Freitag, 3. Juli 2020

29. Juni -

2020/06/29 23:26

Heute überschlugen sich Wellen, schäumten an den Strand. Aber wenn man über die ersten hinweggekommen war, war das Wasser nur wenig bewegt. Der Delphinia-Besitzer grüßte mich freudig, als ich mit dem Fahrrad ankam. Erst dachte ich, es sei vielleicht verboten, den Weg am Meer entlang zu radeln. Wie geht's? Gut, und dir? Gut. Die üblichen Begrüßungsfloskeln.

Unkraut jäten um die Akazie herum. Steige auf die Leiter, um tote Äste abzusägen. Knipse kleine Terpentinpistazien ab, grabe Schafgarbe aus und Quecke. Ein Apfelbäumchen hat sich selber gesät. Mit meinen Werkzeugen gehe ich ans Werk. Wühle in der Erde, werfe Steine zur Seite. Alles ist von Ameisen untergraben. Ich glaube, dass sie die Akazie zum Absterben bringen, weil die Baumwurzeln dann ins Leere wachsen. Machte ein paar Bilder von der Schafgarbe im Gegenlicht. Schnitt verblühte Akanthus-Stängel ab, zerteilte sie, gleich in den Sack hinein.

Videogespräch mit A. Die kleinen Katzen wuseln auf dem Sofa um ihn herum. Er hatte mir am Freitag eine Nachricht geschickt. Er habe "ziemlich gute Neuigkeiten". "Jetzt machst du mich neugierig", schrieb ich. "Das war beabsichtigt", antwortete er. Am nächsten Morgen schrieb ich "Ich bin jetzt auf drei Alternativen gekommen". "Jetzt machst du mich neugierig.", schrieb er. "Das war beabsichtigt", antwortete ich. Heute wollte er erst meine drei Alternativen hören. Er hörte sie sich an, ohne mit der Wimper zu zucken. "Es ist eine von deinen drei Alternativen", sagte er: Er hat sich eine Wohnung gekauft und zieht von L weg. Er hatte alles schon durchgezogen und abgeschlossen, bevor er L überhaupt von seinen Plänen erzählte, der den Sommer in seinem Haus auf dem Land verbringt. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er eine eigene Wohnung. In Damaskus hatte er zwar eine Wohnung für sich und seine "zukünftige Familie" gekauft und sie renoviert, aber er verließ das Land, bevor er in die Verlegenheit gekommen wäre, sich eine Frau zu suchen. Die Wohnung war nur eine Hinhaltetaktik seiner Familie gegenüber. Er wusste schon damals, dass er nie heiraten wollte, jedenfalls keine Frau.


28. Juni -

2020/06/28 21:51

Das Neueste: Ich lege Gläser ins Gefrierfach, damit sie eiskalt sind, wenn ich sie mit Apfelschorle (oder heute: mit Bier) fülle. Ich habe drei Eiswürfelformen im Gefrierfach. Ich träufle Zitronensaft in das Wasser in der Eiswürfelform. Wenn noch Eiswürfel im Glas übrig sind, wenn ich (gierig, durstig) ausgetrunken habe, lege ich das Glas mit den Eiswürfeln ins Eisfach. Abends spüle ich die Stufen vor der Terrasse mit Brunnenwasser, das schnell verdunstet, aber trotzdem ein kurzes Gefühl von Frische entstehen lässt.

Vor den Mücken fliehe ich am Abend schnell ins Innere des Hauses, obwohl ich lieber draußen sitzen würde. Ich habe eine geschwollene und schmerzende Stelle unter dem linken Auge. Heute habe ich sie mit einer leichten Kortisonsalbe eingerieben. Manchmal stelle ich mir vor, das unter meiner Haut ein Insekt brütet, das beim Auskriechen die Haut zum Platzen bringt.

Auf dem Herd köcheln jetzt eine Auberginen-Tomatensoße und Spaghetti. Eigentlich bin ich von Chips, Pistazien und Bier schon satt. Nach einem Tag, an dem ich kiloweise Unkraut gestochen und abgeschnitten habe, teilweise in der sengenden Sonne.

Auf dem Weg zum Meer fuhr ich an meinem "Stalker" vorbei. Ich versuchte, ihn so natürlich wie möglich zu grüßen, bekam aber wieder nur einen starren Blick als Antwort.

Im Bett die Heuschrecke (Zikade?), die noch nicht weiß, dass Punxy nichts lieber tut als mit der Tatze nach diesem hüpfenden Spielzeug zu schlagen. Wenn ich kann, fange ich sie in meinen hohlen Händen und trage sie nach draußen.

Ich habe das Meer abends oft für mich alleine. Heute kam ein kleines hellblaues Fischerboot ans Ufer. Eine Griechin im Bikini watete ins Wasser und kletterte dann an Bord. Was ist die Geschichte dahinter?

Ich weiß noch, dass heute Sonntag ist, und wenn ich mich anstrenge, komme ich auch auf das Datum. Habe wieder nur ein Drittel von den Dingen gemacht, die ich mir vorgenommen hatte.

27. Juni -

2020/06/27 08:35

Morgen. Ein Samstagmorgen. Sitze bei geöffneter Terrassentür auf dem Bett, esse Brot mit Tahini und Honig und trinke Kaffee. Vom Dorf hört man Lautsprecherdurchsagen eines Pickup-Verkäufers. Hier Vogelgezwitscher. Schwalben segeln durch die Luft. Ich habe mein Iphone in den neu aufgeräumten Schuppen gelegt, habe aber beim Wasserholen neben dem Teepavillon bereits die NYT heruntergeladen. Die Nachrichten sind nicht ermutigend. Manchmal denke ich sogar, vielleicht ist das wirklich unsere letzte Zeit auf Erden. Vielleicht mutiert der Virus zu einer Bösartigkeit, die wir uns noch nicht vorstellen können. Aber das sind nur düstere Gedanken ohne jede Konstruktivität.

Tatsache ist, dass die Lockerungen in vielen Ländern zum Ansteigen der Infektionszahlen geführt haben, auch in Deutschland. Tönnies, eine Fabrik-Schlachterei in NRW, vermeldete über tausend Fälle. Mehrere Landkreise (Gütersloh und Waren) wurden jetzt wieder geschlossen.

In England strömten in den letzten Tagen die Menschen an die Strände. Erschreckende Bilder von Menschenmassen, die sich dicht an dicht am Meer drängen. Viele blieben im Schlick stecken und mussten von der Rettungswacht rausgeholt werden, weil sie versucht hatten, bei Ebbe ins Wasser zu gehen. Gestern sah ich auf Instagram (auf dem Konto "@2minutesbeachclean") Bilder von den leeren Stränden, nachdem die Massen nach Hause gegangen waren: eine müllübersäte Wüste. Da die Toiletten noch nicht geöffnet hatten, verrichteten mehrere Leute ihr Geschäft in Pappkartons, die sie dann am Strand liegen ließen, wo das Reinigungspersonal sie wegräumen musste.

In den Südstaaten der USA ist es auch zu Rekordanstiegen gekommen. Texas hat jetzt wieder eine Schließung der Bars angeordnet. Die sogenannten "roten" Staaten haben das Problem, dass viele Leute das Tragen einer Maske als eine Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit ansehen bzw. den Verzicht auf die Maske als politisches Statement. Auch Trump und der Roboter Pence treten immer ohne Maske auf. Es gibt offensichtlich immer noch Leute, die den Virus ernsthaft als eine Erfindung der Demokraten betrachten. Und Trump gießt Öl in die Flammen. Er wird (will?) ein brennendes Land hinterlassen, wenn er im November aus dem Amt gewählt wird, was ziemlich sicher der Fall ist (falls es ihm nicht gelingt, die Wahlvorgänge zu seinen Gunsten zu beeinflussen).

In der NYT las ich außerdem, dass immer mehr Reiche in den Vereinigten Staaten ihre persönlichen Bunker haben, geräumige, voll ausgestattete unterirdische Notunterkünfte. Was sagt uns das über das reichste Land der Erde? Was sagt es uns über Menschen?


26. Juni -

2020/06/26 11:54

Der Wahrheit ins Auge schauen: Ich habe Probleme mit meiner Selbstdisziplin.

Den Morgen verbringe ich mit ausgedehnter Lektüre der New York Times. Ich verliere mich auf Instagram, und auch wenn ich das Telefon zehnmal weglege und mir vornehme, dass ich es nicht in die Hand nehme, habe ich es kurze Zeit später doch wieder in der Hand. Und wenn ich mir vornehme, dass ich "nur kurz dies oder das nachschaue", bin ich hinterher doch wieder in der Kommentarsektion der New York Times oder schaue nach, was meine Lieblings-Instagrammer vor drei Jahren veröffentlicht haben. Zwar habe ich mir jetzt seit Monaten vorgenommen, früher ins Bett zu gehen und früher wieder aufzustehen, aber es ist doch immer wieder nach Mitternacht, wenn ich das Licht ausschalte. Ich gehe etwas ziellos im Garten herum, gieße die Tomaten, komme aber dann schnell zu dem Schluss, dass es zu heiß ist, etwas anderes zu tun und verschiebe die Gartenarbeit auf den Abend.

Ich habe ein Bullet Journal, das mir hilft, die Tage etwas zu strukturieren. Meine Erwartungen sind allerdings gesunken. Die Mail zu checken oder eine Mail zu schreiben gehört zu den Dingen, die ich mir bereits als Erfolg anrechne. Ich hätte Zeit, hier stundenlang zu meditieren oder ein dickes Buch zu schreiben, aber ich bin froh, wenn ich täglich 25 Minuten auf meinem Sitzkissen sitze und dieses Tagebuch weiterführe. Außerdem zwanzig Minuten Yoga täglich und meine Griechisch-Lektionen, die allerdings so gut wie keinen Effekt im Alltagsleben zeigen. Die griechische Hitze kann ich nicht für alles verantwortlich machen. Das meiste könnte ich am frühen Morgen, z.B. von 6 bis 9 Uhr, erledigen, aber oft ist es elf oder sogar zwölf, bis ich mit meinem Programm anfange.

Ich kann mich freilich damit beruhigen (und tue es auch), dass viele Dinge in meinem normalen schwedischen Alltagsleben viel Zeit beanspruchen, allein das Einkaufen, das Anstehen in Schlangen an der Kasse, von einem Ort zum anderen zu kommen oder unnötige Runden zum nahegelegenen Flohmarkt. Hier habe ich nichts zu tun, außer da zu sein, zu atmen, Dinge in meiner Umgebung zu registrieren, zu essen, zu schlafen. Was wie ein Mangel an Effektivität aussieht, ist vielleicht ganz einfach ein Resultat der Tatsache, dass ich mehr Zeit habe.

Ich habe in der letzten Zeit versucht, mich von der Idee zu verabschieden, dass ich mein Leben eines Tages "zum Besseren" wenden könnte. Was das bedeuten könnte, weiß ich eigentlich gar nicht. Vielleicht, dass ich mehr Geld verdiene. Dass ich für die Dinge, die ich tue, Anerkennung (in Form von Geld) bekomme. Dass ich Projekte, die ich mir vornehme, wirklich durchziehe. Das Letzte ist der heikelste Punkt, weil er wirklich etwas mit meinem Verhalten zu tun hat. Ich habe so viele gute Ideen und führe sie ganz einfach nicht ins Ziel, gebe auf, bevor ich überhaupt angefangen habe oder verliere auf dem Weg den Glauben daran. Ich habe immer noch den Traum, eines Tages einen großen Erfolg zu landen, der mich in ein Paradies aus Sicherheit und Anerkennung katapultiert. Aber ich weiß ja selbst, dass das eine Illusion ist. Es gibt keinen Zustand, mit dem man je zufrieden sein könnte. Das ist wie der Wunsch nach "Likes" auf Instagram oder Facebook. Je mehr ich davon bekomme, desto süchtiger werde ich danach. Es gibt keinen Status Quo, bei dem ich je das Gefühl habe, dass es jetzt "reicht". Ich sehne mich nach Aufmerksamkeit, nach Applaus, sogar nach Belohnung. Das ist ein seltsamer Widerspruch zu meiner Selbstgenügsamkeit, meiner Fähigkeit, mit wenig auszukommen, meinem Desinteresse an Prestige oder materiellen Dingen. Mein Wunsch nach Anerkennung ist außerdem gepaart mit meinem schwer zu überwindenden Impuls, mich zu verstecken und andere Leute von mir fernzuhalten. Tief in mir wahrscheinlich Arroganz, Egoismus, die Überzeugung, dass ich "etwas Besseres" verdient habe,

Wenn ich Freunden oder Bekannten gegenüber erwähne, dass ich faul und lethargisch bin, dann behaupten sie oft, dass sie niemanden kennen, der so viel Selbstdisziplin hat wie ich. Es ist aber nur ein Schein, vielleicht sogar von mir selber in die Welt gesetzt. Ich habe die Fähigkeit, anderen eine Version von mir zu vermitteln, die mich in einem guten Licht dastehen lässt. Deshalb haben auch meine Therapeuten (insgesamt 5) nach einiger Zeit meistens zu mir gesagt, dass sie überhaupt nicht sehen können, wo mein Problem eigentlich liegt.

Seit Jahren faszinieren mich Menschen, die aus dem Karussell ausgestiegen sind, die mit wenig oder gar keinem Geld auskommen, die dem Wahnsinn unserer Konsumgesellschaft den Rücken zudrehen. Seit Jahren bin ich erstaunt darüber, wie wenig ich eigentlich brauche, auf wie viel ich verzichten kann. Gleichzeitig weiß ich, dass diese Art von Leben nur deshalb möglich ist, weil sie auf dem Rücken der Konsumgesellschaft stattfindet, weil woanders die Leute die Arbeit für mich tun. Ich könnte nicht einmal einen Füllfederhalter herstellen, geschweige denn einen Computer. Eigentlich kann ich überhaupt nichts. Wenn alle Leute so wären wie ich, dann wäre das Leben unvergleichlich härter, dann ginge es wirklich ums nackte Überleben, nicht nur darum, sich so weit wie möglich rauszuhalten. Es gäbe keinen Strom, keine Straßen, keine Schiffe, nicht einmal ein Fahrrad oder einen Wurzelstecher, vielleicht sogar nicht einmal Knöpfe.

Hier kommen wir zu der Frage, die vor ein paar Tage bei mir auftauchte, als ich zwei Knöpfe an meine Levi's "All Duty"- Shorts nähte: Seit wann gibt es Knöpfe eigentlich? Und wo wurden sie erfunden? Wie ist jemand auf den Gedanken gekommen, und wie hat sich die Knopf-Idee weiterentwickelt? Und wer hat den „Knopf“ getauft?

Hamish und Cleo haben eine gemeinsame Sprache, es ist eine Art Gurren. Cleo benutzt diese "Sprache" nur, wenn Hamish auftaucht. Ich finde es überhaupt faszinierend zu sehen, welche Katzen Cleo & Co. akzeptieren und tolerieren und welche sie ohne Zögern von der Terrasse (oder der Nähe der Terrasse) jagen. Die verjagten Katzen (Julia, Bibi) kommen trotzdem zurück. Manchmal schaffen sie es, hier zu fressen, sogar Streicheleinheiten zu bekommen, bevor sie wieder verjagt werden. Cleo liegt jetzt schnurrend auf dem Bett. Ich habe inzwischen wieder aufgegeben, ihr die Augentropfen verpassen zu wollen, um keine Bakterienresistenz auszulösen. Muss nächste Woche mit Myrsini reden.


25. Juni -

2020/06/25 23:56

Ich habe das Gefühl, als hätte ich seit vielen Tagen nichts geschrieben, aber es war erst gestern.

Sitze auf dem Bett, eigentlich müde, will aber noch ein paar Sachen festhalten.

Es geht ein starker Wind, die Katzen sind draußen. Ich habe heute damit angefangen, gewisse Probleme, die ich beim Malen habe, anzupacken. Jeden Tag ein neues Thema. Heute: Steinwände und -mauern.

Ein alter Mann, der mir auf meinem Weg zum Meer täglich begegnet, flößt mir ein etwas unbehagliches Gefühl ein. Heute stand er neben dem Tor, in das ich einbiege, um zum Meer hinunter zu fahren. Ich war unruhig, er würde mir folgen und dankbar, dass ein paar Menschen am Strand waren, aber er kam nicht. Es ist vielleicht nur Einbildung. Das Seltsame ist, dass er meinen Gruß nie entgegnet, mich aber immer eindringlich anschaut. Vielleicht hat er mein Grüßen als eine Einladung, eine Aufforderung verstanden, vielleicht habe ich irgendeine Geste gemacht, die in seinen Augen eine doppelte Bedeutung hat? So komische Gedanken muss man sich als Frau machen. Seit ich hier bin, habe ich die Tür nie abgeschlossen, auch in der Nacht nicht, heute dachte ich kurz daran, ob ich vielleicht damit anfangen sollte. Idiotisch. Es ist sicher nur Einbildung.

Habe im Garten jetzt damit angefangen, um die Büsche herum aufzuräumen. Olivenschösslinge und kleine Terpentinpistazien siedeln sich dort an. Eine war schon einen Meter hoch gewachsen. Ich habe sie abgesägt, im vollen Bewusstsein dessen, dass sie wieder nachwachsen wird.

Der alte Mann von der Tankstelle geht jeden Abend mit einer Gießkanne zu seinen Pflanzen. Er hat auf der anderen Seite der Straße eine kleine Bepflanzung angefangen, vor einigen Jahren schon, und jetzt pflegt er sie täglich. Wie viele Betriebe ist auch die Tankstelle ein Familienunternehmen. Drei Generationen arbeiten dort. Der mittlere der Männer, Sohn des alten und Vater des jungen, hat gestern mit einem Besen den Straßenrand gefegt, mindestens hundert Meter, inklusiver der kleinen Brücke, die über das (meist ausgetrocknete) Flussbett geht. So ist es, wenn man sich tagein, tagaus an derselben Stelle aufhält: man fängt an, Verantwortung dafür zu übernehmen, es macht einem was aus, wenn es verkommt. Man gestaltet, lässt sich etwas einfallen, worum man sich kümmern kann.

Habe in den letzten Tagen den Schuppen ausgeräumt und sauber gemacht. In der unerträglichen Hitze zwang ich mich heute, wenigstens fünf Minuten am Schuppen zu arbeiten. Mit einem kleinen Besen fegte ich alle Balken ab. Als die fünf Minuten vergangen waren, machte ich weiter. Ich räumte alles bis auf ein paar Kleinigkeiten wieder hinein.

Beobachtete einen Skorpion, der aus dem Schuppen-Gerümpel hervorkroch und einen neuen Unterschlupf suchte. Der nach oben gebogene Schwanz mit dem Stachel. Ich stupste ihn mit einer Tonscherbe am Schwanz an, weil ich sehen wollte, wie er sich bewegt, und er flitzte so schnell über die Mauer auf mich zu, dass ich erschrocken zurückwich. Tödlich sind die Stiche der Skorpione wohl nicht, aber auch nicht angenehm.

Ich habe heute das Fernglas geholt, das unter dem Dach war, um mir die Vögel näher anschauen zu können. Wir haben ein Vogelbuch da, in dem ich den Vogel mit dem weckerähnlichen Ruf finden müsste. Das Fernglas habe ich von meinem Vater bekommen, ein Jahr vor seinem Tod, es war sein eigenes, noch aus den sechziger Jahren, und ich sehe ihn jetzt vor mir, in Wanderkleidung, das Fernglas um den Hals.

Die Deutsche Bahn hat heute (nach zwei Monaten) auf eine Mail von mir geantwortet. Es ging um eine Erstattung wegen Corona. Für die gebuchte Hinreise Malmö-Kopenhagen Ende April hatte ich bereits problemlos einen Gutschein bekommen und dann angefragt, ob es aus Kulanzgründen möglich wäre, auch die Rückreise erstattet zu bekommen, da ich ja nicht zurückfahren könne, wenn die Hinreise nicht stattgefunden habe. Eigentlich hatte ich mir nicht sehr viel Hoffnung gemacht und war deshalb hoch erfreut, als mir heute ein Gutschein über 68 Euro zugesendet wurde, einzulösen bis Juni 2023. Das Wort "Kulanz" ist schön. Auf Schwedisch existiert es meines Wissens nicht.

Müde. Es ist schon wieder nach Mitternacht. Ich schlafe schon seit einigen Tagen ohne Bettdecke, nur mit dem leeren Bettüberzug.


23. Juni -

2020/06/23 17:42

Es ist passiert: der Flug ist gebucht, für den 31.Juli. Geänderte Pläne, weil die Fähre nicht mit dem Flug zu kombinieren ging: Ich verbringe die Nacht in Athen auf dem Flugplatz, wie auf meiner Herreise. Vielleicht mache ich noch einen Upgrade zu Business Class, dann habe ich im Flugzeug mehr Platz, kann ein Gepäckstück mitnehmen und habe Zugang zur Lounge am Flugplatz, jedenfalls bis 23:00 Uhr. Frühstück ab 5 Uhr morgens. Als die Entscheidung gefallen war, fühlte ich mich erleichtert, vielleicht sogar etwas froh. P plant, im September und Oktober hierher zu kommen, und ich bin dann wieder für November eingeplant. Die Virus-Situation ist zwar nicht besser als bei meiner Herreise, aber ich muss einfach irgendwann einmal zurück, auch aus praktischen Gründen. Meine Zahnbehandlung. Mein Aufenthaltsstatus. Der Workshop.

Heute Früh ein erfrischender Regen. Es plätscherte wohltuend vom Dach auf die Terrasse, als ich aufwachte. Und das, nachdem ich gestern Abend noch bis zum Einbruch der Dunkelheit mit der Wasserpumpe gekämpft hatte. Schließlich sah ich, dass Vangelis den Hahn, der zu unserem Grundstück führt, im Pumpenhaus zugedreht hatte. Ein Triumph, als ich das frustrierende Rätsel endlich gelöst hatte, aber auch leichte Irritation darüber, dass er sich nicht an meine Anweisungen hält oder sie missversteht. Wir haben keine gemeinsame Sprache. U muss als Mittlerin einspringen, aber sie kennt das Pumpensystem nicht und hat auch keine Lust, sich damit zu beschäftigen. Jetzt der Morgenregen, der mir die Erlaubnis gab, ein bisschen länger im Bett zu bleiben und zu lesen.

Gestern eine Fahrradtour nach Petra und weiter Richtung Anaxos, in den Gartenladen, in dem man vor allem tönerne Blumentöpfe in allen Größen bekommt, aber auch scheußliche Gartendekoration und pseudogemauerte Brunnen. Ich wollte noch mal die Frage nach Solana stellen, aber die zwei Besitzer, die von der Hitze erschöpft im Ladenraum saßen, erkannten die Pflanze nicht einmal, als ich ihnen auf dem iPad das Bild zeigte. Ich kaufte eine kleine Dose weißen Lack für die Kühlschranktür und fuhr dann zurück nach Petra, wo ich endlich im Schreibwarenladen, von dem mir alle erzählt hatten, einen Block mit Aquarellpapier kaufte. Keine 1A-Qualität, aber zehnmal besser als alles Papier, was ich in den letzten Monaten benützt habe. Das stellt mich jetzt wieder vor andere Probleme. Wie kann ich dem Papier gerecht werden?

Im Lebensmittelladen redete mich der grauhaarige Gemüseabwieger mit "Agapi mou" an, "meine Liebe", was mich wie ein warmer Strom durchflutete. An der Frischwarentheke kaufte ich wieder eingelegte Fischchen und eine Portion grüne Oliven, die die Verkäuferin aus einer der viereckigen Kanister schöpft. Dann zwei Packungen Espresso, diesmal nicht die "goldene", sondern die "rote" Qualität, um andere Ausgaben wieder wettzumachen. Dann nach Hause, Mittagessen auf der Terrasse. Den heißen Nachmittag verbrachte ich damit, das neue Papier zu testen. Zu mehr reichte es irgendwie nicht.

Jeden Tag habe ich ein oder zwei "Aufgaben", gegen die ich einen riesigen Widerstand aufbaue. Heute habe ich Geld für meine private Rentenversicherung auf mein deutsches Konto überwiesen, wie jedes halbe Jahr eine (für mich) große Summe. Zwar hatte ich das Geld (und auch schon das, welches im Dezember ansteht) schon in meine Finanzplanung eingebaut gehabt, es gibt also nichts zu befürchten, aber es ist trotzdem jedes Mal ein ziemlicher Gefühlsakt. Hinterher fühlte ich mich erleichtert, ganz buchstäblich. Trotzdem musste ich gleich wieder mein verbleibendes Geld zählen, und ausrechnen, wie lange es reicht, um mir zu bestätigen, dass alles noch im grünen Bereich ist.

Gestern Abend, als ich bei der Bewässerungsaktion wieder übers Gelände marodierte, entdeckte ich, dass direkt neben unserem Schuppen auf dem Nachbargrundstück ein Solanabusch steht. Ich musste lachen. Die langwierige Suche nach dem Schatz, der sich dann vor der eigenen Haustür befindet.


21. Juni

2020/06/21 19:48

Nach einem heißen Tag mit einem heißen Wind sitze ich jetzt am "Katzentisch", der am Abend im Schatten liegt, wenn die Abendsonne über die Terrasse flutet. Katzentisch, weil die Katzen ihn zu ihrem auserkoren haben. Cleo liegt auf einem der luftigen Stühle, Caesarion und Punxy liegen auf dem warmen Betonboden.

Gestern nichts geschrieben. Der Akanthus ist jetzt langsam verblüht und muss geschnitten werden, damit er seine tausend Samen nicht in alle Richtungen schießt. Am Olivenbaum sieht man jetzt schon winzig kleine grüne Oliven. Die Feigen werden täglich grösser. Einen Birnbaum habe ich auch entdeckt, aber ich habe keine Ahnung, ob die Birnen gut sind. Es gibt auch einen Apfelbaum, an dem ich drei Äpfel entdeckt habe.

Cleos Auge ist wieder von einem dünnen weißlichen Film überzogen und tränt. Vorgestern habe ich ihr Augentropfen verpasst, aus zwanzig Zentimeter Abstand von oben, während sie auf dem Bett lag, aber sofort verfiel sie wieder in ihr altes Misstrauen. Sobald ich mich nähere, springt sie weg. Andere Katzen kann ich im Nacken packen, aber bei ihr bekomme ich keinen Griff. Vielleicht ist diese Erkrankung etwas, was kommt und geht. Ich will trotzdem noch einmal mit Myrsini reden. Adiamantos verschwindet jetzt bald nach Athen.

Ich übe mich im Hiersein. Die Hitze annehmen. Die Tatenlosigkeit annehmen. Die Wiederholung meines Tagesrhythmus annehmen. Wenn viele überflüssige Beschäftigungen und Begegnungen wegfallen, ist der Tag unendlich lang. Es macht keinen Sinn, ihn nach Fabrikzeit einzuteilen. Ich muss darauf vertrauen, dass alles im richtigen Moment geschieht.
Es gibt einen Vogel hier mit einem durchdringenden Laut. Ich habe mich jetzt schon daran gewöhnt. Einmal dachte ich, es wäre ein elektronisches Gerät, das piept. Als hätte jemand seinen Wecker nicht ausgestellt. Aber wer sollte hier einen Wecker gestellt haben, so nahe? Wenn ich auf die Terrasse gehe und in die Zweige der abgestorbenen Terpentinpistazie blicke, kann ich ihn dort sitzen sehen. Er ist erstaunlich klein, es ist kaum zu glauben, dass er so laute Töne hervorbringen kann. Jedes Mal, wenn ich den Fotoapparat hole, fliegt er weg. Und ich kann es nicht dabei belassen, ihn einfach nur anzuschauen, ohne ihn "einfangen" zu wollen.

Gestern, als ich Champignons dünsten wollte, krabbelten zwei Ohrenfüßler (die bestimmt ganz anders heißen) aus der Papiertüte. Den einen konnte ich abfangen und nach draußen tragen. Der andere war inzwischen nicht mehr zu sehen und dachte, er hätte schon das Weite gesucht. Als ich die Champignons geschnitten hatte und in die Pfanne schüttete, sah ich ihn am Pfannenrand entlangkrabbeln. Ich kippte die Pfanne, um zu verhindern, dass er ins heiße Öl fiel, aber meine Bewegung hatte den entgegengesetzten Effekt. Er rutschte von der Kante ab, und wurde von dem heißen Öl sofort frittiert. Den ganzen restlichen Tag trauerte ich über den grausamen und überflüssigen Tod dieses Ohrenfüßlers.

Lese jetzt schon das zweite Buch von Mary Stewart (schottische Autorin, 1916-2014): Griechenland-Thriller, geschrieben 1962 und 1964. Eine Mischung aus Unterhaltungsroman und Thriller. Auf dem Umschlag steht, dass sie zu den meistverkauften Autoren des 20. Jahrhunderts gehörte. Hatte noch nie etwas von ihr gehört. Ein schamloses Lesevergnügen. Das erste Buch, das auf Korfu spielte, hatte ich innerhalb eines Tages ausgelesen. Es gefiel mir nicht nur der Griechenland-Flair, sondern auch die Parallelen zu Shakespeares "Sturm", die sich durchs ganze Buch zogen. Das Buch, das ich jetzt lese, spielt auf Kreta. Der Plot ist wieder spannend.

Jetzt ans Meer. Der längste Tag des Jahres heute. Für die nächste Woche ist fast nur Sonne angesagt, Temperaturen über 30 Grad.


Lesbos 13/12 2021

Am Morgen wachte ich zum Plätschern des Regens auf. Machte mir Kaffee, schmierte mir Brote, packte eine Portion gesalzene Oliven in den Ruck...