"Sometimes there's so much beauty in the world I feel like I can't take it, like my heart's going to cave in." (Ricky Fitt in "American Beauty")
Dienstag, 2. Oktober 2007
Kleiner Mann
Der kleine Mann nahm nicht viel Platz ein. Er passte auf einen meiner Fingernägel. Oft machte er stundenlang auf meinem Schreibtisch sauber. Er war überhaupt sehr reinlich. Sein winziger Hut glänzte, als wäre er lackiert, seine kleinen Hosen hatten scharfe Bügelfalten. Er aß täglich eine Brotkrume und trank eine Kugelschreiberkappe voll Milch und machte sich Sorgen um sein Gewicht. Seine Stimme war erstaunlich wohllautend und durchdringend. Manchmal sang er mir ein selbst erfundenes Lied vor, und hätte er es nicht geleugnet, so hätte ich geglaubt, dass er eine Gesangsausbildung absolviert hatte. Die Texte waren hatten häufig einen etwas eintönigen sexuellen Inhalt. Sein Hauptinteresse galt großen behaarten Frauen, und die meisten Lieder handelten von Entdeckungsreisen in gewisse behaarte, aber auch feuchtere Gegenden. Er litt an Schwermut, und behauptete, dass er in der Nacht nicht schlafen konnte und stundenlange einsame Kletterausflüge in den Teppichfransen unternahm, bis er vor Erschöpfung (und Verzweiflung!, rief er) einfach umfiel. Er wollte gern fliegen lernen und hatte Flügel toter Insekten gesammelt, aber er hatte Angst, dass man ihn dann mit einem Insekt verwechseln und erschlagen könnte. Er wusste nicht so recht etwas mit seinem Leben anzufangen, sagte er. Seine Eltern waren normal groß gewesen, seine Mutter hatte nicht einmal gemerkt, als sie schwanger war. Seine Geburt fand statt, als seine Eltern mit Freunden an einem Sommerabend ein feuchtfröhliches Gartenfest feierten, mit Lampions und Nacktbaden im See und anschließendem Partnertausch. Ich konnte bereits kriechen, aber noch nicht gehen, sagte er, als ich ins taunasse Gras fiel. Ein Regenwurm hat sich meiner angenommen. Auch jetzt gehörte es zu seinen größten Vergnügungen, im Garten auf einem Regenwurm zu reiten, und die Regenwürmer ließen es sich gefallen. Er konnte die Regenwurmsprache (behauptete er) und weinte bitterlich, wenn er irgendwo einen plattgetretenen oder vertrockneten Regenwurm herumliegen sah. Ich nahm ihn gern mit auf meine Spaziergänge im Wald, er wog ja nicht viel. Ich setzte ihn auf mein Brillengestell, wo er es mühelos stundenlang aushielt. Er hatte unglaublich scharfe Augen und wusste überhaupt vieles über Wetterumschwünge und Vogelstimmen. Aus irgendeinem geheimnisvollen Grund konnte er übrigens russisch und trank manchmal Wodka aus seiner Kugelschreiberkappe und fing dann an, auf russisch herumzujammern und Kasatschek zu tanzen. In meiner Wohnung musste ich auf Zehenspitzen herumlaufen, um nicht aus Versehen auf ihn zu treten. Einige Bereiche des Fußbodens hatte ich zu Tabuzonen für ihn erklärt, um die Gefahr eines Unglücks so gering wie möglich zu halten. Ich hatte ihm eine kleine Schachtel häuslich eingerichtet, mit einem Radiergummi als Bett und einem Wasserklosett mit Abflussrohren aus Strohhalmen, was seiner Reinlichkeit sehr entgegen kam. Es machte mir Spaß, mir kleine Dinge für ihn auszudenken. Ich hatte begonnen, eine kleine Gitarre für ihn zu basteln (als Saiten würde ich verschieden dicke Körperhaare verwenden). Vielleicht käme er sich dann nicht mehr ganz so nutzlos vor. Ich konnte mir ein Leben ohne ihn gar nicht mehr vorstellen. Bevor er auftauchte (er war plötzlich eines Tages da, ganz ohne Vorwarnung, behauptete, er habe ein Jahr im Hörsaal der Universität gelebt, sich dann aus Abenteuerlust einem Studenten ans Jackett gehängt und sei in der U-Bahn zu mir herübergesprungen, weil ich gerade so herzzerreißend geseufzt hatte), hatte mir nichts gefehlt, geschweige denn ein kleiner Mann, der regenwurmisch und russisch konnte und Lieder eintönigen sexuellen Inhalts sang. Jetzt ging er mir ab, sobald ich das Haus ohne ihn verließ. Freunde fanden, ich sei seltsam geworden und forderten mich auf zum Arzt zu gehen, aber ich lächelte nur und ließ sie reden. Er ging so unbemerkt von dieser Welt, wie er in sie eingetreten war, ohne Laut, ohne Schrei. Ich bin sicher, es war Selbstmord. Ich setzte ihn in einem Blumentopf in meinem Zimmer bei, vergrub auch die noch unfertige kleine Gitarre und ließ einige Regenwürmer an der Zeremonie teilnehmen. Ich weiß: wer nicht liebt, dem kann nichts genommen werden. Erst nach Wochen wusch ich den winzigen Blutfleck notdürftig aus dem Teppich. Ich meldete mich für einen Russischkurs an der Volkshochschule an. Seine Lieder habe ich aus dem Gedächtnis notiert und singe sie an späten Abenden Gästen vor, die aber in der letzten Zeit immer weniger geworden sind und immer früher nach Hause gehen. Manchmal fahre ich stundenlang mit der U-Bahn durch die Stadt, ohne zu wissen, was das eigentliche Ziel meiner Reise ist.
Mittwoch, 12. September 2007
Erinnerung an einen Frühling
{in den Tiefen meines Laptops verbergen sich manchmal Texte, die ich vergessen habe, so wie dieser, den ich "Still im Haus" nannte.)
Still im Haus und vorsichtige Annäherung: die leise Berührung der Katzen am Hosenbein. Während ich am Abend (Mondsichel zunehmend) was ich am Tag getan habe betrachte. Erster Frühlingssonnentag und ich im Balkonkäfig, Goldstaub in der Luft, drei Männer mit schwarzen Anzügen und Hüten um eine geöffnete Motorhaube. Dann meine Farbenfreude, Farbenlust, Pinselstrauß, und Angst, was mache ich hier, und Farbentoben, Farbenwüten, ganz zeitentfernt
Morgens Blutentnahme, Blutprobenröhrchen, Blutprobenzimmer
Weil ich doch stiftabhängig mein Kopfkäfig mich immer wieder eingittert
Sobald ich den Stift in die Faust nehme
Jetzt Morgenkühle, Katzenübungen, Schreibkaffee, bin ich mir selber verloren gegangen oder bin ich erst so ganz verloren bei mir selber
Meine Tagesliste (Katzenfutter, Waschzeit, Telefongespräch, Bücher zurückbringen), ich bin nichts, nur dieser ständig wandernde Geist. Und die Feuerlöcher, geflickt, in meinem Gewand, und die brennende Haut. Und alles, was in mich hinein- und durch mich hindurch, und was wieder verschwindet, versickert, verdunstet, ein unaufhörlicher Anfang
Während ich Papier zerfetze und Stück für Stück wieder zusammensetze, meine Tagesarbeit (wie faszinierend es war, die Schmalfilme der Kindheit rückwärts zu sehen, der Kopfsprung mit den Füßen voraus aus dem Wasser)
Dienstag, 11. September 2007
Elstern
Ich lasse die Katze auf dem Zaun balancieren, aber sie kommt aus dem Gleichgewicht und fällt auf der falschen Seite hinunter.
Meine Mutter ruft an und sagt, sie hat es satt, auf meinen Vater Rücksicht zu nehmen.
Ich bin zu müde, um mich auszuruhen.
Sonntag, 9. September 2007
21:08
"Everything must have a name" (David Shrigley, Malmö Konsthall)
Es fällt mir schwer, die Dinge und Ereignisse zu benennen.
Ich sage: "Alles wird leichter." (Weil ich weniger Zeit zum denken habe.)
Es scheint die Sonne. Ich gehe durch die Stadt.
"Fühlst du dich hier wohl?" "Manchmal."
Ich träume: ich bin im Zug, auf dem Weg irgendwohin, ich öffne das Fenster, es schlägt mir eine eisige Kälte entgegen, eine Winterkälte, die es in meinem Leben nicht mehr gibt, und von der mir plötzlich bewusst wird, wie sie mir fehlt. (Eine Kälte, die einem den Atem nimmt.)
Ich schlafe gut, ich erinnere mich kaum.
Mittwoch, 5. September 2007
Nachmittagssonne
Zwei junge Männer gehen unter dem Balkon vorbei und unterhalten sich über verschiedene Mobiltelefonhersteller.
Täglich kommen neue Bücher mit der Post, die ich auf meinem Schreibtisch staple.
Dienstag, 4. September 2007
Stehen
In der Sonne saß ich und las, und die Katze saß im Gebüsch, ganz aufmerksam und entspannt und ohne jedes Urteil.
Wenn ich die Ohren öffne, dann höre ich die Stille der Welt.
Ich möchte keine Fähigkeiten mehr lernen. Ich möchte akzeptieren lernen, was ist.
Charlotte Selver:
It's not what you think should be,
but what is, that is interesting.
Montag, 3. September 2007
Buchpaket
Moshé Feldenkrais: Die Entdeckung der Selbstverständlichkeit
Heinrich Jacoby: Jenseits von 'Begabt' und 'Unbegabt'
Elsa Gindler - von ihrem Leben und Wirken ('Wahrnehmen, was wir empfinden')
Sensory Awareness as a Practice for Life (The Teachings of Charlotte Selver and Charles V.W. Brooks)
Gleichzeitig lese ich die Ellmann-Biographie über James Joyce.
Zwei Teile meiner gespaltenen Persönlichkeit: der eine, der mir in schlichter Güte erlauben will, endlich so zu sein, wie ich bin (ohne mich mit anderen zu vergleichen), der andere, der die Welt in Genies und Versager einteilt (wobei ich natürlich zu den Versagern zähle, obwohl ich mich den Genies zugehörig fühle). Es ist nicht schwer einzusehen, welche dieser Teilpersönlichkeiten "gesünder" ist als die andere, aber sie sind zweifellos ständig in meinem Innern im Kampf miteinander.
In der Nacht schlaflos im Bett kritzle ich folgendes in mein Tagebuch:
(Darin geht es über einen erfolglosen Freund Joyce's, der als Müßiggänger mit leichtsinnigen Gewohnheiten beschrieben wird.):
"Als er älter wurde, entartete sein Charakter noch mehr, und sein Tod in der Themse, wahrscheinlich ein Selbstmord, kam einem plumpen Einverständnis in die eigene Unzulänglichkeit gleich."
(Einerseits möchte ich diese Aussage unterstreichen, andererseits wehre ich mich dagegen, dass jemand wegen seiner "Unzulänglichkeit" in die Themse springen muss und dafür auch noch mit dem Attribut "plump" belegt wird.)
Lesbos 13/12 2021
Am Morgen wachte ich zum Plätschern des Regens auf. Machte mir Kaffee, schmierte mir Brote, packte eine Portion gesalzene Oliven in den Ruck...
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1 I want to tell a story, but nothing happens. 2 I wrote a story, but it became all wrong. 3 Don't you ever get tired of your own ...
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Wusste bis soeben nicht, dass Schubert diesen Spitznamen trug (wegen "seiner Hässlichkeit, seiner niedrigen Herkunft und seines Mangels...
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Die Herzbuckel rasen so vor sich hin. Das Haar wächst zu einem Schwanz und die Fingernägel zu Krallen. Ich suche nach einem Rezept für ...