Mittwoch, 6. November 2019

5/11

Endlich früher aufgestanden, mich früher an die Arbeit gemacht. Aber nicht zufrieden damit, sondern bedrückt. Warum lande ich beim Schreiben immer wieder in dieser Schwere?

Mittagessen im Freien: Linsen, Couscous mit Gemüse, Salat mit Avocado. Die Sonne scheint.

Ich schaufle die heruntergefallenen Oliven auf. Fege die Treppe.

Mache mich auf den Weg zum Meer. Das Eisentor, das zum Strand führt, ist geschlossen. Ich gehe durch die Hotelanlage vom Hotel Delphinia. Suche mir einen guten Platz zum Zeichnen und setze mich auf meine Jacke. Es wird ein Panoramabild vom Strand und Meer. Drei Regentropfen fallen aufs Papier, dann hört es wieder auf zu regnen.

Hinterher Kaffeetrinken mit U und T im Café Platanaki. Sie haben seit fünfzehn Jahren das Apartement neben unserem. Eigentlich wirken sie bedrückt und wenig enthusiastisch, bewegen sich selten von ihrem kleinen Grundstück weg. Wir reden darüber, wie das Dorf sich in den letzten Jahren verändert hat. Es gibt in der letzten Zeit nur mehr und mehr Verfall, Schließungen. Leute ziehen weg. Ein Gefühl der Lähmung. Ich denke laut, dass eine andere Art von Tourismus nötig wäre. Die Leute da abholen, wo sie sind. Öko-Urlaub. Urlaub in Familien. Griechisch kochen. Besuche bei Schafbauern. Wie macht man Feta-Käse? Ich rede von meinen Ideen "Frühstück in der Natur" und "Kaffee mit Aussicht" (mit deutschen Kuchen). Wir tauen dann doch auf, sitzen lange da, unterhalten uns gut.

Der Besitzer sagt: "Ich mache um 17 Uhr zu. Aber ihr könnt bleiben, so lange ihr wollt. Wenn ihr wollt, bis morgen früh."
"Ja, aber dann musst du das Fenster zumachen, weil es zieht", sagt U.
Es ist lustig, weil wir draußen sitzen und vom Wind durchgeblasen werden.

Kleinigkeiten reichen, damit ich unruhig werde. Ein Zeitungsartikel in der SZ über Hartz-IV-Empfänger in Deutschland, denen die Zuwendungen gekürzt werden, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Was kann man dagegen haben? Ja, schon, aber wie kann man rechtfertigen, dass man Menschen ins Nichts fallen lässt?

Ich esse Reste vom Mittagessen, als ich wieder zu Hause bin. Ganz unerklärlich müde. Schon vor acht Uhr lege ich mich ins Bett und schlafe ein. Wache dann um Mitternacht wieder auf, lese in "Underground Railroad" von Colson Whitehead, das in der Zeit spielt, in der Sklavenhandel in den Südstaaten der USA noch an der Tagesordnung war. Erschütternd und traurig. Ich bin aber auch glücklich über jemanden, der so gut schreiben kann, der die Menschen so zum Leben erwecken kann.

Ich habe lange geglaubt, dass die Geschichtsschreibung immer Gerechtigkeit übt.  Ich glaube es immer noch. Aber man muss einen langen Atem haben. Und nicht alle wollen es dann wissen.

Montag, 4. November 2019

4/11

Giannis kommt am Morgen mit seiner Motorsäge, um den Baum auf dem Nachbargrundstück zu beschneiden, der aussieht, als würde er nicht mehr lange leben. Wenn an den Schnittstellen im Frühling nichts mehr nachwächst, muss er ganz gefällt werden.

Die Nachbarinnen U und T stehen daneben und sehen unglücklich aus, auch wegen dem logistischen Problem, das die abgeschnittenen Äste jetzt darstellen.

Stelle im Keller gemeinsam mit B die Zeitschaltuhr für die Heizung ein.

B und I reisen morgen ab. Sie lassen mir ihre Lebensmittel hier und auch das Gift, mit dem ich die Insekten besprühen soll, die momentan das Haus invadieren. Ich darf ihre Apfelsinen vom Baum pflücken und essen.

Bald bin ich ganz alleine hier.

Es ist Regen angesagt für heute. Es ist bewölkt und windig. Eine seltsame drückende Wärme. Am frühen Morgen bereits 20 Grad. Kurz kommen am frühen Nachmittag dicke Regentropfen vom Himmel, dann ist es wieder vorbei. Jetzt sind gerade einige lange Donnerschläge zu hören gewesem. Es blitzt. Etwas steht kurz vor dem Ausbruch, aber es passiert nicht. Vielleicht ist deshalb meine Stimmung heute so gedrückt.

Gehe mittags zu Ignatius zum Essen, nach meiner Arbeit. Wie erwartet, sitzt auch Ch. dort, vor einem Glas Wein, ein Buch in der Hand. Ich setze mich zu ihr, bestelle kleine frittierte Fische, einen gemischten Salat, ein Glas Wein, Wasser.

Ch. redet viel, wie immer, über Gott und die Welt. Als hätte jemand einen Stöpsel gezogen. Ich höre zu, während ich die kleinen Fische mit den Fingern esse, die Köpfe abzupfe, das Fleisch abziehe, das Rückgrat entferne, meine fettigen Finger hin und wieder an einer Serviette abwische, um einen Schluck von meinem Wein zu trinken oder etwas Salat zu essen.

Als ich mit dem Essen fertig bin, schickt einer der Gäste zwei weitere Gläser Wein an unseren Tisch. Ich bin es nicht gewöhnt, so viel zu trinken, kann den Wein aber auch nicht stehen lassen, es wäre unhöflich. Wir dürfen auch ein Stück von dem Riesenpilz probieren, den der Mann heute früh im Wald gefunden und den die Tavernenbesitzerin und Köchin jetzt für ihn und seine Freunde frittiert hat. Er schmeckt delikat, ist zart und weich.

Gehe zu Theodosos einkaufen. Er fragt mich, wie es mit meinem Griechisch aussieht. Ich arbeite dran, sage ich. Ich kaufe Milch, Haferflocken, Zutaten für griechischen Salat, Wein und Wasser. Hinterher habe ich das Gefühl, dass ich zu laut geredet habe, dass er vielleicht gemerkt hat, dass ich mitten am Tag zu viel getrunken habe.

Eine Zeichnung vom Olivenbaum, dann von den griechischen Hausschuhen.

Hole mit der Taschenlampe Wasser im Kanister vom Brunnen der Nachbarn.

Mache mir einen Kakao, um meine Stimmung etwas zu heben.

Es dauert ewig, all das hier aufzuschreiben.

Sonntag, 3. November 2019

Griechische Skizzen November 2019

1/11

Ankunft auf Lesbos. Ein Rudel Straßenhunde begrüßt die neu angekommene Fähre.

So viele schlecht gelaunte Gesichter begegnen mir an diesem sonnigen Morgen.

Frühstück im Café Panellino. Omelette und Nescafé. Ich mache meine erste Skizze: Cafébesucher.

Dann ziehe ich meinen Rollkoffer zum Busbahnhof und kaufe mir eine Fahrkarte.

Die so wohlbekannte Fahrt über die Insel. Ich verliere mich in meinem Handy, lese ein paar Seiten in meinem Buch, schaue nur hin und wieder zerstreut aus dem Fenster.

Ich frage mich, wie die Insel ausgesehen hat, als die ersten Menschen dorthin kamen. Waren die Olivenbäume schon da? Wie hat man entdeckt, was man mit den bitteren Früchten alles anstellen kann? Und woher kamen die Schafe? Hat man sie hierher gebracht? Woher kommen Schafe überhaupt? Könnte man die Zeit zurückdrehen, nur für einen kurzen Augenblick, um zu verstehen! Wer hat das erste Haus gebaut? Und wo, wie?

Und könnte ich verstehen, was die Leute im Bus einander zurufen, was sie in ihr Handy reden. Wenn ich etwas auf Griechisch sage, antwortet man mir auf Englisch. Oder ich muss selber nach einem Satz zu Englisch wechseln.

Gehe im kleinen Lebensmittelladen am Dorfeingang ein paar Lebensmittel einkaufen. Tomate, Gurke, Zwiebeln, ein Päckchen Fetakäse, Oliven, eine Flasche Wasser, Milch. Ziehe den Koffer zum Haus. Die Sonne scheint. Es ist warm.

Mache mir Kaffee mit warmer Milch. Die Katzen trudeln ein. Ich schütte Futter in ihre Schalen. Packe meine Sachen aus und verteile sie in Schränken, auf dem Bett. Mache mir einen griechischen Salat und trinke ein Glas Retsina mit Sodawasser dazu.

Gehe nicht ins Dorf. Abends esse ich ein paar Cracker aus dem Schrank mit Käse, den P im Kühlschrank zurückgelassen hat. Lese in meinem Buch, auf dem Bett ausgestreckt.

2/11

Hole mein Fahrrad aus dem Schuppen. Ganz eingewebt von Spinnweben, die Reifen fast platt. Schiebe es zur Tankstelle zum Aufpumpen.

Als ich am Café mit der Plastikplane vorbeiradle, sehe ich Yorgos und Giorgos. Wir winken, ich stelle mein Fahrrad ab, setze mich zu ihnen, bestelle eine Tasse Kaffee. Worüber soll man reden? Giorgos freut sich sichtlich, aber das macht das Reden nicht leichter. Yorgos sagt, dass er gleich noch zum Schwimmen geht. "In Schweden bin ich schon seit einem Monat mit Winterjacke und Handschuhen herumgelaufen", sage ich. Wir lachen. Giorgos blättert mein Skizzenbuch durch und gibt mir ein "Daumen hoch". Yorgos ist mit dem Renovieren seiner Pension kein Stück weiter gekommen in diesem Jahr. Jetzt erntet er seine Oliven. Das dauert, wenn man allein ist. Giorgos sagt, dass die Ikone für F schon fast fertig ist. In drei Tagen kann ich sie abholen. Auf seinem Handy sucht er ein Foto, das er von seinen eingelegten grünen Oliven gemacht hat. Er erklärt mir, wie man dabei vorgeht: Oliven zerquetschen, dann ein paar Tage wässern (das Wasser jeden Tag wechseln!), schließlich salzen. Essen. Yorgos verabschiedet sich und legt zwei Euro für meinen Kaffee auf den Tisch. "Nächstes Mal zahle ich", sagt Giorgos. "Melde dich", sagt er, als wir uns bei meinem Fahrrad trennen. Er fährt jetzt erst einmal ein paar Tage in die Türkei, zu seiner Freundin.

Ich gehe zur Burg, um einen Kaffee zu trinken, aber das Café Byzantinos ist geschlossen. Setze mich auf eine Mauer und nehme mein Skizzenbuch aus dem Rucksack. Eine Gruppe laut schnatternder türkischer Touristen kommt die Straße hoch. Der Reiseführer stellt sich neben mich und schaut mir beim Zeichnen über die Schulter. "Ich bin Amateurin", sage ich entschuldigend. Er sagt etwas Aufmunterndes und wendet sich dann seiner Gruppe zu. Sie schnattern einfach weiter. Ich weiß nicht, ob überhaupt jemand seinen Ausführungen zuhört.

Gehe durchs Dorf hinunter, im Gewusel der türkischen Touristen, die herumschauen, Bilder mit den Handys machen, jetzt auch Fragen an ihren Reiseleiter richten, der sie geduldig beantwortet. Einer von ihnen klettert auf eine niedrige Mauer und pflückt Mandeln von einem Baum, der mir bisher noch nie aufgefallen ist. Die anderen knacken sie mithilfe von aufgeklaubten Steinen und essen sie an Ort und Stelle. Ich bekomme eine geschälte Mandel zum Probieren.

3/11

Spaziergang. Hinter der Tankstelle rechts, über das ausgetrocknete Flussbett, dann auf einem schmalen Weg zwischen Grundstücken. Olivenhaine, bellende Hunde, wiehernde Pferde.

Die Sonne scheint. Ich habe ein langärmliges T-Shirt und eine Leinenhose an, aber es ist mir zu warm.

Olivenernte. Es ist immer die gesamte Familie daran beteiligt. Die Männer schlagen die Oliven herunter. Die Frauen klauben die Blätter und Zweige weg und füllen die Säcke.

(Denke gerade daran, dass ich morgen Wasser holen muss.)

Muss über ein paar provisorische Wegabsperrungen steigen bzw. den Draht aufbiegen, der sie festhält, und sie dann wieder befestigen. Vorbei an privaten Müllhalden, einer Schafshütte. Zäune aus rostigen Bettgestellen. Zusammengenagelte Wände. Upcycling auf griechische Art. Überall, wo man sie in Ruhe lässt, bekommt die Natur wieder die Oberhand. Es sprießt und wächst und wuchert.

Ich laufe am Grundstück der albanischen Familie vorbei, die seit Jahren hier am Straßenrand einen Gemüsestand hat. Die Gemüsebeete von damals habens sich zu einem regelrechten Bauernhof gemausert, mit Ziegen, Kühen, Hühnern. Zu einem Haus reicht es aber offensichtlich noch nicht. Die ganze Familie lebt immer noch im Wohnwagen. Ich mag nicht dran denken, welches Schicksal den Kälbern blüht, die sie in einem kleinen Auslauf halten.

Der leuchtend blaue Meerstreifen. Ausgestorbene Hotelanlagen. Irgendwann einmal gebaut, um Touristenträume zu erfüllen. Aber wer will heute noch so Urlaub machen? Außer All-Inclusive-Touristen, denke ich böse.

Das Restaurant von Eftalou ist geschlossen, die Plastikwände sind herunter gelassen, der Schornstein ist eingepackt. Die Katzen scharen sich um die Müllcontainer.

Auch die heiße Quelle ist heute nicht in Betrieb, aber ein paar griechische Badegäste haben die Eisentür aus den Angeln gehoben und liegen in dem Becken mit dem heißen Wasser. Ich ziehe mich um. Dusche kalt unter der Dusche im Freien, lege mich dann in das warme Wasser. Balanciere über die Steine zum Meer, schwimme hinaus.

Ein griechisches Paar geht. Jetzt teile ich das Badehaus mit zwei Männern. Komisch, wie man sich als Frau an den Argwohn gewöhnt, selbst wenn er völlig aus der Luft gegriffen ist. Dreimal tauche ich in das heiße Becken, dreimal gehe ich ins Meer. Dann ziehe ich mich um. Die Männer sind inzwischen schon gegangen, ich schäme mich wegen meinen Gedanken.

Der Verfall, die Verwahrlosung: Weiße Schimmelkissen an den Wänden, die feuchte Farbe blättert ab. Die Tür geht nicht mehr zu schließen. Das verwitterte, morsche Holz. Darüber hat man leuchtend blauen Lack gepinselt. Die Dichtungswolle um den Türrahmen liegt bloß, quillt vor. Wenn man es sich selbst überlässt, dauert es nicht lang, bevor es von der Natur in ihre Arme genommen wird. Plötzlich das innere Bild: Das Badehaus fällt in sich zusammen. Ein Haufen Steine, ein paar verfaulende Holzlatten bleiben übrig. Reste, die von Menschenhand zeugen. Ein paar Badeschuhe, eine Badehose aus Synthetikmaterial. Eine zerbrochene Matte aus Plastik. Ein paar Sonnenliegen. Nur das Wasser sprudelt immer noch heiß aus dem Inneren der Erde, wie seit Tausenden von Jahren.

Die schwarzweiße Katze, die schon seit Jahren zu diesem Platz gehört, begleitet mich, als ich gehe. Den ganzen Winter ist sie sich selber überlassen. Wenn sie Glück hat, kommt jemand einmal am Tag und füttert sie. Wir gehen ein Stück zusammen. Irgendwann bleibt sie stehen, neben einem Müllcontainer, der vielleicht das Ende von ihrem Revier markiert. Nach einer Weile drehe ich mich nach ihr um. Sie sitzt immer noch da und schaut mir nach. Keine Ahnung, was in einem Katzenkopf vor sich geht.

Auf dem Sandweg begegne ich einem Rudel Schafen, die hier ausschwärmen dürfen, von ihrem Menschen begleitet. Eines stellt sich auf zwei Hinterbeine, pflückt Blätter von einem Baum. Sie drehen um, als ich komme, laufen in einer Staubwolke vor mir her, in den Sonnenuntergang hinein.

Als ich heimkomme, ist es schon dunkel. Ich hänge die Badekleider auf. Mache mir etwas zu essen. Setze mich auf die Terrasse, an einen der blauen Tische. Trinke etwas Retsina mit Sodawasser. Füge der Skizze, die ich der heißen Quelle gemacht habe, noch ein paar Pinselstriche hinzu.

Freitag, 25. Oktober 2019

Freitag

Warum habe ich so oft Probleme mit dem Einschlafen, wenn ich weiß, dass ich am nächsten Tag früh aufstehen muss?

Las im Bett in Richard Sennetts Buch "Der flexible Mensch".

Fiel zum zweiten Mal diese Woche.

1) (vor ein paar Tagen) Hob etwas vom Boden auf und schob dabei den Stuhl beiseite, auf dem ich gerade gesessen hatte. Dann versuchte ich, mich auf eben diesen Stuhl zu setzen, er stand aber nicht mehr da. Landete mit voller Wucht auf dem Boden.

2) (heute) Trug Ls Rollstuhl mit seinem Rucksack die Treppe hinunter und verpasste den letzten Treppenabsatz. Fiel vornüber und prellte mir mein Knie, als ich auf dem harten Steinboden aufkam.



Mittwoch, 23. Oktober 2019

Mittwoch

Ich rufe in der Röntgenabteilung des Krankenhauses an und frage, ob ich schon einen Termin für mein cbct-Röntgen bekommen habe, das die Zahnchirurgin für mich angeordnet hat. Als ich sagen will, wann ich in Urlaub fahre, bringe ich die Daten völlig durcheinander. Erst sage ich sie richtig, werde dann unsicher, korrigiere mich, versuche mich zu orientieren. Ich weiß plötzlich nicht einmal, welcher Tag heute ist, fange mich aber dann schnell wieder. Glücklicherweise bekomme ich noch einen Termin für nächste Woche.

Zu P sagte ich vorgestern am Telefon: "Jetzt ist ja bald Sommer".

Eine leichte Unruhe liegt im Raum. Ist was los mit mir?

Ein Nachbar spricht mich durch mein geöffnetes Küchenfenster an. Ob ich auch so viele Silberfischchen in meiner Wohnung habe. Er kann sich vor Silberfischchen gar nicht mehr retten. Er staubsaugt jetzt jeden Tag, aber es reicht nicht. Bei mir sind keine Silberfischchen, sage ich, und im selben Moment fühle ich mich schuldig, als hätte ich soeben gelogen.

Kurze Zeit später möchte er mir noch etwas sagen: Die eine Waschmaschine im Keller klickt beim Waschen, als würde sie sich ständig ein- und ausschalten. Außerdem riecht seine Wäsche komisch. Ich gehe zum Waschkeller und schalte die Waschmaschine probeweise ein, kann aber nichts Außergewöhnliches feststellen. Ich stecke meinen Kopf in die Waschtrommel und schnuppere. Es riecht ganz normal, finde ich.

Manchmal kommt es mir vor, als würde ich mich in einem seltsamen Film befinden. Dazu gehört auch, dass die Nase meines Nachbarn ganz eingepflastert war.

Dienstag, 22. Oktober 2019

Dienstag

Jeden Morgen schaue ich als Erstes nach, ob Trump immer noch sein Amt ausüben darf. Ein deprimierender Tagesanfang, seit drei Jahren schon.

Aß heute im Ko Thai zu Mittag. Es war wie immer sehr gut. Ich hatte mein Handy zuhause gelassen und mein Buch vergessen und wurde plötzlich mit meiner Rastlosigkeit konfrontiert. Las die Speisekarte dreimal. Schaute aus dem Fenster auf einen großen Parkplatz. Eine Frau mit aufgespritzten Lippen. Ihr Freund, der sie mit einer Hand vor sich herschob. In der anderen hielt er eine Zigarette.

Brachte zuvor endlich die von meiner Küchenrenovierung von vor zwei Jahren übrig gebliebenen Kacheln weg, außerdem einen kleinen Gitarrenverstärker, einen Fahrradhelm, ein paar ausrangierte Brillen.

Sprach mit K am Telefon. Ich versuchte ganz ehrlich zu sein, und sie antwortete auch mit Ehrlichkeit. Wir haben uns verletzbar füreinander gemacht. Sie weiß jetzt, wer ihr Vater war. Leider lebt er seit vier Jahren schon nicht mehr, aber sie fährt zum Jahreswechsel nach Las Palmas, um etwas mehr über ihn herauszufinden.

Habe heute wieder alles schleifen lassen, aber wenigstens ein wenig Griechisch und Portugiesisch gelernt und dann eine Lektion meines Zeichenkurses absolviert. Figuren gezeichnet: geschwungene Linien, Kreise, Eier, freie Formen. Ich zeichnete ein Porträt von Johannes Kepler, benützte meine Erdpigmentfarben und war sehr zufrieden mit dem Resultat.

Holte ein Buch aus der Bibliothek ab. Designing Regenerative Cultures von Daniel Christian Wahl.

Abends ging ich ins Aikido, fühlte mich aber schwach und hungrig. Ich sprach hinterher lange mit J, der jetzt offiziell eine Arbeit als Architekt sucht. Seine Sanftheit und die Geschmeidigkeit in seinem Aikido. Ich mag ihn sehr. Es ist mir unmöglich, mir vorzustellen, dass er jemals wütend wird.




Sonntag, 20. Oktober 2019

Sonntag allein

Am Vormittag flickte ich meine alte Levis. Sie hat schon viele Flicken und hat jetzt noch einen bekommen. Hinten war ein neues Loch. Ich nähte ein Stück Stoff von innen dagegen, mit Stichen in Spiralform. Dann veröffentlichte ich ein Bild von meiner geflickten Jeans auf Instagram. Immer wieder schaute ich im Laufe des Tages nach, wie viele Leute ein Herzchen angeklickt haben. Die geflickte Jeans war ein Renner. Jetzt, am Abend habe ich schon fast 50 Herzchen, aus aller Welt. Mein Tageserfolg.

Ich fuhr mit meiner neugeflickten Jeans in die Kunsthalle und schaute mir eine Ausstellung von Michael Rakowitz an (der aus einer irakisch-jüdischen Familie stammt und in New York lebt): The Invisible Enemy Should Not Exist. Als ich in der Buchhandlung ein wenig zerstreut in Büchern blätterte, durchfuhr mich plötzlich eine Einsicht, wie vieles ich nicht getan oder gesagt habe, aus Angst vor der Reaktion (Ablehnung) anderer. Deshalb bin ich auch immer am liebsten alleine gewesen. Um dieser Unruhe/Angst zu entgehen. Mein Leben: ein Resultat meiner Vermeidungsstrategie. Und jetzt kommt mir vor, dass ich endgültig in einer Sackgasse gelandet bin. Ich habe keine Ahnung, was aus mir werden soll.

Ich setzte mich in die Kaffeebar am Möllevångstorget. Eigentlich wollte ich in meinem Buch lesen („The Overstory“), fühlte mich aber rastlos und vom Gespräch am Nachbartisch abgelenkt. Ich konnte partout nicht ausmachen, welche Sprache sie sprachen. Erst dachte ich Italienisch, dann Spanisch. Vielleicht war es Rumänisch. Eine Frau, zwei Männer. Die Männer redeten, die Frau schwieg.

Wieder zuhause, flickte ich noch eine Jeans und hörte einen Podcast. Es ging um das Böse, ein seltsamer, unmoderner Begriff, aber am Ende des Podcasts musste ich eingestehen, dass ich oft bewusst auf die dunklen Impulse in mir höre. Dass ich mein Leben nicht selten mit meiner Arroganz vergifte. Dass ich mich vor mir selber rechtfertige, die Schuld auf andere schiebe, oder ganz einfach die Wahrheit ein wenig frisiere, um so besser dazustehen. Kann ich die Wahrheit sagen? Was passiert, wenn ich es tue?

Ich nahm das Fahrrad und fuhr in den Garten, wo ich mit der Arbeit weitermachte, die ich vor ein paar Tagen angefangen habe: den Efeu beschneiden. Ich kletterte mit der Gartenschere auf eine wacklige Leiter und dachte kurz, wenn mir etwas passiert, findet mich hier niemand. Das Telefon hatte ich bewusst zu Hause gelassen. Die Arbeit tat mir gut. Ich war zufrieden, als ich wieder nach Hause fuhr.

Machte eine Chilipaste, Kochte Spaghetti, aß sie mit Pesto und Vegohack. Dazu gekochter Mangold, noch vom Vorjahr aus dem Gefrierschrank. Trank ein leichtes Budweiser. Beschloss, mich nicht um eine Arbeit zu bewerben, die ich mit ziemlicher Sicherheit sowieso nicht kriegen würde.


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Lesbos 13/12 2021

Am Morgen wachte ich zum Plätschern des Regens auf. Machte mir Kaffee, schmierte mir Brote, packte eine Portion gesalzene Oliven in den Ruck...