer Kapelle vorbei fahren. Ich erlebe die Strecke jetzt ganz anders, weil ich sie schon einmal mit dem Fahrrad gefahren bin. Mit dem Bus dauert es eine halbe Stunde von Molyvos nach Kalloní, mit dem Fahrrad zwei Stunden.

Heute morgen dachte ich plötzlich (in einem Gedankengang, in dem es um meine Mutter ging), es ist völlig unbegreiflich, dass wir uns so sehr vor dem Tod fürchten, obwohl wir doch ständig sterben und heute nicht mehr dieselben sind wie gestern oder vor einem Jahr oder noch vor einer Stunde. Diese Illusion, dass wir unser Ego sind, eine Art Container, angefüllt mit Erinnerungen an "unser Leben", das wir als unveränderliche Einheit bereits durchlaufen haben und noch durchlaufen werden und das mit unserem Tod "endet". Ständig fürchten wir die unvermeidliche Veränderung, das Vergehen der Zeit. Als Resultat taumeln wir halb bewusstlos durch die Tage und Jahre. Zeit ängstigt uns, weil wir sie als Tatsache begreifen und nicht als ein Konstrukt.

Was, wenn ich nicht mehr bin? Ist der Tisch dann noch ein Tisch? Oder ist er vielleicht nie ein Tisch gewesen, hat er nie als solcher existiert?

22:02

Da die meisten Geschäfte noch geschlossen waren, als der Bus vor acht Uhr schon in Kalloní ankam, machte ich einen Spaziergang aus dem Ort hinaus, in der vagen Hoffnung, vielleicht nach Skala Kalloní zu kommen, das am Meer liegt. Es ging mir im Kopf rum, dass der Busfahrer gesagt hatte, der nächste Bus werde erst um 14 Uhr zurückfahren. Ich hatte sowieso schon so viel Zeit totzuschlagen, selbst, wenn der Bus um 12 ginge wie üblicherweise.

Eigentlich musste ich nur Katzenfutter kaufen. Außerdem wollte ich im Supermarkt schauen, ob ich irgendwas billiger kriegen könnte als in Molyvos, so dass die Fahrt sich gelohnt hätte. Vielleicht mich irgendwohin setzen, etwas zeichnen. Honig holen, bei dem kleinen Verkaufsstand eines Imkerhofs vor dem Ort, neben der Abzweigung nach Eressos, wo ich auch bei meinem letzten Besuch ein großes Glas gekauft hatte.  

Da sah ich die Katze. Erst dachte ich, jemand hätte sie aus Versehen eingesperrt, ein Bauarbeiter vielleicht. Sie war in einer Art Ladenlokal im Souterrain eines größeren Wohnblocks, hatte sich hinter der Glastür aufgerichtet und schaute mich an, mit einem Blick, der mir flehentlich erschien. Ich ging näher. Plötzlich tauchten am Fenster noch mehr Katzenköpfe auf, alle mit dem gleichen flehenden Katzenblick. Ich spähte hinein. Was ich da sah, ließ mich an Fritzls Keller denken. Es waren Futterschalen im Raum verteilt. Kleine Bettchen standen da, mit Decken ausgepolstert. Jemand hatte die Katzen hier eingesperrt, auf ungefähr zehn oder zwölf Quadratmeter Fläche, und fütterte sie. Ich hatte sofort den Wunsch zu weinen. Aber was konnte ich tun? Ich ging weiter.

Während des restlichen Spaziergangs überlegte ich verschiedene Alternativen. Die "Tierfreunde Lesbos" kontaktieren. Zur Polizei gehen. Aber was sollte ich sagen? Katzen in einem Raum eingesperrt? Ich wusste ja nichts über den Kontext. Vielleicht war jemand verreist und hatte seine Katzen hier zeitweilig untergebracht. Vielleicht war jemand nur kurz weg, und die Katzen machten einen auf "eingesperrt". Vielleicht gab es wirklich jemanden, der Katzen auf eine kranke Weise liebte und sie deshalb hier aufbewahrte.

Ich versuchte, den Gedanken an die Katzen aus meinem Kopf zu vertreiben. Kam nach einer Weile an einem Pferd vorbei, das in einem Mini-Schuppen eingesperrt war. Nur der Kopf schaute heraus, mit tieftraurigen Augen. Ich dachte, ich halte das nicht mehr aus. Was fällt uns Menschen eigentlich ein, den Lebensbereich der Tiere so zu beschränken, uns über sie zu erheben, sie für unsere Zwecke zu benützen? Dann wieder dachte ich an meine eigenen Katzen, die auch immer auf dem Fensterbrett in der Küche sitzen und auf den Hof schauen, wenn ich nicht zuhause bin. Ich würde nie auf den Gedanken kommen, dass es ihnen schlecht damit geht. Oder die Katzen hier auf Lesbos, die oft stundenlang im Haus eingesperrt sind, wenn ich mal länger weg bin und sie nicht rausgeschmissen habe, weil sie gerade schliefen. Ohne die Geschichte zu kennen, konnte ich die Situation der Katzen nicht beurteilen.

Es fing an heiß zu werden. Ich kehrte um, ohne das Meer gesehen zu haben. Machte einige Fotos von Häusern, die ich später zeichnen wollte. Überlegte, wie ich es verhindern könnte, wieder an dem Haus mit den Katzen vorbei zu kommen, aber es gab keine Alternative. Diesmal standen drei Katzen nebeneinander vor der Glastür und schauten mich unverwandt an. Man sah nur ihre Köpfe. Es sah eigentlich süß aus. Unter anderen Umständen wäre man versucht gewesen, ein Foto zu machen. Eine vierte Katze war auf eine Platte gesprungen, die offensichtlich das große Fenster etwas abdecken sollte. Ich beschloss, zurück zu  dem Möbelgeschäft zu gehen, an dem ich gerade vorbeigekommen war, und den Besitzer zu fragen, ob er etwas über die Katzen wisse. Da hörte ich plötzlich eine Stimme. Jemand kam die Außentreppe herunter, mit einer Katzenbox in der Hand, eine Frau in den Sechzigern, mit blond gefärbtem Haar. Sie lächelte mich an. "Oi gates", sagte ich und deutete auf das Schaufenster, vor dem die Katzen sich jetzt drängten. Die Katzen. Sind das Ihre? Was machen Sie mit den Katzen? Sie winkte mich zu sich, mit einem breiten Lächeln. Erklärte dann (auf Griechisch, untermalt von Gesten), dass die Katzen (es sind vier) in dem Ladenraum schlafen, dass sie sie am Morgen holt und in ihre Wohnung bringt. Dort können sie herumlaufen und spielen. Den Ladenraum macht sie jeden Tag sauber, am Abend kommen die Katzen wieder hinein. Ich blickte noch einmal am Haus hoch und sah, dass die Terrasse, von der sie gekommen war, mit einem Netz gesichert war. Der Katzentransport war offensichtlich ein kompliziertes Unterfangen. Eine nach der anderen werde sie die Katzen jetzt in die Box stecken und nach oben tragen. Natürlich musste sie aufpassen, dass keine durch die Tür entwischte. Da sie Probleme mit dem Rücken habe, könne sie nur noch eine Katze auf einmal tragen. Soll ich Ihnen helfen? fragte ich (auf Griechisch) und langte schon nach dem Griff der Katzenbox. Das sei nicht nötig, beharrte sie. Ihr Mann sei heute zu Hause. Sie habe so viele  Katzen hier sterben sehen, überfahren, vor dem Haus, das habe sie nicht mehr ertragen. Sie legte die Hand auf ihr Herz. Ich konnte sie verstehen. Im Grunde versuchen wir nur, uns selber vor unserem Schmerz zu schützen. Ich verabschiedete mich dann, ging weiter, voller Traurigkeit wegen der Einsicht, dass wir das, was wir lieben, gerne einsperren wollen. Wie geht es den Katzen damit? Keine Ahnung. Auf der Straße vor den Müllcontainern sitzen, verdreckt und ständig hungrig, ist auch kein tolles Leben. Macht es diesen Katzen was aus? Keine Ahnung.

Bei "Agrotiki Stegi" schlenderte ich ein wenig durch die Regale, schaute mir Siebe an, Schraubgläser, Milchpumpen und Pferdesattel und andere interessante Dinge. In der Gartenabteilung stieß ich auf den Wurzelstecher, dessen Preis bei meinem letzten Besuch an der Kasse so langwierig ermittelt worden war. Da bezahlte ich 8,50. Jetzt sah ich auf dem Preisschild, dass sie eigentlich 2,50 kosten. Diesen bitteren Nachgeschmack erstmal herunterschlucken. Ich beruhigte mich damit, dass die Nüsse, die ich gerade im Extrapack im Supermarkt gekauft hatte, diesen Verlust wieder wettmachten. So funktioniere ich.

Das Katzenfutterregal gähnte leer. Oh je. Nur wegen  dem Katzenfutter habe ich den Aufwand dieses Ausflugs auf mich genommen, und dann ist es ausverkauft! Gibt es denn so viele Katzen mit Blasengrieß auf dieser Insel? Ich fragte einen jungen Angestellten, der sich nur widerwillig auf mich einließ, weil er gezwungen war, auf Englisch zu kommunizieren, der mir aber dann zwei Pakete vom gewünschten Futter von einem Regal auf der anderen Seite des Gangs reichte. Natürlich. Da habe ich es das letzte Mal auch genommen. Alles gut. Ich bedankte mich überschwänglich, er zog sich schnell zurück. Ich nahm noch eine kleine Tüte einer billigeren Variante Blasenfutter mit, um zu sehen, wie es ankommt. In der Tierarztpraxis hatten sie gesagt, dass ich nach einiger Zeit auf das billigere Futter umsteigen könnte. Die sieben Kilo des teuren Futters werden allerdings jetzt erstmal ein paar Wochen herhalten.

Nachdem ich meine Erledigungen abgeschlossen hatte, ging ich schließlich gegen halbzwölf zum Busbahnhof und setzte ich mich ins "Coffee Paradise", eine Kaffeebar, die eine strategisch gute Lage hat, obwohl es so ab vom Schuss ist, da alle Leute, die auf den Bus warten, dort natürlich einen Kaffee trinken. Inzwischen hatte ich die Homepage des Busunternehmens gecheckt und außerdem die Verkäuferin in der Bäckerei um die Ecke nach der Abfahrtszeit des Busses gefragt. Deshalb war ich mir ziemlich sicher, dass der Bus (wie auch sonst immer) um zwölf kommen würde. In der Kaffeebar fragte ich sicherheitshalber noch einmal nach.  Zwei Uhr, antwortete eine der Barista-Frauen. (Kurzer Herzstillstand.) Warum? Sie sagte im Umdrehen etwas Undeutliches. Ich fragte nach. Sie sagte dann, wegen Corona, und fing an, mir zu erklären, was das ist (Corona, Virus, etc.). Ich sagte, ja, schon, aber wie hängt das mit dem Bus zusammen? Sie drehte sich von mir weg, wie um meine penetrante Fragerei abzuschütteln.

Was tun? Am Cafétischchen im Schatten sitzend, erledigte ich erstmal einige Steuersachen, kontrollierte mein Bankkonto, checkte meine Mails, machte eine Skizze von der Aussicht. Hier könnte ich ja ganz einfach sitzenbleiben. Ich war schon weit genug herumgelaufen heute. Hatte ein Kilo Honig und ein paar andere Sachen aus dem Supermarkt in dem einen Rucksack und über acht Kilo Katzenfutter in dem anderen. Ein alter Mann setzte sich an meinen Tisch. Wir fingen an zu reden. Er hatte fünfzehn Jahre in Venezuela gelebt und wir kauderwelschten auf Griechisch und Spanisch, obwohl ich keine der Sprachen gut beherrsche und sein Spanisch auch nicht besonders toll war. Manchmal setzte ich „Google Translate“ ein.

Worüber redet man, wenn man einander nicht verstehen kann? Die deutsche "Präsidentin" finde er gut. Eine starke, intelligente Frau. Den amerikanischen Präsident finde er nicht so gut. Das war schon einmal eine gute Grundlage für unser Gespräch. Den jetzigen griechischen Premierminister möge er auch nicht. Der habe keine Ahnung vom Leben der armen Leute, habe immer nur in reichen Kreisen verkehrt. Er zeigte mir ein Bild in seinem Geldbeutel. von sich selbst, als er 32 Jahre alt war (jetzt sei er 74). Als er in Venezuela war, habe er so ausgesehen. Normalerweise haben die Leute Bilder von ihren Kindern im Geldbeutel. Er trug sich selber mit sich herum, wie einen Schatz. Damals war ich stark, sagte er, er plusterte sich etwas auf und ballte die Fäuste, um das zu illustrieren. Nach 50 geht es bergab. Er wollte wissen, wie alt Angela Merkel sei. 63, sagte ich. Und ich? 58, sagte ich. Ob ich verheiratet sei. Ich deutete auf den Ring an meinem Finger. Dann erfand ich, auf seine Fragen hin, ein Privatleben. Einen Mann, zwei erwachsene Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Ich habe es manchmal einfach satt, mitleidige Blicke zu bekommen, wenn ich sage, dass ich keine Kinder habe. Er hatte zwei Töchter, erwachsen, natürlich. Erzählte etwas von dem Geschäft, das er in Venezuela hatte. Ein "europäisches" Geschäft. Ich verstand nicht genau, was er damit meinte. Aber Venezuela war dann doch nicht so gut. Die Frauen dort übrigens sehr schön, aber flatterhaft (von einem Mann zum nächsten flatternd). Er kam gerade vom Augenarzt. In einem kleinen Täschchen hatte er alle Papier mit sich. Die Leute da drüben (ungefähr drei oder vier Meter entfernt) kann ich zwar sehen, aber nur verschwommen, sagte er. Ich dachte an grauen Star. Fragte, kann man es nicht operieren?, verstand aber nicht, was er antwortete. Ich erzählte von meiner Mutter, die an beiden Augen operiert worden ist und jetzt wieder gut sieht. 85, zeichnete ich auf den Tisch. Mit was er hier auf der Insel gearbeitet hat? Alles Mögliche. "Weinbau" verstand ich. Er lebt in Antissa, etwas außerhalb, Richtung Meer. Ich erzählte, dass ich in Antissa einmal zu Mittag gegessen habe, in einer Taverne auf der Agora, unter einer Platane. Die Platane kannte er natürlich. Sie ist schön, ja. Ich wollte etwas von Orpheus sagen, dessen Kopf bei Antissa angeschwemmt wurde und dessen Gesang man dort heute noch am Wasser hören kann, aber es war mir dann doch zu kompliziert. Wir waren wohl beide erleichtert, als der Bus kam, seiner zuerst, meiner etwas später. Ich bedankte mich bei ihm für die Gesellschaft, er erwiderte meinen Dank. Kurz ein fremdes Leben berührt.



14. Juni -


2020/06/14 22:49

Tintensauerei. Dabei ging wieder ein Teil der wertvollen Flüssigkeit verloren.

Soll ich morgen mit dem Bus nach Kalloní fahren oder mit dem Fahrrad? Der Wecker ist gestellt. Das Einzige, was ich kaufen möchte, ist Spezialfutter für Caesarion. Dafür muss ich mir dann  mehrere Stunden Wartezeit um die Ohren schlagen. Oder soll ich doch wieder eine Portion in Petra einkaufen, zum eineinhalbfachen Preis?

Hundegebell. Nacht. Dunkel. Eine warme Nacht.

Ich habe heute: Aprikosen getrocknet, Brot gebacken, die Wohnung und die Terrasse geputzt, im Meer gebadet, den Blog aktualisiert.

Eine Kursteilnehmerin, die ich bereits aus früheren Kursen kenne, bestätigt die düsteren Ahnungen, die mich bei ihrer Anmeldung befallen haben, und kritisiert meine Kursleitung auf der Kursplattform. Gleichzeitig schreibt sie mir in einer Mail, dass sie "hofft, dass ich nicht verletzt bin". Ich bin nicht verletzt, aber verärgert. Oder nicht verärgert, ich fühle mich bedrängt, angegangen. "Geh mich nicht an!" - plötzlich erinnere ich mich an den Ausdruck aus Schulzeiten. Ich muss es bei ihr lassen. Ich möchte mich nicht verteidigen, mich nicht auf den Konflikt einlassen, den sie offensichtlich sucht. Der Wunsch nach Aufmerksamkeit. "Kein Problem", antworte ich. "Mit freundlichen Grüßen".


Sonntag, 14. Juni 2020

LXVII - 13.Juni

2020/06/13 07:22

Der Geruch war unmissverständlich. Ich hasse mich selber, war mein erster Gedanke. Es geschah jetzt zum zweiten Mal diese Woche, dass ich aus Gedankenlosigkeit die Kichererbsen auf dem Herd vergaß. Obwohl Gedankenlosigkeit nicht das richtige Wort ist. Es sind zu viele Gedanken. Zerstreutheit. Ich stand grade mit dem Handy in der Hand neben dem Schuppen mit dem Handy und schaute nach, wer meine Facebook-Einlage von gestern geliked hatte. "Geliked". So ein Wort. "Gemocht". Es klingt gleich lächerlich, entlarvend, wenn man es auf Deutsch sagt. Das Handy hatte ich gestern vor dem Schlafengehen in eine der Gepäcktaschen am Fahrrad gesteckt, das im Schuppen steht. Ps Fahrrad, von Spinnweben überzogen. Ich schlief bis fünf und stand dann auf, mit dem festen Entschluss, mein Leben heute in die richtigen Bahnen zu lenken.

"Du kriegst nichts fertig." Der Fluch meiner Mutter. Meine hilflose Liebe zu ihr verwandelte sich in Wut. Dann das Urteil: "Du bist böse."

Es war noch dunkel im Zimmer, ich schaltete das Licht ein. Die Katzen strichen um meine Beine. Hinein, hinaus. Wenn ich Agnes füttere, jagen die anderen sie weg. Sind Katzen böse? Moralische Kategorien sind ihnen egal. Sie handeln ohne zu denken, ohne schlechtes Gewissen, ohne über sich selber zu urteilen. Es scheint jedenfalls so.

Die Bilder, die ich gestern auf Facebook in der Gruppe "Molyvos Friends" teilte, wurden so oft geliked, dass ich ganz erschöpft war. Es freute mich, aber ich fühlte mich von den gutgemeinten Kommentaren vereinnahmt, in die Zange genommen. Als würde meine wunderbare Isolation, die Anonymität, in der ich mich so wohlfühle, bedroht. Dabei habe ich mich in der letzten Zeit hin und wieder "einsam" gefühlt, etwas melancholisch, in der Zwickmühle. Die Hitze. Die Eintönigkeit meiner Tage. Meine Probleme damit, die Finger vom Handy zu lassen. Es juckt irgendwo in mir, ich gebe nach, scrolle, klicke, lasse mich treiben, und schon ist wieder eine halbe Stunde vergangen. Es fällt mir offensichtlich schwer, so eine Welle von Zuneigung und Begeisterung ganz einfach anzunehmen. Das Moped, das ich am Abend malte, wurde dann auch nichts. Die Proportionen stimmten nicht, ich verschüttete etwas von meiner wertvollen Tinte auf dem Tisch, versuchte die Pfütze mit meinem Füller aufzusaugen, aber das meiste musste ich wegwischen, in den Abfall werfen.

Mehrere Male am Tag muss ich das Katzenfutter, das noch auf der Terrasse ist, von Ameisen befreien. Jedes Trockenfutterstückchen klaube ich auf, blase die Ameise(n) davon weg, lege sie dann in den Messlöffel, mit dem ich das Futter abmesse. Dann fege ich die Ameisen von der Terrasse. Meine Vorsicht und Zurückhaltung den Insekten gegenüber hat sich gewandelt. Wenn ich mich im Bett von krabbelnden, schwirrenden, brummenden, flatternden Insekten vereinnahmt fühle, schlage ich manchmal um mich. Klaube ein Tier auf, das unter mein T-Shirt gekrabbelt ist. Mein Körper ist voller aufgekratzter Stiche, Beulen und Beißwunden. Ich schlage ein Buch zu, auf dessen Seiten eines der winzigen Insekten krabbelt, die ich im Verdacht habe, für einen großen Teil meines nächtlichen Unbehagens zu stehen. Ich habe mir ein Mückenspray gekauft, das die Mücken zwar dazu bringt, kurz vor  dem Ziel zu wenden, aber nicht davon abhält, um mich herum zu surren. Gibt es ein Verb für das Geräusch, das Mücken machen? Es fällt mir gerade nicht ein. Es ist auch sinnlos, sie zu erschlagen. Es kommen ja neue nach. Man tut es nur in einem Impuls der Selbstverteidigung. Ich werde sinnlos angegriffen, ausgesaugt. Warum nicht einfach mein Blut trinken, warum eine juckende Stelle hinterlassen, die mich hinterher eine Woche plagt, die sich entzündet, auswächst zu einer Geschwulst?

Und Ps Mail, in der sie eine Zukunft ausmalt, in der wir uns hier auf Lesbos abwechseln. Mir ist in den letzten Tagen klar geworden, was P und meine Beziehung für mich bedeutet: bedingungsloser Rückhalt. Normalität. Eine Erlösung von meinem Getriebensein, von den Dramen der Leidenschaft und der ständigen Angst, wieder fallen gelassen zu werden. Oder vereinnahmt, was schlimmer ist. Ich muss mich nur gegen ihre Planungssucht wehren. Sie ist nicht die beste Zuhörerin, aber sie lässt mich trotzdem immer reden. Ein interessanter Widerspruch.

3 Tage hintereinander habe ich mich nicht wohl gefühlt. Ich muss es mir erlauben, den Tag auf dem Bett zu verbringen, ohne deshalb ein schlechtes Gewissen zu haben. Noch immer habe ich ein Schlafdefizit und fühle mich zu schwach, um irgendeine Initiative zu ergreifen. Wenigstens habe ich grüne Bohnen gekocht und mir einen Salat mit Thunfisch gemacht, den ich  auf der Terrasse gegessen habe.

Cleo: Es fällt mir schwer, mein Gefühl der Zuneigung für diese kleine, stille Katze in Worte zu fassen. Vielleicht ist sie der Grund dafür, dass ich es nicht fertig bringe, an meine Heimreise zu denken.


LXVI - 10.Juni

2020/06/10 16:41

Der Käfer: Sah einen schwarzen Fleck auf der Terrasse, vor der Terrassentür, als ich am Morgen hinausging, um die Tomaten zu gießen. Mein Gehirn kam nach einer Weile zu dem Schluss, dass es ein toter  Käfer sein musste. Ich gin hin, um ihn wegzuräumen, aber als ich mich bückte, sah ich dass er nur auf dem Rücken lag. Seine Beine bewegten sich. Es war ein riesiger Käfer. Ich drehte ihn um und schaute, ob er auch noch vollständig war, oder ob die Katzen ihn irgendwie beschädigt hatten, während sie ihn (wahrscheinlich) durch die Luft gewirbelt hatten. Es schien noch alles dran zu sein, aber er wollte sich nicht bewegen. Ich hörte einen Laut, wie ein Zischen, und dann dachte ich sofort an Gregor Samsa. Ich hatte noch nie das Zischen eines Käfers gehört, nur bei Kafka davon gelesen. So wie Gregor Samsa kam mir auch dieser Käfer ziemlich einsam, mitgenommen und unglücklich vor. Ich nahm ihn in die Hand und setzte ihn auf das Mäuerchen neben dem Olivenbaum, um zu sehen, ob es ihm dort besser gefallen würde. Er zischte wieder, vor Angst oder Wut, ich weiß es nicht, und blieb einfach unbeweglich sitzen. Vielleicht Hunger, vielleicht Durst, dachte ich. Was frisst ein Käfer? Bienen gibt man Zuckerwasser, wenn man sie erschöpft irgendwo liegen sieht. Ich dachte, Honig und Wasser könnten vielleicht nicht ganz falsch sein. Ging ins Haus, nahm etwas Honig und Wasser auf einen Teelöffel und ging wieder hinaus, um es ihm vor die Nase zu halten. Zischen. Er stieg mit einem Bein in den Löffel, was in mir Hoffnung weckte, aber dann war es schon wieder vorbei mit seinem Tatendrang. Caesarion war neugierig geworden und kam näher, aber er hielt sich zurück. Ich ging wieder ins Haus, dachte, es wird schon einen Grund dafür geben, dass er nicht frisst oder trinkt. Vielleicht ist ihm ja in der Nacht so Übles widerfahren, dass er jetzt ein Trauma hat und ganz einfach sitzen bleibt und vor sich hin stirbt. Vielleicht trinken Käfer auch nicht. Vielleicht fressen sie keinen Honig. Hin und wieder schaute ich nach, ob er noch da saß. Er tat es, bis er dann ganz plötzlich weg war. Hoffentlich ein Happy End, ein vorläufiges jedenfalls.

Die Schildkröte: Ein ungewohntes Rascheln machte mich neugierig. Ich ging aus dem Haus und lauschte. Ich hatte einmal eine Schlange gesehen, die sich aus dem Rosmarinbusch ringelte, und dachte, dass sie es vielleicht sei. Aber das Rascheln klang anders. Vielleicht eine neue Katze, dachte ich. Da tauchte der Panzer einer Schildkröte auf. Weil mich der Anblick so glücklich machte, ging ich etwas zu plötzlich näher. Sie hielt sofort inne. Also zog ich mich wieder zurück. Nach einer Weile fühlte sie sich so sicher, dass sie ihren Spaziergang fortsetzte. Ich saß ganz still auf den Treppenstufen vor dem Haus. Sie ging an mir vorbei. Ich sah ihren Kopf, ihre Augen, hörte das Klicken ihrer Tatzen, fragte mich, wie alt sie wohl schon sei und ob sie schon länger hier wohnte. Ich habe in den letzten Tagen manchmal eine Katze vor dem Rosmarinbusch sitzen sehen, nicht auf dem Sprung, sondern eher neugierig, eine Neugierde, die ich von Lakshmi kenne, wenn sie im Garten einen Igel entdeckt.

Die Schildkröte spazierte dann gemächlich weiter, umrundete das Mäuerchen beim Olivenbaum und machte sich daran, die Schafgarbe abzuzupfen. Im Gehen nahm sie dann noch eine gelbe Löwenzahnblüte mit, die schnell in ihrem Maul verschwand, und dann verschwand sie ihm Gebüsch. Ich stellte ihr einen Untersetzer mit Wasser hin und legte ein Salatblatt hinein, in der Hoffnung, sie eine Weile hier behalten zu können. Leider habe ich sie (das schreib ich einige Tage später) seitdem nicht mehr gesehen.

Später fuhr ich ins Dorf, in den Laden neben der Olivenpresse, der eine Art Bauernmarkt ist. Kaufte Mastix, weil ich heute aus Avocadokernen eine Tinte herstellen wollte und hoffte, dass man Gummi Arabicum durch Mastix ersetzen könne (man kann es nicht, weiß ich jetzt). Außerdem kaufte ich einen weiteren Sack Erde, einen großen Ladotiri und griechische Zitronen (Theodos hat momentan nur welche aus Südafrika). Ich hatte vor, Zitronensirup zu machen, mit einer Mischung aus Salz und Zucker, und die übriggebliebenen Schalen - und Fruchtreste zu einer Mischung zu zerkleinern, die sich als Geschmacksverstärker anwenden lässt. Der Sirup ist gelungen. Vermischt mit Wasser und mit einem Eiswürfel ergibt das ein erfrischendes Getränk, ideal bei dieser Hitze. Die restliche Pampe habe ich mit etwas Sirup und noch mehr Salz vermischt und will sie jetzt noch etwas stehen lassen und sehen, was passiert.

Die Tintenherstellung war ein ziemlicher Reinfall. Ich hatte nicht genau genug nachgeschaut, sonst hätte ich wissen müssen, dass Mastix sich in Wasser nicht auflöst. Am Ende landete der Mastix an der Topfwand und am Rührbesen anstatt in der Tinte. Es wurde eine riesige Abspülerei. Die Tinte kann man verwenden, auch wenn sie vom Papier sofort aufgesaugt wird. Ich habe sie mit Ouzo und Gin haltbar gemacht.

Heute früh öffnete ich einen der großen Olivenölkanister mit dem Dosenöffner, goss die Olivenölschlacke ab und füllte Erde hinein. Inzwischen habe ich sechs Töpfe mit Tomatenpflanzen. Da ich den einen Topf mit der lehmigen Erde vom Grundstück gefüllt habe, die fast keine Nahrung enthält, vergrabe ich dort jeden Tag Teebeutel, Kaffeesatz und zerkleinerte Bananenschalen. Drei Töpfen sind mit der Erde aus der Komposttonne gefüllt, ohne jeglichen anderen Zusatz, und zwei Töpfe mit gekaufter Blumenerde.

Gestern habe ich erfahren, dass am 2.Juli alle Nachbarn anreisen werden. Vielleicht ist es gut so, dass ich mich allmählich daran gewöhne, wieder andere Menschen um mich zu haben, obwohl mich der Gedanke zunächst mit Widerwillen und schlechter Laune erfüllt.


Lesbos 13/12 2021

Am Morgen wachte ich zum Plätschern des Regens auf. Machte mir Kaffee, schmierte mir Brote, packte eine Portion gesalzene Oliven in den Ruck...