Dienstag, 21. Juli 2020

14. Juli -

2020/07/14 17:20



Schlief schon um 22:00 ein, wachte um 3:00 auf, lag im Bett und las Kazuo Ishiguros "The Buried Giant". Es war kühler, und ich hatte das große Fenster geschlossen. Die Katzen waren auch hereingekommen und lagen auf dem Bett. Machte das Licht wieder aus, wieder an, wieder aus. Schlief dann bis Viertel nach acht. Kein Morgenbad, weil ein Handwerker angekündigt war, der die Warmwasseranlage des Hauses anschauen wollte und dazu über meine Leiter Zugang zum Speicher brauchte.



Machte mich gleichzeitig daran, den Kühlschrank wieder abzutauen. Kochendes Wasser in einen Topf, den ich dann hineinstellte. Das Knacken, das Tropfen. Mein Arzt aus Schweden rief an und bestätigte, dass meine Schilddrüsenwerte normal seien. Anfang September neue Proben, dann in Schweden. Er habe im August Urlaub, wisse aber noch nicht, ob er nach Lesbos fahren werde. Dann ein Tipp, wie ich mich am Flughafen Kastrup verhalten solle: Am besten das Zugticket schon vorher kaufen. Bei dem deutschen Pass ist ja nicht sicher, ob mir überhaupt irgendwelche Fragen gestellt werden.



Vergebliche Suche nach meinem BH. Solche Sachen machen mich wahnsinnig. Ich habe nur einen (fadenscheinigen) BH hier, den ich anziehe, wenn ich ins Dorf fahre, und er verschwindet regelmäßig. Nachdem ich an allen Orten geschaut hatte und er nicht aufgetaucht war, zog ich ein T-Shirt unter meine weiße Bluse. Natürlich viel zu warm. Die Aufgabe des Tages: Den Fischer finden.



Seit Jahren hat U vom "Fischer" gesprochen, wenn von den Katzen die Rede war. "Die gehen zum Fischer." Dabei hatte sie vage in die Richtung jenseits des Zauns gedeutet, aus der die Katzen oft auftauchen und in die sie oft verschwinden. Ich war ein paarmal im Winter (wenn sonst niemand hier war) an einer passenden Stelle über den Zaun gestiegen und hatte mich umgeschaut, aber ich war nie besonders weit gekommen. Vor ein paar Tagen habe ich U noch einmal gefragt und eine Wegbeschreibung bekommen



Nach mehreren Versuchen und mehrmaligem Fragen nach dem "Fischer Lucas" hatte ich tatsächlich den richtigen Weg eingeschlagen, denn es zeigte sich, dass der glatzköpfige Mann, der mir auf einem Moped entgegenkam, ein paar Müllbeutel am Lenker, tatsächlich der Mann war, nach dem ich suchte. Er sei gerade auf dem Weg zur Bank, sagte er, verdutzt, dass ich mit ihm reden wollte. Später, rief er im Weiterfahren. Wann? In zwei Stunden. Oder hatte er gesagt "in einer Stunde"? Oder vielleicht "um zwei Uhr"? Ich wusste eigentlich gar nicht genau, was ich ihm mit ihm reden wollte. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass er die Katzen vermisste und erleichtert wäre, wenn er wüsste, dass sie oft bei uns sind. Außerdem wollte ich ihm vorschlagen, etwas zum Katzenfutter beizusteuern für die Zeiten, wenn wir nicht hier sind, aber ich wusste nicht, ob das wirklich eine gute Idee war. Nach einem "Club-Sandwich" und einem Mineralwasser im Dorf (erledigte ein paar Mails und Bankangelegenheiten) machte ich noch einen Versuch und kam (nach nochmaligen Nachfragen) an sein Haus. Das Moped stand davor. Der Pick-Up mit den Styroporkisten für die Fische war in der offenen Garage. Vor dem Eingang hing ein Käfig mit einem kleinen Vogel. Zwei Hunde, ein kleiner und ein großer, tauchten auf. Der kleine kläffte ein bisschen, der große kam auf mich zu und begrüßte mich freundlich. Ein Grill, dem man ansah, dass er oft benützt wurde, stand neben der Treppe, die zur Terrasse führte. Ich rief ein paar Mal. Die Tür war offen, ein Fliegenschutz bewegte sich im Wind, aber ich bekam keine Antwort, also fuhr ich wieder. Kaufte eine riesige Wassermelone und endlich eine Spülbürste im kleinen Laden auf dem Weg, radelte nach Hause. Ass Wassermelone auf den Stufen vor dem Haus und legte mich dann wieder aufs Bett - müde, erschöpft, müde. Erlaubte mir, erschöpft und müde zu sein, schlief ein und träumte, dass ich auf dem Bett lag und müde und erschöpft war. Dieser Traum war ein wenig durchzogen von Spuren des Buchs, das ich gerade lese und in dem ich zwischendurch weiterlas. Kochte mir dann eine Kanne Kaffee, die ich mit einer meiner Nachbarinnen teilen konnte. Kaffee so spät am Tag ist immer ein Risiko, aber ich hatte das Gefühl, ohne Kaffee überhaupt nicht funktionsfähig werden zu können.



00:01



Schon ein Abschiedsschmerz. Und das Gefühl, dass ich meine Erwartungen an mich enttäuscht habe.



Die Katzen haben Vertrauen gefasst, sind zutraulich geworden. Und dann muss ich die Tür wieder zuschließen, sie wieder hinausschicken. Und doch, es gibt den Fischer, sein Haus, es gibt diesen Mann wirklich. Das Leben, das sie hier haben, ist eine Art Kuraufenthalt, Urlaub vom griechischen Katzen-Alltag.



Brachte es nicht fertig zu schreiben, dachte aber daran. Kämpfe mich weiter durch den begrabenen Riesen. Das Malen ist plötzlich ganz weit weg.



Muss einen Kamm kaufen für Punxys Fell, das ganz zottig wird. Jetzt die Fenster in den Flügeltüren auch geschlossen, nach all den Wochen, in denen ich verzweifelt alles öffnete, was zu öffnen ging, und trotzdem keine Linderung.



Morgen den Tisch streichen.



Fuhr gegen Abend nochmal zum Haus des Fischers. Obwohl ich nicht näher ging als bis zur Treppe, fühlte ich mich plötzlich wie ein Eindringling. Er lebt sein ganzes Leben so wie ich hier die ersten vier Monate. Die letzten zwei Wochen sind mir übrigens zu viel geworden. Ich habe meine Tage nicht mehr richtig genießen können. Es ist schlimmer, von Leuten umgeben zu sein, an die man nicht herankommt, von denen man sich kritisiert oder misstrauisch betrachtet fühlt, als alleine zu sein. So wie der Fischer leben, in einem eigenen, verschrobenen Reich. So im Nachhinein kann ich mich fragen, woher die junge Frau im Tui Reisebüro ihn kannte und wusste, wie man zu ihm kam. Inselwissen.



Ich kam an einer Gänsefarm vorbei. Die Gänse waren frei, es gab kein Zaun, der sie einsperrte. Sie wählten, sich in einem Pool zu tummeln. Poolparty. Diese ganzen Mikrokosmen. Wohin man auch geht. Es gibt überhaupt keine einfache Version der Wirklichkeit. Das Tempo immer weiter zurücknehmen, die Radien immer mehr verringern, bis man im Schneckentempo über ein winziges Stück Erde kriecht und alles genau betrachtet.



Interessant, dass das Erste, was Touristen tun, wenn sie an ihrem Ziel ankommen, ist, sich ein Mietauto nehmen, um von dort wieder wegzukommen.



Nach meinem Abendbad 25 Minuten Unkrautjäten unter dem Mandarinenbaum. Eine stille, zufriedenstellende Arbeit. Dann selbst gezogener Salat mit Tomaten, Feta, Wassermelone. Ein Kartoffelfladen. (Auf der Terrasse.)



13. Juli -

2020/07/13 08:24



Gestern hier nichts geschrieben. Langes Telefongespräch mit P am Abend. Es ist, als wäre ich nach Monaten der relativen Zufriedenheit plötzlich in ein Loch gefallen. Vielleicht weil meine Abreise langsam wirklicher wird. Weil ich plötzlich von Menschen umgeben bin, in deren Blick ich mich spiegle.



Zurück zum Braindump, 5 Minuten morgens, 5 Minuten abends. Tagsüber schrieb ich an einer neuen Version des Künstlerhauses, angeregt von anderen Büchern, die ich während meines Aufenthalts hier gelesen habe. Ich schrieb mehrere Stunden lang, am Ende waren es etwa 8 Seiten geworden und ich fühlte mich völlig ausgelaugt. Vielleicht auch deshalb mein Stimmungstief. Es ist eine anstrengende emotionale und intellektuelle Arbeit. Meine "Planung" ist momentan, nichts zu planen und mich während des Schreibens von spontanen Einfällen leiten zu lassen. Am Morgen am Meer war ich auf die Idee einer Zeitstruktur gekommen, die mich immer weiter in die Zukunft hineinführen würde. Tag 1, Tag 10, Tag 100, Tag 1000, Tag 10000, Tag 100000, Tag 1000000, das wären also am Ende fast 3000 Jahre. Die Hauptperson wäre dann ein Insekt auf einer menschenleeren Erde. Man kann es natürlich nicht so schematisch durchziehen. Außerdem ist es schon wieder eine Planung, und Planungen entmutigen mich immer nach einer Weile.



Heute zum medizinischen Labor in Petra fahren. Neue Schilddrüsenproben machen lassen. Baden. Einkaufen. Dann zu Hause schreiben.



21:48



Eigentlich würde ich diesen Tag gerne in der Versenkung verschwinden lassen. Ich fühle mich geächtet, kritisiert, in eine Rolle gesteckt, in der ich mich nicht wiedererkenne. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich mich in die Rolle meines "Ungeliebtseins" hineingesteigert und damit andere vor den Kopf gestoßen habe.



Fuhr zur Blutprobe nach Petra. Wie immer geht es schnell und nach kurzer Zeit habe ich das Ergebnis in meiner Mailbox und schicke sie an meinen Arzt in Malmö. Als ich nach Hause fuhr und in den Sandweg einbog, der zum Haus führt, spielte mein Herz plötzlich wieder verrückt und es dauerte mindestens eine Stunde, bis es sich wieder beruhigt hatte.



Dann strich ich die Schutzkante der Eingangstür, die von der Salzschwelle, die wir hier immer gegen die Tausendfüßler auslegen, etwas abgescheuert war. Strich die Kante des blauen Metalltischs, der mir vor ein paar Tagen von der Treppe herunter gefallen war. Setzte mich zum Schreiben an den Schreibtisch, ohne zu wissen, wohin ich auf dem Weg war. Erst fühlte ich, dass ich mich in eine Sackgasse manövrierte, zwang mich aber dazu, einen Ausweg zu finden. Auf dem Weg zum Meer später beschloss ich, dass alles ein Traum gewesen war und dass die Ich-Person in dem viel zu kurzen Bett ihres neuen Zimmers aufwachen soll.



Der Tag war emotionell so erschöpfend, dass ich jetzt, noch vor zehn Uhr, so müde bin, dass mir die Augen zufallen. Eine meiner neuen Nachbarinnen holt ihre Reisegefährtin, um mit "den anderen" ein "total lustiges Spiel" zu spielen. Ich weiß nicht, wer die anderen sind, aber ich bin etwas traurig, dass sie mich nicht fragen.



Machte mir eine Aubergine mit Joghurt und einem Tomatenring und hatte noch einige gekochte Linsen, die ich mit Zitronensaft anmachte. Fuhr ans Meer und las dort in dem Kazuo Ishiguro-Roman. Kaufte mir geröstete Pistazien und ein Bier, setzte mich auf die Treppe vor dem Haus und las.



Endlich sind die Temperaturen erträglicher.



11. Juli -

2020/07/11 22:48



Heute Samstag = Putztag.



Ich denke andauernd daran, wie ich schreiben möchte, was ich schreiben könnte. Nicht so, in einem gehetzten Tagebuchstil. Auf die kleinen Dinge achten. Die Fliegen. Die Insekten, die ich aus der Schüssel unter dem Wasserhahn auf der Terrasse klaube. Die meisten sind schon tot, aber manche habe ich gerettet, erschöpft kriechen sie über die Bodenfliesen.



Akzeptieren, dass alles ein Traum ist, eine Phantasie. Ich brauche es nicht festzuhalten. Frage mich immer wieder, ob es zum männlichen Erfolgskonzept, dem Frauen auch folgen müssen, wenn sie Anerkennung haben wollen. das einzig Denkbare ist. Wo ist unser Recht auf Rückzug, auf die Freude am Kleinen, den alltäglichen Arbeiten, in der richtigen Geisteshaltung ausgeführt. Das männliche Erfolgskonzept läuft darauf hinaus, die alltäglichen Arbeit jemand anderem aufzuladen, mit dem Geld, das man verdient, sein Ego zu boosten.



Ich fahre abends an den Strand. Habe keine Lust, jemanden zu treffen und gehe zum hinteren Teil des Strands. der für Nacktbader reserviert ist. Ich möchte aber auch nicht nackt baden, also bleibe ich an der äußersten Grenze.



10. Juli -

2020/07/10 09:40



In der Früh ans Meer. Das Wasser war kalt, nach einer windigen Nacht. Hundehalterinnen, die mit ihren Hunden am Meer spazieren gehen.



23:13



Gianni kommt gegen 9. Ich erkläre ihm die Bewässerungsanlage und wir machen einen Rundgang im Garten. Er empfiehlt, dass wir den wilden Olivenbaum, der in einem Oleanderbusch hochgewachsen ist, weiterwachsen lassen und später veredeln. Er rupft schon mal ein wenig Unkraut im Vorübergehen und hat einen Vorschlag, wie man die Akazie beschneiden könnte. Er wird das Gras mähen und die Oliven abernten, wenn es so weit ist. Jedes Mal, wenn er den Garten wässert, wird er ein bisschen hier und da arbeiten. Den Gartenabfall wegtransportieren. Ich bin mir sicher, dass es ein guter Beschluss war. Wir einigen uns auch, was das Finanzielle angeht.



Einkaufen bei Theodos. Dann ein neues Bild - das Motiv des Restaurants Hamam, von dem ich vor ein paar Tagen schon eine Skizze gemacht habe.



Die Kursteilnehmerin, die schon mehrmals ihre Unzufriedenheit kundgetan hat, teilt mir mit, dass sie den Kurs verlässt, zwei Wochen vor Ende. Keine Erläuterung. Es löst bei mir ein Gefühl der Kraftlosigkeit aus.



Dann ruft P an, dass eine Kursteilnehmerin für unsere Tanzwoche im August abgesagt hat, wegen einer Knieoperation. Es bedeutet einen enormen finanziellen Verlust für uns, eine weitere Absage und wir müssen den Kurs stornieren, um nicht draufzuzahlen.



Fahre ans Meer, bevor ich zu Mary fahre. Gespräche am Tisch: das Glück. in der freien Natur aufzuwachen. Strategien des Griechischlernens. Eine Silke aus Chemnitz erzählt von dem Bauernhof, den sie allein leitet, seit ihr Mann sie vor zwei Jahren verlassen hat. Sie wirkt mädchenhaft, unsicher, introvertiert, aber ich fühle auch die Kraft, die in ihr steckt, eine Traktor-Kraft. In der Corona-Zeit konnten sie sich vor Bestellungen gar nicht retten, erzählt sie. Wir essen Tsatsiki, verschiedene gefüllte Teigtaschen, Hamam-Salat, Fava, Rindfleisch aus dem Ofen, Oktopus in Rotweinsoße, gebackener Fisch mit Pommes Frites und Rote-Bete-Salat. Nachtisch: Schokoladenkuchen mit Vanille- und Schoko-Eis und eingelegten Früchten.



Mary und die Bedienung Anni, tragen weißen Mundschutz. Nach dem Essen wird getanzt. Anni führt einen Mundschutz-Striptease vor, zu kreischendem Gelächter. Ich tanze nicht, fotografiere und filme stattdessen. In der Dunkelheit fahre ich nach Hause. Sehe Giorgos, der mit ein paar Männern im Platanaki sitzt und bremse mit dem Fahrrad neben ihm. Wann sehe ich dich? Er hat jetzt den Laden vormittags und abends geöffnet. Schau vorbei. Es ist typisch für ihn. Er legt die Initiative in meine Hände. Die Katzen warten schon am Abhang auf mich. Ich bin müde, schon bereit fürs Bett.



9. Juli -

2020/07/09 09:34



Träumte von B, mit der ich seit Jahren keinen Kontakt gehabt habe. Unsere Freundschaft ist einfach im Sand verlaufen. In meinem Traum lag sie auf einem Bett und las in einem Medizinbuch. Keine von uns verlor ein Wort über das jahrelange Schweigen zwischen uns. Ich war erleichtert, weil ich mit Vorwürfen gerechnet hatte. Schließlich war ich es gewesen, die damals gesagt hatte, ich würde zurückrufen und die es dann nie tat. Ich hatte mir monatelang Entschuldigungen und Rechtfertigungen ausgedacht - mein Stimmungstief, das Gefühl der Scham wegen meiner verkorksten Lebenssituation -, aber dann habe ich es einfach absinken lassen, versucht zu vergessen. Im Traum vertraute B mir an, dass sie sich jetzt zu alt fühle, um noch all die medizinischen Fakten in ihren Kopf zu prügeln. Sie hatte ihr Medizinstudium immer noch nicht abgeschlossen (in Wirklichkeit natürlich schon), kämpfte immer noch. Im Aufwachen (oder noch im Traum) dachte ich, dass das eigentlich eine Projektion meiner eigenen Situation ist. Ich kämpfe immer noch um etwas, das ich wohl nie erreichen werde, und je älter ich werde, desto unwahrscheinlicher ist es.



Plötzlich erinnere ich mich daran, wie wir vor der Staatsbibliothek in Berlin im Gras saßen und sie zu den anderen Medizinstudentinnen von unserer gemeinsamen Zukunft redete. Sie werde das Geld nach Hause bringen, sagte sie, während ich zu Hause sitzen und Bücher schreiben würde. Damals wusste ich schon, dass das ein schöner Traum war, der nicht in Erfüllung gehen würde. Schon damals wappnete ich mich gegen eine Vorstellung von Glück.



Zum Frühstücken wieder am Meer. Ich habe meine eigene Ecke hergerichtet, mit einem flachen Stein für die Espressokanne an einer windgeschützten Stelle. Ein anderer Stein diente mir als Teller für das Croissant. Artemis kam wieder vorbei, mit ihrem Hund und dem Hund ihrer Nachbarin. Wir wechselten ein paar Worte. Ich begegnete auch den Gärtner und Hausmeister des Hotels Delphinia, der gerade die Müllbehälter ausleerte. Wir kennen uns inzwischen, er winkte mir zum Gruß zu.



P schickt mir einen Link. Ein Gratiskurs Griechisch an der Uni Lund. Ich soll mich bewerben. Ich schreibe, hoffentlich ist es kein Anfängerkurs, sonst sterbe ich vor Langeweile. Dann denke ich daran, dass ich schon vor zehn Jahren angefangen habe, Griechisch zu lernen und immer noch grade mal die grundlegendsten Sachen kann. Allerdings habe ich es auch nicht konsequent verfolgt und immer wieder lange Pausen eingelegt.



Gerade kam I und fragte mich, ob ich morgen mit zu Mary zum Essen gehen möchte, in einer großen Gruppe. Alle sind dabei. Ich nehme das Angebot, weil ich in dem Augenblick nicht an Corona denke. Ist es klug? Nein, sicher nicht. Viele der Leute sind eben erst angereist. Ich bin unsicher.



Sitze am Nachmittag im Café von Ranias Sohn, an einem kleinen Tisch auf der Dorfstraße, trinke einen Cappuccino und später eine selbstgemachte Limonade und lese/schreibe Mails, bezahle Rechnungen, schaue nach, wieviel Geld ich noch habe. Es reicht noch für sieben Monate.



8. Juli -

2020/07/08 16:35



Aus meinem Nachmittagsschlaf aufgewacht, weil Punxy piepste, dass sie raus wollte. Ich war auch im Traum müde, schlief auf dem Boden eines Ladens ein, der T-Shirts in Farben von Fußballmannschaften verkaufte und wo ich ein T-Shirt in den Farben der portugiesischen Nationalmannschaft kaufen wollte, das es aber dann nicht in meiner Größe gab, sondern nur zu klein und zu groß. Ich rollte mich auf dem Fußboden der Umkleidekabine zusammen und schlief, zu müde, um wieder aufzustehen. Eine flüchtige Bekannte, die ich dort getroffen hatte und die Krankenschwester war, überprüfte mein Herz mit einem speziellen Metallchip und sagte, es sei zu schwach. Wir waren beide Teil einer Aktionsgruppe, die illegale Bepflanzungsaktionen unternahm. Später war ich in einem Park und versuchte, dort irgendetwas zu tun, aber ich konnte nicht, weil ich zu müde war.



P hat jetzt wieder im Gesundheitszentrum angerufen, wegen einem Druck auf der Brust und Husten. Man muss einen Boten (einen Verwandten) mit seiner ID-Karte ins Testzentrum schicken, der dann den Test ausgehändigt bekommt und ihn hinterher zurück ins Testzentrum bringt. Umständlich, findet P. Sinnvoll, finde ich. Es gibt auch die Möglichkeit, in der Apotheke einen Antikörpertest zu machen, der 500kr kostet, aber da muss man symptomfrei sein. Eigentlich sind es die gleichen Symptome wie im März, sagt sie, aber jetzt in Verbindung mit einer Erkältung. Laut Auskunft der Krankenschwester am Telefon haben viele Leute diese Art von Symptomen, die sich über Monate hinziehen können. Es gibt momentan keinen Grund zur Unruhe. P hat sich jetzt jedenfalls krankgeschrieben, damit sie ihre Urlaubstage später zurückbekommt. Eigentlich hätte sie jetzt vorgehabt, oft zum Schwimmen zu gehen. Eigentlich wollte sie Leute treffen. Jetzt begibt sie sich erstmal wieder in Quarantäne. Mit Tee und Buch auf dem Bett.



Ich habe am Morgen einen Artikel in der NYT über Schweden gelesen, das, was die Todeszahlen angeht, viel schlechter abschneidet als seine nordischen Nachbarn. Vor allem in Stockholm sind die Zahlen hoch. Es wird in der Kommentarsektion über den Sinn und Unsinn der schwedischen "Nicht-Regeln" diskutiert, viele Schweden beteiligen sich. Einige sagen, dass die schwedischen Zahlen so hoch sind, weil so viele Pflegeheime für alte Menschen von Corona betroffen waren. Die wären auch im Fall eines Lockdowns nicht geschützt gewesen, weil die Zustände dort so verheerend sind (was man angeblich vorher nicht wusste). Auch Immigranten sind in Schweden zahlenmäßig häufiger betroffen, weil sie mehr als Schweden oder europäische Ausländer in beengten Verhältnissen leben, öfter Raucher sind und öfter die Regeln nicht verstehen oder nicht beachten. Die Zahlen sind angeblich auch deshalb so hoch, weil Schweden alle Toten als Coronatote aufführt, bei der die Toten am Coronavirus erkrankt waren (auch wenn sie vielleicht nicht daran starben). Das wird wohl nicht in allen Ländern so gehandhabt. Die hohen Zahlen seien außerdem dadurch zustande gekommen, dass 10% der Schweden in den Wintermonaten verreist waren und den Virus aus Ländern wie Italien und Österreich ins Land brachten. Das Tragen von Masken wird in Schweden immer noch nicht empfohlen. Einige Schweden schreiben in ihren Kommentaren, dass eine Maske nach 10 Minuten keinen Sinn mehr macht, weil sie dann feucht wird und gewechselt werden müsste. Auf dem Papier hat Schweden im Verhältnis zur Einwohnerzahl 40% mehr Coronatote als die USA.



Ein Bild von einem Badeplatz in Malmö ist dem Artikel beigefügt. Junge, schlanke Menschen liegen und sitzen auf den Badeplanken, neben einem großen gelben Reklameschild, das zum Abstandhalten auffordert. Darauf sind zwei stilisierte Menschenfiguren abgebildet und ein Herz, das sie auf Abstand hält. Darunter steht: "In Malmö sind die Abstände nicht groß. Aber jetzt halten wir Abstand voneinander." Wenn etwas "typisch schwedisch" ist, dann genau dieses Schild. Die Freundlichkeit, der Appell an positive Gefühle, an das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen. Aber auch die Verharmlosung, Verkindlichung.


Je mehr Zeit vergeht, desto weniger bin ich der Ansicht, dass der Weg, den Schweden eingeschlagen hat, so eindeutig der falsche war. Die Frage bleibt bestehen, ob die Lage im Fall eines Lockdowns besser gewesen wäre. Es herrschen fürchterliche Zustände in den privatisierten Pflegeheimen, das ist jetzt deutlich geworden. Man kann beobachten, dass andere Länder, die ihre strengen Lockdown-Regeln gelockert haben, sie jetzt wieder anziehen. Wie lange, wie oft ist das möglich? Es scheint, als hätte Schweden einen mittleren Weg eingeschlagen, der langfristig vielleicht aufs Gleiche rauskommt, mit dem Unterschied, dass es den Leuten psychisch besser geht.


Gleichzeitig nervt es mich, dass Schweden sein "Besonderssein" wieder mal hervorkehren musste. Der schwedische "Exzeptionalismus".


Mary Trump, Trumps Nichte, hat jetzt ein "Enthüllungsbuch" über Trump-Familie herausgegeben. Von dem Wenigen, was ich darüber gelesen habe, gibt es nichts, was mich erstaunt. Es liegt doch alles offen. Ich habe schon vor vier Jahren gewusst, dass Trump ein boshafter, unersättlicher Narziss und Egomane ist. Ich brauche jetzt nicht auch noch zu wissen, dass er ins Kino gegangen ist, als sein Bruder mit einem Herzanfall ins Krankenhaus kam. Der Erbschaftsstreit in der Familie interessiert mich weder noch wundere ich mich darüber. Letztlich sind das Petitessen. Das Buch wird außerdem ohne Konsequenzen bleiben, da Trumps Anhänger da, wo man einen moralischen Kompass haben sollte, eine Leerstelle haben.



Ich nehme jetzt jeden Morgen meine Espressokanne, einen Gaskocher und eine kleine Flasche mit Milch mit ans Meer, kaufe mir auf dem Weg ein Croissant und trinke dann meinen Morgenkaffee am Strand, nachdem ich eine Runde geschwommen bin. Eine der jungen Frauen, die mir fast jeden Abend dort mit ihren Hunden begegnet sind, war heute früh auch unterwegs, und ich sprach sie an. Artemis. Nach einer Weile Englisch begann sie akzentfreies Deutsch zu sprechen. Woher kommt‘s? Sie ist Deutschland geboren, die Mutter ist Deutsche, der Vater Grieche.



Weil vor dem Nachbar-Apartment momentan der Putz der Terrassensäulen ausgebessert wird, habe ich mich heute nach langer Zeit wieder mal unters Dach zurückgezogen, für meine Stunde Meditation und Yoga. Dort lag das Buch eines tibetischen Lamas, das ich aus Schweden mitgebracht hatte. Ich öffnete es nach dem Zufallsprinzip und las. Verrückterweise ging es genau um das Thema, das mein Leben hier in den letzten Tagen etwas vergiftet hat. Sofort zog ein großer Frieden in mein Herz ein. Es ganz einfach sein lassen, mich in die Konflikte hineinzusteigern, die mich so aufgewühlt haben. Damit aufhören, andere zu beurteilen und zu kritisieren, böse Dinge über sie zu denken und zu sagen. Ich brauche niemandem mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, das mich in den letzten Tagen gequält hat, wird davon auch nicht besser. Das heißt nicht, dass man Ungerechtigkeiten generell nicht zur Sprache bringen soll. aber man sollte es für andere tun, nicht nur für sich selber.



Habe "Brooklyn" von Colm Toibín ausgelesen. So genau in der Beobachtung der Details, so fein die Gefühlsstimmungen einfangend. Entwicklungsschichte, Gesellschaftsroman und Erzählung über ein klassisches Dilemma. Am Ende ist man als Leser über die Entscheidung der Hauptperson erleichtert, obwohl eine grundtiefe Traurigkeit bleibt. Die Verluste, die das Leben mit sich bringt.



6. Juli -

2020/07/06 09:58



Wachte schon früh auf und fuhr um sieben Uhr zum Strand. Die zwei Frauen wieder in ihren Schlafsäcken. Sie waren gerade aufgewacht, setzten sich auf, und ich sprach sie an.



Das Ganze resultierte darin, dass ich nach Hause fuhr und alles holte, was man für einen Kaffee am Strand braucht. Gaskocher, Espressokanne, Espresso, Milch, Wasser, ein Feuerzeug. Ich machte beim kleinen Laden halt und kaufte Croissants und Rosinenbrötchen.



Dann saßen wir lange auf dem Mauerabsatz und redeten. Eine Griechin und eine Belgierin, die in Mytilini bei einer Hilfsorganisation für Flüchtlinge arbeiten. Wir redeten über das Konzept des "Helfens", über die Trance der "Helfer", über oft fehlgeleitetes Mitleid, über Leute, die ihre Schuhe weggeben wollen, wenn sie Flüchtlinge sehen, die barfuß gehen. In Moria gibt es auch Freude, sagte die eine, Effi, und erzählte, dass Leute sie zum Tee einladen, wenn sie dorthin kommt. Wir streiften die Situation in Molyvos. Die Bewohner des Dorfs haben keinen guten Ruf. Aber die Stimmung in Mytilini spitzt sich momentan auch zu.



Die Beobachtung von Adichie, dass jede Situation verschiedene "stories" enthält, trifft auf alle Bereiche des Lebens zu. Deshalb ist das Erzählen von Geschichten so wichtig. Es gibt nicht DEN "armen Flüchtling". Es gibt nicht DEN "Syrier", DEN „Afghanen“. Unser eigenes Leben könnte man auch in unzählig vielen verschiedenen Versionen erzählen. Deshalb ist es so wichtig, dass Menschen sich aufgefordert fühlen, ihre Geschichte zu erzählen. Und indem wir uns für die Geschichten der anderen interessieren, lernen wir, die Vielfalt der Geschichten anzuerkennen. Das Schlimmste ist, wenn die verschiedenen Geschichten einander gegenübergestellt werden als ausschließliche und rivalisierende Versionen desselben Sachverhalts.



Lesbos 13/12 2021

Am Morgen wachte ich zum Plätschern des Regens auf. Machte mir Kaffee, schmierte mir Brote, packte eine Portion gesalzene Oliven in den Ruck...